Facebook-Verbot

26. August 2009 15:18; Akt: 26.08.2009 22:57 Print

Es kostete schlicht zu vielEs kostete schlicht zu viel

Der Zürcher Stadtrat greift durch: Per sofort ist der Internet-Zugriff auf Facebook und andere soziale Netzwerke für städtische Mitarbeitende gesperrt. Die Mitarbeiter hielten sich nicht an die Vorgaben. Der Steuerzahler spart 5,76 Millionen Franken pro Monat – rein rechnerisch.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Facebook-Zensur machen selbst von den Beamten nicht halt: Seit Mitte September ist die beliebte Webseite für Angestellte des Bundes gesperrt. Fertig mit Facebook in Zürich: Der Stadtrat hat per 26. August 2009 den städtischen Angestellten den Zugang zu Facebook & Co. gesperrt. Social Networks sind ab sofort für Mitarbeiter gesperrt. «Betrüger können die auf solchen Seiten hinterlegten Informationen leicht für Phishing-Attacken - zum Beispiel via E-Mail - nutzen», sagte ein UBS-Sprecher. Bei der Bank können Mitarbeiter im Büro keine sozialen Netzwerke nutzen. Aus Sicherheitsgründen ist Credit-Suisse-Mitarbeitern der Zugang zu Plattformen wie Facebook versperrt. Facebook ist für Mitarbeiter der Unternehmenszentrale gesperrt, da es laut einem Sprecher dem privaten Vergnügen dient. Der Zugang zu Xing und Linkedin ist möglich. Personalvermittler Adecco hat seinen Mitarbeitern jüngst den Zugang zu Social Networks wie Facebook und MySpace gesperrt. Aus Sicherheitsgründen ist der Zugang zu Plattformen wie Facebook für Mitarbeiter gesperrt. Die Mitarbeiter der SBB nutzten die Plattform offenbar zu oft. Nun ist sie gesperrt. Laut einem Sprecher sind für Swisscom-Mitarbeiter keine Seiten gesperrt. Das Unternehmen hat sogar eine eigene Gruppe bei Facebook. «Wir setzen auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter», sagt ein Sprecher. Sicherheitsbedenken habe man nicht. Es gebe auch keine Pläne, irgendwelche Portale zu sperren. Bei Lindt gilt das Vertrauensprinzip. Daher steht den Mitarbeitern der Zugang zu allen Webseiten offen. «Wir haben keine sozialen Netzwerke gesperrt, man soll sie aber nur während der Pausen nutzen», sagt eine Unternehmenssprecherin. Der Zugang zu Facebook ist frei. «Für uns ist ein unbehinderter Informationsfluss Voraussetzung für Kreativität und Innovation», sagt ein Novartis-Sprecher. Bei Roche sind nur Seiten gesperrt, die gegen Gesetze verstossen oder ein Sicherheitsrisiko darstellen. Soziale Netzwerke zählen laut einer Sprecherin nicht dazu. Den IBM-Mitarbeitern in der Schweiz stehen alle Social-Websites zur Verfügung. Jedoch wird auch hier auf Eigenverantwortung gesetzt.

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Der Stadtrat von Zürich hatte sich bereits Ende April dieses Jahres mit Facebook beschäftigt (20 Minuten Online berichtete). Damals entschied er, den 24  000 Mitarbeitenden «eine letzte Chance» zu geben, um Facebook weiterhin nutzen zu können. Die Vorgabe war, die hohe Marke von monatlich 3,36 Millionen Zugriffen (März 2009) bis Ende Juli auf maximal 0,5 Millionen Zugriffe zu reduzieren. Der Appell des Stadtrates hat zwar zu einem Rücklauf der Zugriffe auf Facebook und andere Seiten geführt, doch dieser ist nicht nachhaltig geblieben.

Fünf Facebook-Besuche durchschnittlich pro Tag

Während im Mai noch 1,149 Millionen Facebook-Zugriffe gezählt wurden, waren es im Juni bereits wieder 1,598 Millionen und im Juli 1,748 Millionen vorwiegend privat genutzte Zugriffe. Im Durchschnitt griffen die 24 000 Angestellten der Stadt in den vergangenen drei Monaten rund 1, 45 Millionen Mal zu, was rund 60 Zugriffen pro Monat und Angestelltem entspricht.

Das Verbot erspart dem Steuerzahler rein rechnerisch eine Menge Geld: Verbrachten die Facebook-Besucher pro Zugriff nur fünf Minuten auf der Seite, sind das rund fünf Stunden pro Monat. Aufgrund des Personalaufwandes aus dem Budget der Stadt Zürich für 2009 lässt sich ein durchschnittlicher Stundenlohn von rund 48 Franken errechnen. Die Besuche der 24 000 Angestellten kosteten aufgrund dieser Zahlen den Steuerzahler hochgerechnet rund 5,76 Millionen Franken pro Monat.

Kein Wunder haben diese Zahlen den Stadtrat bewogen, die Webseiten der Kategorie «Social Networks and Personal Sites» per sofort zu sperren, wie er am Mittwoch mitteilt. Selbstverständlich ist die Rechnung eine reine Zahlenspielerei. Der Hauptgrund der Sperrung ist dennoch die Kostenfrage, sagt Daniel Heinzmann, Direktor des Finanzdepartements Organisation + Informatik (OIZ). Da gehe es nicht nur um die Arbeitsstunden, die für Nicht-Berufliches genutzt werden.

Massnahme per sofort

«Diese Zugriffe verursachen eine enorme Datenmenge», sagt Heinzmann. Die Menge sei explosionsartig angestiegen und habe «die Netzwerke verstopft», so der Informatik-Chef. Das wollte man bei der Stadt nicht hinnehmen: «Es kann doch nicht sein, dass wir aufgrund dieser Zugriffe unsere Netze ausbauen müssen», findet er. Deswegen sperrte man neben Facebook auch Twitter, Myspace, Flicker und ähnliche Seiten ab sofort.

Eine Erleichterung für die städtische Informatik-Abteilung: «Dank der Sperrung können wir mit unserem Netz wie bisher weiterarbeiten», so Heinzmann. Wer einen Zugriff auf diese Seiten für dienstliche Zwecke benötigt, kann eine Ausnahmebewilligung beantragen. Gemäss dem OIZ-Direktor seien solche Bewilligungen beispielweise für die Polizei denkbar: «Die Polizei ist für Ermittlungszwecke auf den Zugriff auf Facebook angewiesen.»

Beim Kanton wird weiter «gefacebookt» - noch

Die 40 000 Angestellten des Kantons sind von der Sperrung nicht betroffen. Grundsätzlich sei die private Nutzung etwa von Facebook dort aber nicht erlaubt, sagt Regierungssprecherin Susanne Sorg. Die steigende Zahl der Zugriffe auf Facebook ist trotzdem auch beim Kanton ein Thema geworden: Gemäss Sorg beschäftigt sich eine «Arbeitsgruppe mit den Entwicklungen in diesem Bereich und erarbeitet Änderungsvorschläge der Internetverordnung». Schwerpunktmässig gehe es dabei um die Themen «Internet-TV, Viren-Bekämpfung und Social-Network-Sites (Web 2.0)».

Für die Angestellten und ihre Facebook-Nutzung könnte das Folgen haben: «Je nach Ergebnissen der Arbeitsgruppe ist eine Sperrung von Social-Network-Sites möglich», sagt Sorg. Die Gnadenfrist dauert aber wohl noch etwas an: Die überarbeitete Internetverordnung soll spätestens Ende Jahr dem Regierungsrat vorgelegt werden.

(ast/amc)