Drama mit Happy End

27. Februar 2010 12:37; Akt: 15.03.2010 22:30 Print

Die olympischste aller GeschichtenDie olympischste aller Geschichten

Als Jeret Peterson an den letzten Olympischen Spielen nach einer Schlägerei vom Team ausgeschlossen wurde, begann für den Skiakrobaten eine brutale Leidenszeit. Sein Freund erschoss sich vor seinen Augen, darauf folgten Alkoholsucht, Depressionen und ein Selbstmordversuch. In Vancouver gewann der Amerikaner nun die Silbermedaille.

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Jeret Peterson mit seiner Silbermedaille. (Bild: Reuters)

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Er war Weltcupsieger. Er war der, den es zu besiegen gab in der Skiakrobatik. Er war der einzige Mensch, der drei Saltos und fünf Schrauben – den sogenannten «Hurricane» stehen konnte. Jeret Peterson war ein Medienstar. An den Olympischen Spielen von Turin belegte er nach dem 1. Sprung den dritten Platz. Gold lag in Reichweite. Statt auf einen einfachen 2. Sprung zurückzugreifen, ging Peterson – wie so oft in seinem Leben – aufs Ganze. Er zeigte den «Hurricane», griff bei der Landung aber in den Schnee – und statt zu Gold noch am gleichen Abend zur Flasche. Seinen siebten Platz spülte er in einer Bar hinunter.

Was darauf geschah und wie es dazu kommen konnte beichtete der Lebemann dem Men's Jurnal. Damals war es sein erster Drink seit sechs Monaten gewesen. Und es blieb nicht bei dem einen. Als er später mit einem Kollegen nach Hause wankte, wurden die beiden von einer Polizeipatrouille aufgefordert, ihr Pässe zu zeigen. Peterson lief davon, sein Freund hielt ihn auf. Dafür kassiert er einen Faustschlag des Skiakrobaten, der ihn zwei Zähne kostete. Peterson zeigte sich sofort reumütig. Sein Freund verzieh ihm. Nicht aber das amerikanische Olympische Komitee, welches ihn sofort von den Olympischen Spielen ausschloss.

Keine einfachen Verhältnisse

Petersons Eltern liessen sich früh scheiden – seine Mutter ging arbeiten und der Junge war oft auf sich alleine gestellt. Als er fünf Jahre alt war, wurde seine ältere Schwester Kim bei einem Autounfall getötet. Das Leben des jungen Mannes war ein stetiges Auf und Ab - nur in der Skiakrobatik glückten ihm die Landungen: Mit 16 stand er im amerikanischen Nationalteam. Mit 20 debütierte er an den Olympischen Spielen von Salt Lake City, nachdem er den Startplatz aufgrund eines schweren Unfalls eines Teamkollegen Emily Cook geerbt hatte. Er wurde neunter und als Zeichen des Mitgefühls hielt Peterson seine Handschuhe mit der Aufschrift «Hi Emily» in die Kamera.

Schon bald gehörte der Exzentriker zur Skisprungelite. 2005 gewann er den Weltcup. Der Erfolg brachte Geld, ein neues Haus mit Teich und Wasserfall. Zu viert bewohnten sie den kleinen Palast – zwei Bobfahrer, Peterson und Trey Fernald, ein Freund eines Bobfahrers mit Drogenvergangenheit. Peterson liess Fernald gratis in seinem Haus wohnen – einzige Bedingung: Er müsse clean bleiben.

Tod eines Freundes

Laut Men's Jurnal wurden Fernald und Peterson zu Freunden. Sie gingen zusammen Fischen, besuchten Konzerte. Doch die heile Welt hielt nicht lange. An einer Party belästigte Fernald eine Freundin von Peterson. Als sich der Skiakrobat seinen Freund vornahm, sah er dessen aufgerissene Pupillen. Fernald bestritt, Drogen genommen zu haben, Peterson wollte aber genau das auf der Polizeistation überprüft haben. Dort kamen die beiden nie an. Statt sich die Schuhe anzuziehen, griff Fernald nach einer Walther PPK. Ohne ein Wort zu sagen, erschoss er sich vor den Augen seines Freundes. «Ich erinnere mich nicht einmal mehr an einen Knall. Das einzige, woran ich dachte war, sein rechtes Auge wieder zurück zu tun, damit er wieder normal aussah», erinnert sich Peterson gegenüber dem Männermagazin.

Peterson spülte den Schmerz über den Tod seines Freundes mit Alkohol weg. Viel Alkohol: «Zu diesem Zeitpunkt meines Lebens war ich so sicher, wie ein Dreijähriger mit einer Pistole in der Hand». Doch Petersons Leben, so tief er auch fiel, kannte auch Höhen.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Nur wenige Wochen nach Fernalds Tod reiste Peterson mit zwei Freunden nach Las Vegas. Was nüchtern an einem Black-Jack-Tisch mit Einsätzen von 5 Dollar begann, endete stockbesoffen in einer Suite und einem Gewinn von 550 000 Dollar. Was das Casino auch unternahm – Peterson gewann an diesem Abend am laufenden Band: «Mich wunderte, dass sie nicht auch noch die Teppiche auswechselten». Den Gewinn teilte er grosszügig mit seinen Freunden. Und ganz untypisch: Peterson gab nach diesem Trip das Trinken auf. Den Hurrricane stand er mittlerweile auch. Peterson stand auf der Sonnenseite - Turin sollten seine Goldspiele werden. Doch dann eben dieser Fehler bei der Landung und den anschliessenden Faustschlag, den ihn in tiefe Depressionen stürzte.

Von Turin flüchtete Peterson nach Las Vegas, suchte Glück, fand aber nur Leere. Auch sein Sport erfüllte ihn plötzlich nicht mehr. Alles war er versuchte, Medizin, Psychologie, Training – nichts half: «Ich war so leer, ich hätte alles gemacht, nur um etwas zu fühlen – ich war akut selbstmordgefährdet». Petersons Versuch, sich umzubringen misslingt. Eine Polizistin retten den Ausnahmeathleten. Eine Entziehungskur sollte den Mann wieder auf die richtigen Bahnen lenken. Kuriert wurde allerdings nur sein Medikamentenproblem – nicht die Alkoholsucht.

Happy End

Als er später sturzbetrunken seine Mutter besuchte, seinen Fuss beim Ausziehen der Schuhe durch eine Glastür schlug, so dass das Blut nur so spritzte, kam die Wende: Peterson sah den verstörten Gesichtsausdruck seiner Mutter: «In diesem Moment bemerkte ich, dass meine Aktionen nicht nur mich selbst betreffen. Ich hatte genug davon, ein Idiot zu sein». Seither griff Peterson nie mehr zur Flasche.

Wenn Sie den Final der Männer der Skiakrobatik gesehen haben, dann wissen Sie nun, weshalb Jeret Peterson nach seinem gestandene Hurricane derart jubelte. Es war vermutlich der exzentrischste Jubel der Spiele. Ein Jubel nicht nur für den Gewinn einer Medaille, sondern für den Sieg über sich selbst. Sein Hurricane wurde zum Befreiungssprung und wurde mit der höchsten Punktzahl der Spiele belohnt. Top oder Flop. Ganz aus der eigenen Haut kann der 28-Jährige dann doch nicht schlüpfen.

(tog)

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