Schuss in den Kopf

06. Februar 2012 12:42; Akt: 06.02.2012 18:04 Print

«Habe ich den Mut, jemanden umzubringen?»«Habe ich den Mut, jemanden umzubringen?»

«Wortreich» und in «lachendem Plauderton» beantwortet Sabit I. die Fragen des Bezirksgerichts Uster. Der Tod von Céline F. sei ein Unfall gewesen. Sie hätten über Mut gesprochen.

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Am Abend des 7. März 2009, kurz vor Mitternacht, presste der damals 20-jährige Sabit I. der 16-jährigen Céline F. eine Pistole an den Hals und drückte ab. Sie verstarb wenige Minuten nach Mitternacht im Spital Uster. Zunächst behauptete Sabit I. ein Unbekannter habe beide im Auto bedroht und seine Freundin erschossen. Doch die Polizei kam dem Verkäufer aus Oetwil am See bald auf die Schliche. Die Tatwaffe ist gemäss Anklage eine solche Browning FN 1906 gewesen. Der mutmassliche Mörder besass zudem drei weitere Pistolen, zwei Gewehre, drei Baseballschläger, einen Schlagring, eine Machete sowie ein Butterflymesser. Mit dem Messer soll er Céline F. bereits eine Woche vor der tödlichen Schussabgabe verletzt haben. Die Anklage sagt, Sabit habe aus einer Laune heraus auf seine Freundin geschossen. Vermutlich weil sie ihm Vorwürfe gemacht hatte. Sie hatte an jenem Abend herausgefunden, dass es noch eine weitere Frau im Leben des Angeklagten gab. Sabit I. ist des Mordes angeklagt, weil er besonders skrupellos gehandelt haben soll. Céline F. besuchte das Gymnasium in Zürich Stadelhofen und wäre am 20. März 2009 17 Jahre alt geworden. Sabit I. stellt den Vorfall ganz anders dar: Er habe geglaubt, die Waffe sei nicht geladen. Darum sei das Ganze ein Unfall. Der Pflichtverteidiger von Sabit I. plädierte entsprechend vor dem Bezirksgericht Uster am 6. Februar 2012. Sabit I. habe vor dem Bezirksgericht eine Mischung aus Nervosität und Ruhe an den Tag gelegt, berichten Prozessbeobachter. Der 23-Jährige sei akkurat frisiert und im Anzug vor dem Gericht erschienen. Nach vier Prozesstagen hat das Gericht entschieden: Sabit I. ist der vorsätzlichen Tötung an Céline F. schuldig gesprochen und zu 13,5 Jahren Haft verurteilt worden. Er hat das Urteil reglos zur Kenntnis genommen.

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Der Mord-Prozess gegen Sabit I. ist unterbrochen. Das Bezirksgericht Uster hat sich kurz vor 12 Uhr zur Mittagspause zurückgezogen. Der Angeklagte war für die Prozessbeobachter schwierig zu fassen. Der 23-Jährige wechselte während der Befragung von wortreichen Ausführungen in lockerem Plauderton zu knappen Ausführungen. In seinem schicken, grauen Jackett mit Jeans und Turnschuhen und der akkuraten Frisur wirkte er bisher zwar teilweise nervös, gleichzeitig aber auch ruhig. Zwischendurch hat Sabit I. auch geweint.

Insgesamt wirkte sein Auftritt allerdings wie eine Verteidigungsstrategie. Kooperativ und ausführlich beantwortete Sabit I. nur die Fragen zu Randaspekten. Relevante Fragen quittierte er mit einer knappen Verweigerung der Aussage. Oft berief er sich auf Gedächtnislücken.

Zu Beginn des viertägigen Prozesses ging es zunächst um die zahlreichen Waffen, die im Besitz des 23-Jährigen gefunden worden waren. Nebst der Tatwaffe – einer Browning FN 1906 – fanden die Behörden drei weitere Pistolen, zwei Gewehre, drei Baseballschläger, einen Schlagring, eine Machete sowie ein Butterflymesser beim Angeklagten. Ausser der Tatwaffe sollen die Waffen allesamt Kollegen gehören, wie Sabit I. ausführte. Er habe sie nur kurz in den Händen gehalten oder für sie aufbewahrt. Wer die Kollegen sind, führte er allerdings nicht aus.

Er fragte: «Habe ich den Mut, jemanden umzubringen?»

Zugegeben hat der Angeklagte, dass die Tatwaffe ihm gehöre. Was er mit der Tatwaffe gemacht hat und wo sie nun ist, wollte er dem Gericht allerdings nicht sagen. Der tödliche Schuss auf seine Freundin Céline F. sei «keine kaltblütige Tat gewesen, sondern eine Dummheit». In der Tatnacht sei den Beiden im Auto langweilig gewesen. Er habe daraufhin die Browning unter seinem Sitz hervorgeholt und eine Ladebewegung gemacht.

Die Waffe sei in der Folge auseinandergefallen, woraufhin er sie zusammengesetzt und Céline F. gefragt habe: «Was meinst du, habe ich den Mut, jemanden umzubringen?» Sie habe gesagt: «Vielleicht schon.» Er hielt ihr daraufhin die Waffe an den Hals und drückte ab. Erst habe es klick gemacht, dann habe er nochmals abgedrückt. «Ich dachte, ich hätte alle Patronen rausgenommen», so Sabit I.

Gleichzeitig erklärte er vor Gericht, dass er keine Ahnung habe, wie eine Waffe funktioniere. «Ich habe alles nur im TV gesehen.» Auf die Frage, warum er überhaupt eine Waffe im Auto mitführte, verweigerte er die Antwort. Wieso er zweimal abdrückte, wusste er nicht mehr. Nach dem Schuss sei sein Kopf leer gewesen und er habe nur noch geschrien. Als Erstes telefonierte der Schütze mit seinem Bruder und sagte ihm, er solle herkommen. Gemeinsam fuhren sie die tödlich Verletzte ins Spital Uster. Beim dortigen Parkplatz steckte der Täter die restlichen Patronen ein und warf sie dann in einen Kübel - «damit man sie nicht findet», wie er sagt. Warum er den beschriebenen «Unfall» nicht gleich der Polizei gestand, sondern Attacken von Unbekannten erfand und die Polizei belog, wollte er nicht beantworten.

«Céline war nicht wütend, sie wirkte etwas eingeschnappt»

Sabit I. sagte vor Gericht, Céline sei ihm nicht lästig geworden, wie das die Staatsanwaltschaft behaupte. «Sie hat nichts gewusst von den anderen Frauen.» In der Tatnacht habe sie «nur von einer erfahren», sie habe aber nicht «wütend» gewirkt. «Sie war nur etwas eingeschnappt», so I. Der Tod von Céline sei nicht die Folge eines Streites, sondern «nur meiner Dummheit».

Der Angeklagte hatte vor Gericht auch eine Erklärung für die Verletzung von Céline F. eine Woche vor der tödlichen Tat. Gemäss Staatsanwaltschaft soll er die 16-Jährige mit einem Messer am Hals geschnitten haben – genau an der Stelle, an der er eine Woche später die Pistole hielt. Sabit I. sagte, Céline habe ihm an diesem Abend eine Ohrfeige gegeben, weil er sie provoziert hatte. Er habe auch mit einem Butterfly-Messer herumhantiert. Er habe sie aber nicht geschnitten. Nach der Ohrfeige sei «seine Hand reflexartig an ihren Hals», das Messer habe sie «aber nicht berührt». Die «Rötung» sei ein Knutschfleck. Sie hätten nach dieser Situation auf dem Rücksitz Sex gehabt. Céline, sagte Sabit I. vor Gericht, «hat ihren Schulfreundinnen die Version mit dem Messer nur erzählt, weil sie den Knutschfleck schöner darstellen wollte.

Der Prozess wurde um 14 Uhr fortgesetzt. Der Staatsanwalt forderte 20 Jahre Haft für Sabit I.

(amc/sut/sda)