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Mord an Zwillingen
10. März 2010 16:58; Akt: 10.03.2010 17:13 Print
Zwillingsmutter: Die Widersprüche häufen sich
Nach dem Zwillingsmord in Horgen im Dezember 2007 steht seit Mittwoch die Mutter vor dem Geschworenengericht. Die Frau belastete ihren Ex-Mann schwer. Doch der Verdacht bleibt an ihr haften. 20 Minuten Online berichtet laufend vom Prozess.
Der erste Prozesstag gegen die Horgener Mutter hat mit der Befragung des ersten Zeugen geendet. Dieser, ein Kantonspolizist, widerlegte die Einbrecher-Theorie vollständig. Es seien «keinerlei Spuren» gefunden worden, die auf einen Einbruch hindeuten würden. Hinzu komme, dass die Wohnung peinlich genau aufgeräumt gewesen sei. Einzig ein paar Kleidungsstücke lagen am Boden. Auch an den Fenstern wurden keine Einbruchspuren gefunden. Damit dürfte klar sein: Als Täter kommen nur die Mutter oder der Vater in Frage. Letzterer wurde heute von der Frau verdächtigt, von der Polizei jedoch wurde er nach drei Monaten Untersuchungshaft entlassen.
Angeklagt: Die Mutter wird des zweifachen Mordes beschuldigt.
Die Frau verstrickte sich immer wieder in Widersprüche. So auch bei der Frage, warum die Frau ihren Mann in der Tatnacht um 2.15 Uhr weckte. Ihr Grund: Die Schlafzimmertüre zu den Kinderzimmern sei offen gestanden. Das sei ungewöhnlich gewesen. Wieso die Frau ihren Mann wegen dieser Bagatelle wecken musste, konnte sie aber nicht wirklich erklären. Interessant dürfte der Freitag werden. Dann steht der Ex-Mann vor Gericht. Morgen Donnerstag geht es mit diversen Zeugen weiter.
«Ich war es nicht»
«Ich habe meine Kinder nicht umgebracht.» Mit diesem Satz hat die Angeklagte Horgner Mutter im zweiten Teil des Mordprozesses jegliche Schuld von sich gewiesen. Dann schob sie nach: «Heute bin ich mir sicher, dass ich es nicht war.» Damit hat sie eine Wendung vollzogen, nachdem sie während der Untersuchung zu Protokoll gegeben hatte, sie könne «nicht ausschliessen», dass sie die Kinder umgebracht habe.
Anschuldigungen gegen Ex-Mann
Die Schuld schiebt sie heute ihrem Ex-Mann zu. Ein Ex-Mann, auf den sie einen grossen Ärger haben muss. Vor dem Geschworenengericht sprach sie ausschliesslich von «Herr B.» Dem Gerichtspräsident sagte sie über das Motiv: «Herr B. hat die Kinder wegen meinen Seitensprüngen ermordet.»
Damit sprach sie ihre Affären an, über die sie heute Details preisgab. Dabei kam ans Tageslicht, dass sie mit zwei Männern gleichzeitig sexuelle Kontakte pflegte. Kurz vor der Tatnacht, am 21. Dezember 2007, habe sie mit beiden Männern am selben Tag sexuellen Kontakt gehabt: Am Morgen im Büro mit dem ersten Mann, und am Abend im Ausgang mit dem anderen. Ihr heutiger Ex-Mann habe davon erfahren – und deshalb die Kinder umgebracht.
Geldgier als Tatmotiv
Weshalb der Vater nicht sie, sondern die Kinder ermordet hätte, begründete die Frau mit Geldgier. «Geld stand für ihn immer an erster Stelle.» Hätte er sie ermordet, «dann hätte er für die Kinder finanziell aufkommen müssen», so die Angeklagte weiter.
Ein merkwürdiges SMS in der Tatnacht
Trotz den Anschuldigungen an ihren Mann bleiben Widersprüche. Nicht nur ihre Kehrtwendung bezüglich der Aussagen, die sie während der Untersuchung gemacht hatte. Auch ein SMS, dass sie einem ihrer Liebhaber noch in der Tatnacht schrieb, liess das Gericht aufhorchen. Darin stand wörtlich: «Ich hoffe, dass ich dir morgen gehöre.» Wollte sie sich von ihrem Mann trennen, ein neues Leben beginnen? Die Frau rechtfertigte sich heute. Sie habe sagen wollen: «Ich hoffe, dass ich morgen von dir höre.»
Sie sei, trotz ihrer Affären, nicht auf der Suche nach einem neuen Partner gewesen. Bei den anderen Männern sei es ihr «nur ums Zuhören» gegangen. Gleichzeitig bestätigte sie aber, dass sie eigentlich getrennte Wege gehen und die Kinder mitnehmen wollte.
Einen emotionalen Moment erlebten die Anwesenden, als die Frau die Tatnacht beschreiben musste. Unter Tränen sagte sie aus, sie habe zunächst eine Schlaftablette genommen, sei um 2.15 Uhr aufgewacht und habe bemerkt, dass etwas nicht stimmen könne. Ihr damaliger Mann sei ins Zimmer von Sohn Mario gegangen und habe diesen «mit blauen Lippen» vorgefunden. Sie fand dann ihre Tochter Celine im Zimmer. Im Saal war es bei dieser Schilderung mucksmäuschenstill.
«Die Zwillinge waren meine Goldschätze»
Sie sitzt da mit rotem Gilet und weissem T-Shirt. Sie wirkt gefasst, ausgeglichen und spricht deutlich und klar. Sie präsentiert sich heute vor dem Geschworenengericht Zürich als fürsorgliche Mutter. Nichts deutet darauf hin, dass diese Frau des mehrfachen Mordes angeklagt ist. Dem Gericht sagt sie: «Ich war zufrieden mit der Entwicklung meiner Kinder. Sie waren meine Goldschätze». Doch im Dezember 2007 wurden ihre Kinder im Schlaf getötet. Hauptangeklagte ist die Mutter.
Am Morgen ging es um das Vorleben der Mutter. Und in diesem Leben gab es eine tragische Wende. 1999 gebärt die Mutter eine Tochter. Das Kind stammt von ihrem damaligen Ehemann, mit dem sie später auch die Zwillinge zeugen sollte. Die Tochter allerdings stirbt an plötzlichem Kindstod. Ein Ereignis, das sie bis heute nicht verkraftet hat, wie sie vor dem Gericht sagt. Nach dem Tod ihrer Tochter stürzt sie sich in die Fresssucht, wiegt zwischenzeitlich über 100 Kilo und bekommt gesundheitliche Probleme.
Heimweh und der Wunsch nach Abwechslung
Auch mit ihrem Ehemann läuft nicht alles rund. Die aus Österreich stammende Frau, die heute nur noch den Schweizer Pass besitzt, hat immer wieder Heimweh. Ihrem Ehemann, einem erfolgreichen Unternehmer, macht sie vor Gericht immer wieder Vorwürfe. «Ich hätte mir mehr Unterstützung von ihm gewünscht. Es war ein eintöniges Leben», sagte sie den Anwesenden.
Trotzdem bleibt der Zwillingsmord rätselhaft. Wie konnte die mutmassliche Täterin ihre Kinder umbringen, die sie so liebte? Liegt es an der Vorgeschichte in Österreich? Aufgewachsen war sie in Österreich in einem Tiroler Dorf mit einem gewalttätigen Alkoholiker als Vater und einer machtlosen, meist wegen Arbeit abwesenden Mutter. Sie selber hatte nie ein Alkoholproblem, sie rauchte nicht, sie hatte keine Schulden. Sie war eine vorbildliche Mutter. Bis an Heiligabend 2007. Interessante Details dürften heute Nachmittag besprochen werden. Dann geht es unter anderem um ihre Affären, die sie eingegangen sein soll. Und um allfällige Affären ihres Mannes.
Vor dem Prozess
Es war Heiligabend 2007. Für die siebenjährigen Zwillinge aus Horgen sollte es der letzte sein. Die Mutter tötete die beiden gemäss Anklage, während sie schliefen, indem sie «mit einem Kissen oder mit einem anderen weichen Gegenstand während einigen Minuten mit massiver Gewalt auf Oberkörper, Hals und Atemwege» drückte. Der Vater wurde nach drei Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen. Als Tatverdächtige bleibt laut Staatsanwaltschaft einzig die Mutter.
Sie steht ab heute Mittwoch vor dem Zürcher Geschworenengericht. Angeklagt des mehrfachen Mordes. In zahlreichen Einvernahmen hat sie diverse widersprüchliche Aussagen gemacht. Sie bestritt die Tat, gab dann ihrem Mann die Schuld, konnte aber auch nicht ausschliessen, selbst gehandelt zu haben. So soll sie einmal ausgesagt haben, dass sie es für möglich halte, dass sie vielleicht etwas gemacht habe. Sie bezeichnete sich als Schlafwandlerin – was ihr Mann dementierte.
Lebenskrise als Tatmotiv?
Über die Motive kann zum Zeitpunkt nur spekuliert werden. Gemäss Anklage steckte hinter der Tat der Frau eine Lebenskrise. Sie habe massiv an Körpergewicht zugelegt nach der Geburt ihrer Kinder. Sie habe gesundheitlich gelitten. Und sie sei Affären eingegangen. Gemäss Anklage sei für die Frau der Doppelmord der einzige Ausweg aus der Situation gewesen.
Gegen 9.30 Uhr wird die Mutter nun vor dem Geschworenengericht stehen. Neun Geschworene werden gemeinsam mit dem Gerichtspräsidenten und zwei Bezirksrichtern ein Urteil fällen. Legt die Mutter ein Geständnis ab, geht der Fall umgehend ans Obergericht. 20 Minuten Online ist am Prozess dabei und berichtet laufend.
(meg/att)


























