Prügler-Prozess

12. März 2010 17:29; Akt: 12.03.2010 18:09 Print

Werden zwei Mitschüler in der Schweiz befragt?Werden zwei Mitschüler in der Schweiz befragt?

Während diverse Mitschüler beim Prozess gegen die drei Küsnachter Prügler in München bereits ausgesagt haben, liessen sich zwei jugendliche Zeugen wegen angeblicher psychischer Probleme dispensieren. Nun will sie das Gericht notfalls in der Schweiz vernehmen.

Bildstrecke im Grossformat »
Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Sie waren mindestens teilweise dabei und hatten einiges von der grundlosen, massiven Gewalt mitbekommen, die Mike B., Ivan Z. und Benji D. ihren wahllos ausgesuchten Opfern im vergangenen Sommer in München zugefügt hatten. Die Rede ist von den zwei Schülern der Küsnachter Klasse, die von der bayerischen Polizei in jener Nacht der Gewalt ebenfalls verhaftet worden waren und kurze Zeit in U-Haft sassen.

Am Donnerstag sollten sie zusammen mit weiteren Mitschülern in München vor Gericht aussagen. Doch die beiden Jugendlichen liessen den Gerichtstermin platzen. Als Grund für das Fernbleiben gaben sie laut der Pressestelle des Oberlandsgerichtes München an, sie hätten «anhaltende Belastungsstörungen mit Angstzuständen».

Doch noch sind die absenten Mitschüler nicht aus dem Schneider. Laut Margarete Nötzel vom Oberlandesgericht München wird das Gericht in den kommenden Tagen entscheiden, ob man die beiden Zeugen trotzdem vernehmen will. «Das Gericht überlegt noch, ob es auf die Vernehmung der beiden ankommt», sagte Nötzel gegenüber Radio 1. «Notfalls wird das Gericht auch in die Schweiz fahren, um die beiden zu vernehmen.»

Alle anderen geladenen Zeugen konnten vernommen werden, wie die Justizpressestelle am Freitag mitteilte. Angaben über die Aussagen der Jugendlichen machte das Oberlandesgericht nicht. Der Prozess wird wie geplant am 29. März um 9.30 Uhr weitergeführt. Als Zeugen sind zwei weitere Mitschüler, zwei Lehrer sowie die Eltern der Angeklagten vorgeladen.

(sda)