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Dem Mörder entkommen
22. Februar 2012 15:37; Akt: 23.02.2012 09:34 Print
«Daniel H. hatte getrunken und war ungepflegt»
von Annette Hirschberg - Sabina ist 20, als sie im März 2009 einem gewissen Dani H. begegnet. Er will ihre Kleidergrösse wissen, verspricht ein Shooting und viel Geld. Zwei Tage später wird er zum Mörder.
Kapuzenpulli, Käppi, ein Bier in der Hand: Plötzlich stand er vor ihr. Die Begegnung mit Daniel H. ist Sabina (Name geändert) so präsent, als ob es gestern gewesen wäre. «Er hatte getrunken und war ungepflegt», erinnert sich die 23-Jährige an den 2. März 2009 am Zürcher Bellevue. Es war Montagabend und sie wollte mit ihrer Freundin Nadine gerade die Odeon-Bar betreten, als Daniel H. sich vor ihnen aufstellte.
Sabina (Name geändert) schwatzte zwei Tage vor Lucies Ermordung lange mit Dani H. Auch sie wollte er als Model gewinnen.
Was folgte, hatte der spätere Mörder von Lucie Trezzini ab Januar 2009 bis am 4. März mindestens 110-mal mit jungen Frauen durchgezogen, wie es in der Anklageschrift heisst: Er bot den Frauen einen Model-Job an sowie die Aussicht auf 500 Franken
Gage. Mal waren es Foto-Shootings, mal Schmuck-Aufnahmen, mal Aufnahmen im Wellness-Bereich. Sabina und Nadine log Daniel H. an diesem Abend ein Goldschmuck-Shooting vor.
«Dani H. hat uns fast leid getan»
Seine Geschichte wirkt für die Frauen wie er selbst: wenig vertrauenerweckend. Auf sein Angebot gehen sie nicht ein, doch Daniel H. gibt nicht auf. «Er folgte uns ins Odeon und setzte sich neben uns», erzählt Sabina. Sein Vater, beginnt er in der Bar erneut, sei Goldschmied in Zürich und suche für die Präsentation seiner Kreationen Models. Das Shooting finde am Wochenende statt. Zum Anprobieren der Garderobe sollten sie aber jetzt mit ihm kommen. Ganz in der Nähe, im Goldschmiede-Geschäft im Zürcher Niederdorf, befänden sich bereits die schwarzen Kleider für die Aufnahmen.
«Wir lachten und sagten ihm, er könne solche Märchen anderen Frauen erzählen oder Models über eine Agentur buchen», sagt Sabina. Obwohl sie keinen Hehl daraus machten, dass sie ihm nicht glaubten, liess er nicht locker. «Er betonte immer wieder, es sei seriös und versuchte, uns zu überzeugen.» Er macht das, was jeder gute Lügner in einer solchen Situation macht: Er erfindet Details. «Er begann genaue Angaben zum Shooting zu machen», sagt Sabina. Erzählt von harmlosen Detailaufnahmen von Hand- und Fusskettchen. Décolleté-Bilder gebe es nur, wenn sie sich wohl fühlten und damit einverstanden seien.
Daniel H. zieht einen Zettel hervor und will die Kleidergrössen der beiden 23-Jährigen wissen. Obwohl er ihnen suspekt war, liessen sich Sabina und Nadine auf ein Gespräch mit ihm ein und gaben auch Informationen über sich preis. «Wir fühlten uns in der Bar sicher und er wirkte überhaupt nicht gefährlich», so Sabina. Wie auch. Die beiden Frauen können den Mann kaum ernst nehmen: Das ungepflegte Äussere, das nervöse Gezappel. «Für uns war klar», sagt Sabina, «er hatte bestimmt schon Kokain konsumiert.» Dass sie das nicht abschreckte, hatte einen einfachen Grund, sagt Sabina: «Er war so ein abgestürzter Typ, er hat uns ein wenig leid getan.»
«Er hat mit lauter Lügen eine schillernde Blase konstruiert»
Daniel H. wittert die Chance. Um die zwei Frauen zu beeindrucken und im Gespräch zu halten, erfindet er weitere Geschichten. Er habe Koch gelernt, erzählt er, sich aber weitergebildet und studiere an der ETH. «Als wir nachfragten, erfand er irgendeine Studienrichtung, die es gar nicht gibt», sagt Sabina. Und er macht weitere Fehler. Er habe gerade Semesterferien und lege Prüfungen ab, will er Sabina und Nadine weismachen. Weil vor Kurzem das neue Semester angefangen hatte, wussten die zwei Frauen jedoch, dass er log. «Er hat mit lauter Lügen eine schillernde Blase konstruiert», sagt Sabina.
Das Gespräch franst aus. Daniel H. verliert die Lust, packt irgendwann seinen Rucksack und verschwindet. «Er sagte», erinnert sich Sabina, «dass er nun seinen Taxifahrer rufe und sich nach Hause fahren lasse.» Bevor er geht, drückt er den Frauen aber noch ein Kärtchen mit seinem Namen und seiner Handy-Nummer in die Hand. «Wir sollten ihn anrufen, falls wir es uns anders überlegen.» Dass er mit dem Kärtchen selbst die Polizei auf seine Spur führen würde, ahnte der spätere Mörder in diesem Moment nicht.
«Er wirkte nie gewalttätig»
Sabina besucht am folgenden Samstag ihre Eltern in Pfäffikon SZ. Am Bahnhof, in der Stadt – überall sieht sie die Vermisst-Anzeigen mit dem Bild von Lucie. Die 16-Jährige ist seit drei Tagen verschwunden. Das letzte Lebenszeichen ist ein Gespräch mit einer Freundin am Mittwochabend. Sie erzählte von einem Fotoshooting bei einem Unbekannten. «Als ich die Geschichte mit dem Fotoshooting hörte, habe ich sofort die Polizei angerufen.» Sabina gibt eine Beschreibung von Daniel H. und dessen Handy-Nummer weiter. Noch am selben Abend finden die Ermittler die Leiche von Lucie in Dani H.s Wohnung in Rieden AG. Erschlagen und mit durchgeschnittener Kehle liegt das Aupair-Mädchen in der Dusche des 28-jährigen Kochs. Am Montag – es ist der 9. März – stellt sich Daniel H. der Stadtpolizei Zürich.
«Als mir klar wurde», erinnert sich Sabina, «dass dieser fahrige Mann ein 16-jähriges Mädchen umgebracht hatte, war ich fassungslos.» Daniel H. habe im Odeon zu keinem Zeitpunkt furchterregend oder gewalttätig gewirkt. «Wir hatten Glück», sagt Sabina, «dass wir seine Lügengeschichten durchschauten und seinen Drogenkonsum erkannten.»



























