Verletzte Ex-Olympiasiegerin

22. Februar 2010 11:36; Akt: 23.02.2010 08:39 Print

Tanja Friedens Alltag im RollstuhlTanja Friedens Alltag im Rollstuhl

Vor vier Jahren bei ihrem Olympiasieg strahlte sie wie ein Maikäfer: Boardercrosserin Tanja Frieden. Jetzt zwang eine schlimme Verletzung sie kurz vor der Titelverteidigung zum Rücktritt. Keine einfache Situation für die Bernerin.

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«Du schaust einen spannenden Film, einen Krimi. 10 vor 10, kurz bevor auskommt wer der Mörder ist, stürzt der Fernseher ab...», schreibt Tanja Frieden heute im Team Blog von Swiss Olympic. Ungefähr so komme ihr die jetzige Situation vor. «Einziger Unterschied; der Film wird nie mehr wiederholt.» Eigentlich sollte Frieden jetzt in Vancouver sein. Vielleicht mit einer zweiten Olympia-Medaille - einem zweiten «Plämpu» - um den Hals. Doch der Alltag sieht anders aus: Die Ex-Olympiasiegerin erholt sich im Rollstuhl von ihren Achillessehnenrissen an beiden Beinen.

Kurz vor den olympischen Spielen hat sich die Bernerin diese schlimme Verletzung zugezogen - statt Olympia-Gold gabs nun den vorzeitigen Rücktritt. «Die erste Woche im Spital nahm ich kaum wahr, dafür verantwortlich waren die Schmerzmedikamente, die daraus resultierende Übelkeit und der schockähnliche Zustand», schreibt Frieden. Der schwierigste Moment sei dann gewesen, als sie zuhause ankam. «Mein Freund musste mich in den dritten Stock tragen... Genau an dem Tag als ich eigentlich nach Rothrist an die Einkleidung hätte fahren sollen.»

Olympia vor dem Fernseher

Friedens Freund, Skitrainer Stefan Abplanalp, fuhr wenige Tage später nach Vancouver. Die Ex-Sportlerin selber zog zu ihrer Mutter, da deren Wohnung rollstuhlgängig ist. «Hier klebe ich nun die meiste Zeit vor dem TV», schreibt die Bernerin. «Olympia nimmt mich trotz allem voll ein.» Dabei erlebe sie eine wahre Gefühlsachterbahn. Die Eröffnungsfeier habe sie mit erstaunlicher Distanz gesehen, bei Simon Ammanns Streich habe sie dann allerdings Hühnerhaut gehabt. Und auch die Siege von Didier Défago und Dario Cologna sah sie live. «Wow!», kommentiert Frieden deren Leistung.

«Das schmerzte»

Die Snowboardcross-Rennen brachten die Olympia-Siegerin von Turin 2006 dann aber ins Grübeln: «Das Herrenfinale war für mich sehr emotional; mit dem Sieg von Seth Wescott wurde mir bewusst, dass ICH keine Chance bekommen würde, meinen Titel zu verteidigen, das schmerzte.» Beim Finale der Damen sei ihr gar schlecht gewesen. «Ich war noch nie eine gute Zuschauerin, vor allem nicht jetzt», so Frieden. Das Rennen habe durch Spannung geglänzt und die «Girls» seien gut gefahren. Frieden: «Ein Bravo für Olivia! Doch - nehms mir niemand übel - so ganz von tiefstem Herzen konnte ich mich nicht für die drei Medaillengewinnerinnen freuen. Ich war vor allem froh als es vorüber war.»

Schwieriger Alltag im Rollstuhl

Nebst den Olympischen Spielen nimmt Frieden derzeit vor allem eines mit: der Alltag. «Ich habe die Hände voll zu tun mit der Meisterung des Alltags im Rollstuhl», schreibt Frieden, «und das ist eine intensive Erfahrung: Randsteine, Bussfahrten, volle Einkaufszentren, Kino, die Dusche am Morgen, öffentliche Toiletten und vieles mehr.» All diese Sachen seien ihr neuer Wettkampf, ihr «Alltags-Boardercross», der enormes Training brauche. Glücklicherweise wird die Ex-Sportlerin den Rollstuhl in wenigen Wochen wieder verlassen können. Frieden: «Respekt an alle, die diese Situation ihr Leben lang gut meistern!!! Und: Wisst ihr eigentlich, dass fast jedes Trottoir schräg ist?»

(mon)

Olympia 2010 aktuell