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Kindsmörder
08. März 2010 12:57; Akt: 08.03.2010 17:25 Print
«Es war Inkompetenz oder Rassismus»
Die brasilianische Mutter des getöteten 4-jährigen Florian erhebt schwere Vorwürfe gegen die Vormundschaftsbehörden. Sie kann sich den Entscheid, das Kind in die Obhut des vorbestraften Vaters zu geben, nur mit absoluter Inkompetenz oder mit Diskriminierung wegen ihrer Hautfarbe erklären.

Die Mutter des getöteten Florian und ihr Anwalt Burkard Wolf stellten sich in Zürich den Medien. (Bild: Amir Mustedanagic/20 Minuten Online)
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Trauerzug für Florian
Die Mutter von Florian kritisiert die Vormundschaftsbehörde Bonstetten scharf: «Mir haben sie nichts geglaubt, aber Gustav alles», erklärte sie am Montag anlässlich einer Pressekonferenz in Zürich. Für den Entscheid einem vorbestraften Mann das Obhutsrecht für ein Kind zu überlassen, gibt es für sie aber nur zwei Gründe: «Entweder war es berufliche Inkompetenz oder Diskriminierung», so die 35-Jährige vor den Medien. Sie glaube, dass Rassismus beim Entscheid eine Rolle gespielt habe. Die Behörde habe sie oft wegen ihres Kleidungsstils kritisiert und sie «abschätzig» behandelt.
Gemeinde nimmt keine StellungDie Gemeinde Bonstetten liess in einer an der Medienkonferenz verteilten Mitteilung verlauten, sie nehme zum jetzigen Zeitpunkt zu den Einzelheiten des Vorfalls keine Stellung. Sie nehme die Bemerkungen der Mutter zur Kenntnis und werde sie in die laufende Untersuchung einfliessen lassen.
Die Gemeinde arbeite eng mit den kantonalen Behörden zusammen, um den «tragischen Vorfall» aufzuklären. Die Vormundschaftsbehörde habe beide Elternteile «eng» und «sachgemäss» begleitet. (sda)
Die Chronologie
Ende 2007: Die Mutter von Florian ist am Ende: Marciana möchte nicht mehr für ihren Mann anschaffen und entscheidet sich für eine Trennung. Sie spielt mit dem Gedanken nach Brasilien zurück zu kehren.
Februar 2008: Marciana wendet sich an ihren Anwalt. Er verschafft ihr und Florian einen provisorischen Platz im Frauenhaus. Doch es kommt nicht so weit: Die Behörde entscheidet Florian an eine Pflegefamilie zu geben. Die Hintergründe sind bisher unbekannt.
Dezember 2008: Marciana hat eine eigene Wohnung, verdient ihr Geld nicht mehr mit Prostitution. Die Behörden entscheiden, dass der Fall von Florian neu geprüft wird. Doch statt dass das Obhutsrecht an Marciana geht, wird es Gustav erteilt. Die Vormundschaftsbehörde stützt sich dabei auf einen psychiatrisches Attest, dass G. als «ungefährlich» einschätzt.
Februaer 2009: Die Mutter wendet sich nochmals an die Behörden: Sie bringt Reto G. mit, den ersten Sohn Gustavs. Sie erzählen der Vormundschaftsbehörden vor der Gefahr, die von Gustav ausgeht, doch nichts ändert sich. Die Behörden glauben der Mutter nicht, was sie sagt.
19. Februar 2010: Marciana will Florian vom Kindergarten abholen. Doch er ist nicht da. Er sei krank zu Hause heisst es. Gustav öffnet die Tür aber nicht und verweigert ihr das Besuchsrecht.
26. Februar 2010: Einen Tag vor dem fünften Geburtstag wird Florian von seinem Vater getötet. Gustav G. flösst dem Jungen Schlaftabletten ein und erstickt ihn anschliessend.
Burkhard Wolf, der Anwalt von Marciana, betonte, es gehe dennoch nicht um Rache, sondern in erster Linie darum, die Schuldfrage zu klären. «Sie will wissen, wer schuld ist am Tod von Florian und vor allem verhindern, dass sich so ein Fall wiederholt.» Zusammen mit seiner Mandantin prüft er nun eine Haftungsklage gegen die Gemeinde Bonstetten. Von einer Anzeige sieht er ab, da sich der Zürcher Regierungsrat bereits eingeschaltet habe und eine Untersuchung gegen die Behörde läuft. Dass der Vater das Sorgerecht erhalten habe, bezeichnete Marciana als «desaströse Entscheidung».
Die Mutter erfuhr vom Schicksal des älteren Sohns
Florian hat sich gemäss Marciana immer wieder über seinen Vater beschwert: «Florian hat mir erzählt, dass Gustav nie mit ihm spiele, sondern sich nur um sich selbst kümmere.» Gustav habe Florian nicht regelmässig geduscht, ihm immer nur Spaghetti gekocht und es sei immer dreckig gewesen in der Wohnung, so die Mutter. Sie habe das auch den Behörden erzählt, aber sie hätten nicht hören wollen.
Gustav sei auch aggressiv und gewaltätig gegenüber Florian gewesen: «Einmal hat er ihn an den Händen gepackt und zu Boden geworfen, nur weil er ihn vor dem Computer gestört hat», so die Mutter. Schläge hat auch sie einstecken müssen: Einmal habe er sie in Spanien heftig angegriffen. Später noch einmal in der Schweiz geschlagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie aber bereits die Aufenthaltsbewilligung und drohte ihm mit der Polizei. Danach hörten die Angriffe auf.
Marciana wusste nichts vom Tötungsversuch gegen ersten Sohn
Auf die Frage, ob sie von den Vorstrafen von Florians Vater Gustav G gewusst habe, antwortete Marciana: «In den ersten zwei Jahren wusste ich nichts. Von der Gefängnisstrafe G.s erfuhr ich erst nach und nach.» Er habe aber immer gesagt, es sei ein Autounfall gewesen bei dem sein erter Sohn Reto verletzt worden sei. Vom tatsächlichen Schicksal von Reto habe sie erfahren, als sie mit Florian schwanger war. Der ältere Sohn habe ihr persönlich vom Mordversuch durch den eigenen Vater erzählt. «Ich habe Gustav zu Rede gestellt, aber er hat alles abgestritten», so Marciana vor den Medien.
Zum Anschaffen gezwungen
G. habe sie auch zur Prostitution gezwungen: «Ich musste das Geld für die ganze Familie anschaffen, während er nur einen Tag in der Woche arbeitete.» Die Behörden hätten das gewusst, aber nichts unternommen. Im Gegenteil. Nachdem sie nicht mehr klar kam mit der Situation und sich trennen wollte von Gustav, habe die Gemeinde ihr 2008 untersagt, in ein Frauenhaus zu ziehen. «Sie sagten, wenn ich Florian mitnehme und die Gemeinde Bonstetten verlasse, schicken sie die Polizei auf mich los.»
In der Folge wurde Florian «fremdplatziert» bei einer Pflegefamilie. Wo er so lange blieb, bis sein Vater im Februar 2009 mit einem Attest belegt habe, dass er ungefährlich wäre für Florian. Ein Attest, dass er selbst in Auftrag gegeben hat bei einem Psychologen, wie Rechtsanwalt Wolf anmerkte. «Er hat wohl solange Psychologen aufgesucht, bis einer das passende ausstellte.» Marciana habe seither um das Sorgerecht für Florian gekämpft, aber ohne Erfolg.
Brasilien zurzeit nicht involviert
Wie es für Marciana kurzfristig weiter geht, ist nicht klar: Am 4. April läuft ihre Aufenthaltsbewilligung ab. Man werde eine Verlängerung beantragen, erklärt Anwalt Wolf. Da Florian auch einen Schweizer Pass hatte, sei das brasilianische Konsulat zum jetzigen Zeitpunkt nicht involviert, so Wolf weiter. Man behalte sich aber vor, Brasilien wieder einzuschalten, wenn es nicht vorwärts gehe. Zurzeit sei man aber zufrieden, da jetzt eine Untersuchung durch den Regierungstrat angeordnet worden sei. Für mich und meine Mandatin ist vor allem wichtig, dass nun Ruhe einkehrt», sagte Wolf. «Marciana muss erstmal den Tod ihres Sohnes verarbeiten.»
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(amc/jcg)

























