Kreationismus

21. August 2008 12:19; Akt: 21.08.2008 13:52 Print

Neue Kritik an umstrittenem LehrmittelNeue Kritik an umstrittenem Lehrmittel

Die Evolutionstheorie im Biologie-Unterricht ist den Kreationisten ein Gräuel. Das zeigt sich auch im Kampf um das Oberstufen-Lehrmittel «NaturWert» im Kanton Bern.

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Grundlage jeden Kreationismus ist die Annahme, dass die Welt erschaffen wurde. Dieser Glaube an die Schöpfung spielt in den meisten Religionen eine zentrale Rolle. Auch im Islam gibt es kreationistische Strömungen, die nur eine wörtliche Auslegung des Koran akzeptieren. Im Übrigen beschränken wir uns hier jedoch auf die christlich inspirierten Spielarten des Kreationismus. Zwar müssen sich Evolutionstheorie und kreationistisches Weltbild nicht unbedingt fundamental widersprechen. Dennoch wird die wissenschaftlich anerkannte Theorie von vielen Kreationisten erbittert bekämpft. Extrem wörtlich nehmen die «Flach-Erdler» die Heilige Schrift. Da dort von den «vier Ecken der Welt» die Rede ist, glauben sie an eine flache Erde. Kaum weniger radikal sind jene, die — ebenfalls unter Berufung auf die Bibel — daran glauben, dass die Sonne um die Erde kreist. Beide heute nur noch selten vorgebrachten Thesen fussen auf dem Weltbild der alten Israeliten. Eine weitere Gruppe von Kreationisten glaubt, dass die Erde vor 6000 bis Jahren in sechs Tagen erschaffen wurde. Zahlreiche geologische Phänomene erklären sie mit der Sintflut. Das Alter der Erde berechnen sie aus Angaben aus der Bibel. Immerhin akzeptieren sie aber eine kugelförmige Erde und ein heliozentrisches Modell des Sonnensystems. Die Omphalos-Theorie nimmt ebenfalls an, dass die Welt erst vor ein paar tausend Jahren erschaffen wurde. Aus irgendeinem Grund hat der Schöpfer ihr aber den Anschein gegeben, als sei sie Millionen Jahre alt. Manche Kreationisten glauben, dass die Erde zwar so alt ist, wie die Wissenschaft postuliert, der Schöpfer aber das Leben erst nach einer langen Pause in sechs Tagen schuf. Wieder andere glauben, jeder der sechs Tage der Schöpfung entspreche Tausenden von irdischen Jahren. Progressive Kreationisten akzeptieren praktisch die gesamte wissenschaftliche Kosmologie inklusive Urknall. Hingegen lehnen sie die Evolutionstheorie ab und glauben, der Schöpfer habe alle Spezies nacheinander erschaffen. Unter dem Label «Intelligent Design» (ID) versuchen Kreationisten unterschiedlicher Couleur, den Schöpfungsgedanken erneut in den Biologieunterricht zu schmuggeln. Der Trick dabei: Es wird kein expliziter Schöpfer mehr genannt. ID behauptet, verkürzt gesagt, die Komplexität des Lebens könne nicht spontan entstanden sein. Dahinter stecke ein intelligentes Design, somit ein Designer. Es bleibt die Frage: Wer designte den Designer? Anhänger einer Theistischen Evolution gehen davon aus, dass der Schöpfer die Welt durch Evolution erschaffen hat, wobei das Ausmass seiner Eingriffe je nach Standpunkt variiert. Der Papst und die gemässigten Protestanten hängen dieser Glaubensrichtung an. Sie akzeptiert die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse und zieht Gott für Dinge wie zum Beispiel die Erschaffung der menschlichen Seele heran. Für jene Anhänger einer Materialistischen Evolution, die nicht atheistisch sind, hat ein Schöpfer die Welt erschaffen, mischt sich seither aber nicht mehr in seine Schöpfung ein.

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Das umstrittene Lehrmittel «NaturWert» steht erneut in der Kritik. Auch die überarbeitete Fassung sei tendenziell kreationistisch, monieren zwei Lehrkräfte. Der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver hat dafür kein Verständnis.

Bereits im November 2007 hatten Fachpersonen heftige Kritik an dem Lehrmittel geäussert. Dieses sei kreationistisch eingefärbt und stelle die Evolutionstheorie in Frage, lautete der Vorwurf.

Die kantonale Erziehungsdirektion beschloss noch im selben Monat, umstrittene Passagen überarbeiten zu lassen. Sie war der Meinung, in einem naturwissenschaftlichen Lehrmittel gehöre die biblische Schöpfungslehre nicht auf die gleiche Stufe wie die Evolutionstheorie.

Lehrerkommentar bemängelt

Die im Juni erschienene, überarbeitete Fassung ist nach Ansicht der Arbeitsgruppe «Bildung und Aufklärung» jedoch ein Schlag ins Wasser. Der Arbeitsgruppe gehören ein Physiklehrer und eine Biologielehrerin aus Köniz an.

Der Lehrerkommentar lade geradezu dazu ein, eine kreationistische Sicht gleichberechtigt neben eine wissenschaftliche zu stellen, schreiben sie in einer Medienmitteilung. Das Lehrmittel dürfe in dieser Form nicht eingesetzt werden.

Pulver hat kein Verständnis

Für diese Kritik hat der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver aber kein Verständnis. Das umstrittene Faltblatt für die Schüler, das missverständliche Formulierungen enthalten habe, sei ersetzt worden, sagte er auf Anfrage.

Hingegen habe man den rund 70-seitigen Lehrerkommentar zu den Faltblättern für die Schüler aus Kostengründen nicht völlig neu drucken lassen. Dieser enthalte deshalb immer noch den ursprünglichen Kommentar zum ersetzten Faltblatt. Ein Korrigendum dazu sei aber der überarbeiteten Auflage beigelegt worden.

Man könne von jedem Lehrer erwarten, dass er dieses Korrigendum verstehe, sagte Pulver weiter. Er sehe deshalb keinen Handlungsbedarf.

(sda)