Dem Mörder entkommen

22. Februar 2012 15:37; Akt: 23.02.2012 09:34 Print

«Daniel H. hatte getrunken und war ungepflegt»«Daniel H. hatte getrunken und war ungepflegt»

von Annette Hirschberg - Sabina ist 20, als sie im März 2009 einem gewissen Dani H. begegnet. Er will ihre Kleidergrösse wissen, verspricht ein Shooting und viel Geld. Zwei Tage später wird er zum Mörder.

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Daniel H. am 28. Februar vor Gericht: Viele Fragen kann er nicht klären. Gerichtspräsident Rüegg (auf der Zeichnung links) während der Befragung mit Daniel H. Der Fall von Lucie Trezzini schockierte die Schweiz: Das Leben der 16-Jährigen wurde von Daniel H. abrupt und brutal am 4. März 2009 beendet. Der inzwischen 28-Jährige tötete das Aupair-Mädchen einer Familie aus Schwyz in seiner Wohnung in Rieden AG. Das Drama begann am HB in Zürich. Daniel H. spricht die 16-Jährige aus Fribourg am Banhof Zürich kurz nach 14.20 Uhr an. Es ist ihr freier Tag und sie will ihn in der Stadt verbringen. Wie es in der Anklageschrift heisst, ködert er sie mit einem angeblichen Model-Job. Es gebe am Nachmittag eine Schmuckvorführung in Baden, erzählt er dem Mädchen. Lucie könne schnell 500 Franken verdienen. Um zu zeigen, wie ernst das Angebot ist, nimmt H. ihre Masse und notiert sie vor ihren Augen auf einen Zettel. Geblendet von der Masche willigt das Mädchen ein und geht mit ihm nach Rieden in seine Wohnung. Im Dachgeschoss dieser Liegenschaft wohnt Daniel H. zu diesem Zeitpunkt. Während Lucie auf das Fotoshooting wartet, konsumiert H. im versteckten Kokain und trinkt zwei Bier. Zwischendurch montiert er Fotoleuchten, zieht ein schwarzes Fixleintuch übers Bett - angeblich für das Foto-Shooting. Daniel H. (im Vordergrund) ringt zunächst noch mit sich selbst, ob er die Tat begehen soll. Nach rund einer Stunde fällt er den Entschluss: Er will Lucie umbringen. «Zweck der Tat war es», steht in der Anklageschrift, dass er keinen Sinn mehr in seinem Leben sah. Der Mord sollte ihn zurück ins Gefängnis bringen, wo er «für immer weggeschlossen» werden würde. Daniel H. lässt das Aupair-Mädchen für einen Moment alleine im Schlafzimmer und geht ins Büro nebenan. Er packt die auf dem Boden liegende Gewindestange seiner zerlegten Hantel und kehrt zur ahnungslosen Lucie zurück. Er schlägt mit der Hantelstange zu. «Mit den Schlägen gegen den Kopf hörte der Beschuldigte dabei erst auf, als Lucie Trezzini mit zertrümmertem Schädel reglos in Rückenlage am Boden lag», heisst es in der Anklageschrift. Danach holt er ein Tranchiermesser aus der Küche und schneidet ihr die Kehle durch - «um ihren Tod sicherzustellen». Der heute 28-Jährige (ganz links im Bild) sass bereits vor dem Mord von Lucie im Gefängnis. Erst 2004 acht Monate lang in Lenzburg, danach in der Arbeitserziehungsanstalt Arxhof. Er hatte 2003 eine Arbeitskollegin fast totgeschlagen - «im Drogenrausch», Mit dem Tod von Lucie will er wieder ins Gefängnis. Lucie war laut Angaben ihrer Gastfamilie sehr zuverlässig und kommt spätestens um 22 Uhr nach Hause. Als sie an jenem Abend im März 2009 nicht nach Hause kommt, ruft ihre Gastfamilie gegen halb elf auf Lucies Handy an. Es blieb still. Noch in der selben Nacht wird die Polizei eingeschaltet, später folgt die Vermisstenmeldung: «Lucie Trezzini: 165 cm gross und von schlanker Statur». Lucies letztes Lebenszeichen war ein Anruf bei einer Freundin kurz vor ihrem Tod. Beim Telefongespräch mit der Freundin erzählte Lucie, sie sei von einem Unbekannten gefragt worden, ob sie bereit sei, für Fotos mit Schmuck zu posieren. Die Freundin schreibt danach mehrere SMS an Lucie. Eine Antwort bleibt aus. In der Folge lanciert die Polizei eine Suchaktion. Nach seiner Tat verlässt Daniel H. das Haus: Er besucht seine Eltern, kauft eine Flasche Martini und kehrt danach zurück ins Haus. Er verbringt eine letzte Nacht in seiner Wohnung. Neben seinem Bett liegt am Boden die Leiche von Lucie. Am nächsten Morgen steht er auf und beginnt die Spuren zu verwischen. Er schleppt Lucie in die Dusche, Wäscht ihr das Blut vom Körper. Gemäss Anklageschrift reinigt er ihr «insbesondere Anal- und Genitalbereich». Am Abend verlässt er die Wohnung. Die kommenden Tage verbringt er bei seiner Freundin B.I. in Küsnacht ZH. Bis zu seiner Verhaftung. Die Polizei kommt Daniel H. am 8. März auf die Spur. Er wird zur Verhaftung ausgeschrieben. Am 9. März teil Urs Winzenried, Abteilungschef der Kriminalpolizei Aargau, mit, dass sich der H. der Stadtpolizei Zürich gestellt hat. Die letzten Hoffnungen Lucie Trezzini lebend wiederzufinden, erlischen am 9. März. Die Polizei bestätigt, dass sie die Leiche gefunden haben. Die Polizisten finden grauenhafte Spuren der Gewalt in der Wohnung von Daniel H. Das Haus, indem der Täter wohnte, wird in der Folge zum Ort der Trauer und der Wut. Abschiedsworte und ... ... wütende Parolen - Seite an Seite. Noch bevor Lucie beerdigt wird, besuchen ihre Mutter und Lucies Freund den Tatort. 12 Tage nach ihrem Tod findet Lucie Trezzini zur ewigen Ruhe. Jugendliche tragen Ihren Sarg nach dem Trauergottesdienst am 16. März 2009 aus der Kirche Christ-Roi in Fribourg. Die engsten Angehörigen und mit ihnen hunderte Menschen nehmen zusammen mit Bischof Bernard Genoud (rechts) von Lucie Abschied. Der freie Nachmittag in Zürich endet für das 16-jährige Aupair-Mädchen tödlich. Die Wut auf Daniel H. und die Behörden schlägt in der Folge grosse Wellen. Immer mehr Details rücken auch über den Täter ins Tageslicht. In dieser Küche arbeitete Daniel H. bis zum 19. Februar. Er soll tadellose Arbeit geleistet haben, hatte aber offenbar ein Drogenproblem. Im Februar tauchte er plötzlich nicht mehr auf. André Leimgruber, der Chef von Daniel H., ist tief schockiert über die brutale Tat seines ehemaligen Mitarbeiters.

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Kapuzenpulli, Käppi, ein Bier in der Hand: Plötzlich stand er vor ihr. Die Begegnung mit Daniel H. ist Sabina (Name geändert) so präsent, als ob es gestern gewesen wäre. «Er hatte getrunken und war ungepflegt», erinnert sich die 23-Jährige an den 2. März 2009 am Zürcher Bellevue. Es war Montagabend und sie wollte mit ihrer Freundin Nadine gerade die Odeon-Bar betreten, als Daniel H. sich vor ihnen aufstellte.

Was folgte, hatte der spätere Mörder von Lucie Trezzini ab Januar 2009 bis am 4. März mindestens 110-mal mit jungen Frauen durchgezogen, wie es in der Anklageschrift heisst: Er bot den Frauen einen Model-Job an sowie die Aussicht auf 500 Franken
Gage. Mal waren es Foto-Shootings, mal Schmuck-Aufnahmen, mal Aufnahmen im Wellness-Bereich. Sabina und Nadine log Daniel H. an diesem Abend ein Goldschmuck-Shooting vor.

«Dani H. hat uns fast leid getan»

Seine Geschichte wirkt für die Frauen wie er selbst: wenig vertrauenerweckend. Auf sein Angebot gehen sie nicht ein, doch Daniel H. gibt nicht auf. «Er folgte uns ins Odeon und setzte sich neben uns», erzählt Sabina. Sein Vater, beginnt er in der Bar erneut, sei Goldschmied in Zürich und suche für die Präsentation seiner Kreationen Models. Das Shooting finde am Wochenende statt. Zum Anprobieren der Garderobe sollten sie aber jetzt mit ihm kommen. Ganz in der Nähe, im Goldschmiede-Geschäft im Zürcher Niederdorf, befänden sich bereits die schwarzen Kleider für die Aufnahmen.

«Wir lachten und sagten ihm, er könne solche Märchen anderen Frauen erzählen oder Models über eine Agentur buchen», sagt Sabina. Obwohl sie keinen Hehl daraus machten, dass sie ihm nicht glaubten, liess er nicht locker. «Er betonte immer wieder, es sei seriös und versuchte, uns zu überzeugen.» Er macht das, was jeder gute Lügner in einer solchen Situation macht: Er erfindet Details. «Er begann genaue Angaben zum Shooting zu machen», sagt Sabina. Erzählt von harmlosen Detailaufnahmen von Hand- und Fusskettchen. Décolleté-Bilder gebe es nur, wenn sie sich wohl fühlten und damit einverstanden seien.

Daniel H. zieht einen Zettel hervor und will die Kleidergrössen der beiden 23-Jährigen wissen. Obwohl er ihnen suspekt war, liessen sich Sabina und Nadine auf ein Gespräch mit ihm ein und gaben auch Informationen über sich preis. «Wir fühlten uns in der Bar sicher und er wirkte überhaupt nicht gefährlich», so Sabina. Wie auch. Die beiden Frauen können den Mann kaum ernst nehmen: Das ungepflegte Äussere, das nervöse Gezappel. «Für uns war klar», sagt Sabina, «er hatte bestimmt schon Kokain konsumiert.» Dass sie das nicht abschreckte, hatte einen einfachen Grund, sagt Sabina: «Er war so ein abgestürzter Typ, er hat uns ein wenig leid getan.»

«Er hat mit lauter Lügen eine schillernde Blase konstruiert»

Daniel H. wittert die Chance. Um die zwei Frauen zu beeindrucken und im Gespräch zu halten, erfindet er weitere Geschichten. Er habe Koch gelernt, erzählt er, sich aber weitergebildet und studiere an der ETH. «Als wir nachfragten, erfand er irgendeine Studienrichtung, die es gar nicht gibt», sagt Sabina. Und er macht weitere Fehler. Er habe gerade Semesterferien und lege Prüfungen ab, will er Sabina und Nadine weismachen. Weil vor Kurzem das neue Semester angefangen hatte, wussten die zwei Frauen jedoch, dass er log. «Er hat mit lauter Lügen eine schillernde Blase konstruiert», sagt Sabina.

Das Gespräch franst aus. Daniel H. verliert die Lust, packt irgendwann seinen Rucksack und verschwindet. «Er sagte», erinnert sich Sabina, «dass er nun seinen Taxifahrer rufe und sich nach Hause fahren lasse.» Bevor er geht, drückt er den Frauen aber noch ein Kärtchen mit seinem Namen und seiner Handy-Nummer in die Hand. «Wir sollten ihn anrufen, falls wir es uns anders überlegen.» Dass er mit dem Kärtchen selbst die Polizei auf seine Spur führen würde, ahnte der spätere Mörder in diesem Moment nicht.

«Er wirkte nie gewalttätig»

Sabina besucht am folgenden Samstag ihre Eltern in Pfäffikon SZ. Am Bahnhof, in der Stadt – überall sieht sie die Vermisst-Anzeigen mit dem Bild von Lucie. Die 16-Jährige ist seit drei Tagen verschwunden. Das letzte Lebenszeichen ist ein Gespräch mit einer Freundin am Mittwochabend. Sie erzählte von einem Fotoshooting bei einem Unbekannten. «Als ich die Geschichte mit dem Fotoshooting hörte, habe ich sofort die Polizei angerufen.» Sabina gibt eine Beschreibung von Daniel H. und dessen Handy-Nummer weiter. Noch am selben Abend finden die Ermittler die Leiche von Lucie in Dani H.s Wohnung in Rieden AG. Erschlagen und mit durchgeschnittener Kehle liegt das Aupair-Mädchen in der Dusche des 28-jährigen Kochs. Am Montag – es ist der 9. März – stellt sich Daniel H. der Stadtpolizei Zürich.

«Als mir klar wurde», erinnert sich Sabina, «dass dieser fahrige Mann ein 16-jähriges Mädchen umgebracht hatte, war ich fassungslos.» Daniel H. habe im Odeon zu keinem Zeitpunkt furchterregend oder gewalttätig gewirkt. «Wir hatten Glück», sagt Sabina, «dass wir seine Lügengeschichten durchschauten und seinen Drogenkonsum erkannten.»