1:6 gegen die USA

27. Februar 2010 07:24; Akt: 27.02.2010 07:28 Print

Finnlands grösste Schmach: «NÖYRYYTYS»Finnlands grösste Schmach: «NÖYRYYTYS»

von Klaus Zaugg, Vancouver - Die finnische Hockeygeschichte ist reich an dramatischen, unnötigen oder blamablen Niederlagen. Doch das 1:6 im Olympischen Halbfinale gegen die USA übertrifft alles und wird als Finnlands grösste Schmach aller Zeiten eingestuft.

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Finnlands Star-Torhüter Mikka Kiprusoff sah gegen die USA ziemlich alt aus. (Bild: Keystone)

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Bisher galt die 5:6-Pleite im WM-Viertelfinale von 2003 gegen Schweden als schlimmste Niederlage der Finnen. Damals gaben sie eine 5:0-Führung preis. Aber es war wenigstens ein Spiel. Doch dieses 1:6 gegen die USA war kein Spiel. Nur eine einzige Demütigung. Der Olympische Halbfinal übertrifft alles: 0:6 nach 13 Minuten. Sechs Tore aus neun Schüssen. Torhüter-Titan Mikka Kiprusoff nach dem vierten Treffer ausgewechselt.

Teemu Selänne, der Topskorer des Turniers von 2006, bewahrte den Humor. Er wird schliesslich am 3. Juli schon 40 Jahre alt und kann es sich leisten, die Dinge etwas gelassener zu nehmen. «0:2, 0:4, 0:6 - ich dachte, wir sind beim Curling». Nein, eine Erklärung wie so etwas möglich war, habe er nicht. «Wenn ein Spiel schon nach sechs Minuten entschieden ist, dann wird es sehr hart. Es gibt kein Wort für das, was hier passiert ist.» Damit liegt er falsch. Es gibt ein Wort: NÖYRYYTYS. So schreibt sich «Demütigung» in finnischer Sprache.

Kiprusoffs grösster Flops

Den Untergang der Finnen leitet NHL-Stargoalie Mikka Kiprusoff (34) ein. Er verdient in Calgary diese Saison sieben Millionen Dollar (!) und leistet sich einen der grössten Flops aller Zeiten und Turniere: Er spielt, völlig unbedrängt, beim Herauslaufen die Scheibe direkt auf den Stock von Ryan Malone - und der trifft nach 2:04 Minuten ins leere Tor zum 1:0. «Dieser Fehler war ein Schock für uns», sollte Coach Jukka Jalonen hinter her sagen.

Sind die Finnen zu alt? Sie haben 14 Spieler, die über 30 sind. Die Antwort ist: Nein. Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach: Nach dem haarsträubenden Fehler des Sieben-Millionen-Dollar Goalies ist schon nach zwei Minuten und vier Sekunden alles zu Ende. Es ist, als wäre der Mannschaft der Strom abgestellt worden. Vor vier Jahren hatten die Finnen die Amerikaner im Olympischen Viertelfinale von Turin noch 4:3 besiegt und unterlagen nach einem weiteren Triumph im Halbfinale (4:0 gegen Russland) erst im Finale den Schweden (2:3). Damit steht fest: Der Titelverteidiger (Schweden) und der Weltmeister (Russland) sind bereits ausgeschieden und beide Olympiafinalisten von 2006 (Schweden, Finnland) haben das Endspiel 2010 in Vancouver nicht erreicht.

Kuriose Statistik

Am Ende der finnischen Demütigung steht auf dem Statistikblatt eine kuriose Wahrheit: 25:25 Torschüsse (13:4, 9:7, 3:14) - die Finnen hatten also das Schlussdrittel sogar noch dominiert. Hinter diesen Zahlen steht die simple Wahrheit: Am Ende des Tages entscheidet die Torhüterleistung. Ryan Miller im Kasten der USA hat bisher 95,37 Prozent aller Schüsse gehalten und lediglich 1,04 Gegentreffer pro Spiel zugelassen. Trotz des miserablen Spiels gegen die USA steht Kiprusoff immer noch bei einer Abwehrquote von 90,24 Prozent.

Im Sport gibt es schneller eine neue Chance als im richtigen Leben: Bereits am Samstag folgt die nächste Partie der Finnen. Das Spiel um die Bronzemedaille. Aus den Deppen des Halbfinals können noch Helden aus Bronze werden. «Kiprusoff wird wieder spielen», sagt Cheftrainer Jalonen, der sich mit einem noch zwei Jahre laufenden Vertrag sowieso keine Sorgen machen muss.

Kiprusoff hatte vor dem Turnier für Polemik gesorgt, als er erklärte, er werde nur für Finnland spielen, wenn ihm die Position als Nummer 1 garantiert werde.

Zurückhaltender US-Coach

US-Cheftrainer Ron Wilson hütete sich, grosse Töne zu spucken. Er sprach davon, man habe mit tiefem Forechecking von allem Anfang an versucht, beim Gegner Fehler zu provozieren. «Und das hat funktioniert.» Er rühmte sein Team für die Steigerung von Spiel zu Spiel, für die Disziplin und vergass nicht, seinen Torhüter zu erwähnen.

Die Amerikaner stehen nach 2002 zum zweiten Mal im Olympischen Finale. Damals verloren sie in Salt Lake City 2:5 gegen Kanada.

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