«Time-Out» mit Klaus Zaugg

01. März 2010 07:59; Akt: 01.03.2010 10:55 Print

Gold und ein neuer Hockey-Gott für KanadaGold und ein neuer Hockey-Gott für Kanada

von Klaus Zaugg - Die Kanadier haben das wichtigste Spiel ihrer Hockeygeschichte knapp, ganz knapp gewonnen: 3:2 nach Verlängerung gegen die USA. Kanada ist Olympiasieger und Sidney Crosby Kanadas neuer Hockey-Gott.

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Eishockey ist nicht nur Kanadas Spiel. Eishockey hat in Kanada religiöse Züge. Deshalb ist es für die Kanadier bitter, dass ausgerechnet der amerikanische Dollar das Eishockey regiert. Nur ein Fünftel (6 von 30) der NHL-Teams sind noch in Kanada beheimatet, früher war es ein Drittel (2 von 6).

Und jetzt sind ausgerechnet die von Ron Wilson gecoachten Amerikaner der Gegner im Finale um Olympisches Gold. Für viele Kanadier reduzieren sich diese Olympischen Spiele 2010 sowieso auf diese eine Partie. Wohl nie zuvor sind die Kanadier vor einem Spiel so unter Erwartungsdruck gestanden.

Die Amerikaner sind, wie erwartet, eine Spur schneller und setzen mit hohem Tempo und Hartnäckigkeit den im Schnitt etwas grösseren Kanadiern arg zu. «Es macht Spass, so zu spielen und viele Teams in der NHL versuchen diesen Stil. Wir haben läuferisch sehr gute Spieler und haben als Rückhalt mit Ryan Miller den wohl besten Torhüter der Welt» sagte Cheftrainer Wilson über den Stil seiner Mannschaft. Tatsächlich steht Miller im All-Star-Team dieses Turniers.

Der 2:2-Ausgleich 24,4 Sekunden vor Schluss ist verdienten und logisch.

In einem Bereich sind die Kanadier in der Anfangsphase und vor allem in der Verlängerung besser: Im heiligen Zorn vor beiden Toren. Sie halten mit Kraft und Wasserverdrängung und heroischem Einsatz die schnellen amerikanischen Stürmer vom Tor von Roberto Luongo fern. Und vorne «penetrieren» sie erfolgreicher die US-Abwehr. Aber ganz, ganz leicht lassen die Kräfte nach, mit jeder Minute, die verrinnt, werden die Amerikaner besser. Dies zeigt schon das Torschussverhältnis nach Dritteln: 10:8 15:15, 7:9. Die Amerikaner haben also im Schlussdrittel erstmals mehr Torschüsse. Die Treffer bis zum 2:2 erzielen Jonathan Toews und Corey Perry für Kanada sowie Ryan Kessler und Zach Parise, der vielleicht beste Feldspieler dieses Turniers, für die Amerikaner.

In der Verlängerung kehrt die Energie ins Spiel der Kanadier zurück, der heilige Zorn lodert wieder und sie dominieren bis zur Entscheidung mit 7:4 Torschüssen.

Es ist mit ziemlicher Sicherheit nicht die beste, aber die intensivste Partie, die je bei einem internationalen Turnier gespielt worden ist.

Die Kunst und Kreativität der 1980er-Jahre, das Spektakel, das Mario Lemieux und Wayne Gretzky aufgeführt haben, ist im modernen Eishockey, so wie es hier in Vancouver im Finale gespielt wird, nicht mehr möglich. Ein einzelner Spieler kann nicht mehr so dominieren wie zur guten alten Zeit.

Und doch: Sidney Crosby, von den Kanadier zum Nachfolger von Wayne Gretzky erklärt, bis dahin einer von vielen guten Stürmern in diesem Turnier, nicht einmal Topskorer der Kanadier, nicht einmal im All-Star-Team des Turniers, wird zum Helden: In der 8. Minute der Verlängerung trifft er zum goldenen 3:2. «Iggy (Jarome Iginla) hatte sich auf grossartige Weise den Puck an der Bande erkämpft und ich rief, er solle mit anspielen. Ich habe einfach geschossen und gar nicht richtig hingeschaut. Ich habe den Puck einfach irgendwie ins Netz geschossen.»

Das am meisten bejubelte Tor in Kanadas Hockeygeschichte seit dem Treffer, mit dem Paul Henderson, der 34 Sekunden vor Schluss der 8. Partie 1972 die Superserie gegen die UdSSR entschieden hat. Sidney Crosby ist der Paul Henderson des 21. Jahrhunderts und Kanadas neuer Hockeygott. Kanada hat zwar noch immer keinen neuen Gretzky (weil es nie einen neuen Gretzky geben wird). Aber wenigstens einen neuen Hockey-Gott.

Nie mehr seit die CSSR 1985 in Prag an der WM die UdSSR besiegt hat, ist die Nationalhymne vom Publikum mit so viel Inbrunst gesungen worden wie nach diesem Olympischen Triumph der Kanadier. Dramatischer, besser hätte alles gar nicht laufen können. Ein Beginn voller Zweifel: Nur ein 3:2 im Penaltyschiessen gegen die Schweiz und eine 3:5-Pleite im Gruppenspiel gegen die Amerikaner.

Aber dann wird Kanadas ganze Geschichte aufgearbeitet. Mit einem 7:3-Triumph über Russland und als Krönung das 3:2 n.V. über die USA.

Cheftrainer Mike Babcock, Coach in Detroit und einer der coolsten NHL-Bandengeneräle sagt es in seiner so typischen Art in wenigen Worten im Originalton so: «Pretty nice. To do it at home with these guys is special.» Und weiter: «Wir haben in Kanada in der Verlängerung gewonnen - ein Traum ist wahr geworden.»

Ron Wilson findet die richtigen Worte um dieses Finale zu würdigen: «Die Kanadier spielten grossartig. Aber gleichzeitig muss ich sagen, dass wir genau so grossartig gespielt haben. Es ist hart, ein Spiel so zu verlieren. Wir haben alles getan und ich hätte von keinem meiner Spieler mehr verlangen können. Es ist bedauerlich, dass heute nicht zwei Mannschaften Gold gewinnen konnten.»

Was Wilsons Aussage untermauert: Im All-Star-Team dieses Turniers stehen drei Amerikaner - aber nur zwei Kanadier. Das All-Star-Team: Torhüter: Ryan Miller (USA). - Verteidiger: Brian Rafalski (USA), Shea Weber (Ka). Stürmer: Pavol Demitra (Slowakei), Jonathan Toews (Ka) und Zach Parise (USA). Und zum wertvollsten Spieler (MVP) wird Ryan Miller erkoren.

Kanada General Manager Steve Yzerman, der bei der Zusammensetzung des Teams das letzte Wort hatte, sagte, seine Spieler hätten genug Erfahrung gehabt, um mit den hohen Erwartungen fertig zu werden. Er mahnt zu Bescheidenheit: «Wir sollten nicht arrogant und überheblich werden. Es ist so schwierig, ein solches Turnier zu gewinnen.»

Dem ist nichts beizufügen.

Olympia 2010 aktuell