Olympiasieger

23. Februar 2010 14:52; Akt: 23.02.2010 14:53 Print

«Berner Bär» Schmid bringt nichts aus der Ruhe«Berner Bär» Schmid bringt nichts aus der Ruhe

von Klaus Zaugg, Vancouver - Dieser Berner Bär ist wie ein Naturereignis über die Cypress Mountains von Vancouver hereingebrochen. Mike Schmid (25), Strassenbauer aus Frutigen. Olympiasieger im Skicross.

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Mike Schmid ist Olympiasieger im Skicross! Flankiert vom Österreicher Matt, links, und Bronze-Gewinner Groenvold aus Norwegen. Ein Wahnsinn - Mike Schmid kann es bei der Flower-Ceremony selbst kaum fassen. Die beiden Geschlagenen zollen dem Sieger ehrlichen Respekt. Mike Schmid lässt sich feiern. Der Norweger Groenvold ist mit Bronze bestens gelaunt und lässt es alle wissen. Mike Schmid überquert die Ziellinie als erster und sichert sich Olympia-Gold, dicht dahinter folgt Matt aus Österreich auf Silber. Im Zielraum bedankte sich der Olympiasieger bei den vielen Fans in Whistler. Die Freude beim souveränen Sieger war gross, jeden Lauf hatte er für sich entschieden. Jubelnd reckt er die Stöcke in die Höhe und schreit die Freude hinaus. Der Schweizer Mike Schmid dominierte die Qualifikation und alle seine Läufe bis zu Olympia-Gold. Finaldurchgang: Schmid vor dem späteren Silbergewinner Andreas Matt. Zielsprung: Wenige Meter vor dem grossen Triumph. Die Schweizer Fans natürlich aus dem Häuschen. Audun Groenvold hatte im Achtelfinal noch Zeit für eine Showeinlage beim Zielsprung. Auch Exoten sind dabei. Jamaikanische Fans von Errol Kerr, welcher aber im Viertelfinal ausschied. Kerr (l.) hier noch siegreich. Spektakel pur: Errol Kerr, Anders Rekdal und Simon Stickl (v.r.n.l.) Nochmals die drei. Jetzt auch mit Davey Barr (l.). Immer gehts nicht gut: Ted Piccard (l.) und Daron Rahlves stürzen beim Zielsprung. Piccard schied aus, Rahlves überstand den Head doch noch als Zweiter. Hetzjagd: Die Heads im Skicross. Christopher Del Bosco (r.) erreichte den Final, ging aber leer aus. Scott Kneller und Bronze-Gewinner Audun Groenvold (r.) aus Norwegen.

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Schade, das Baron Pierre de Coubertin nicht mehr unter uns weilt. So wie Mike Schmid aus dem Berner Oberland hat sich der Gründervater der Olympischen Spiele die Olympischen Helden vorgestellt: Das Mitmachen zählt. Der Spass. Das Abenteuer. Und Geld spielt keine Rolle. Weil der Lebensunterhalt mit Arbeit verdient wird.

Auf den TV-Bildern wirkt Mike Schmid wie ein Naturereignis. Wie ein aus den Wäldern hervorbrechender Berner Bär hat er sich nach dem Start ins Rennen gestürzt. Ein fast zwei Meter grosser (195 cm) und über 100 Kilo schwerer Riese mit der Figur eines Schwingerkönigs, der die Konkurrenz niederzuwalzen scheint. Die offiziellen Angaben des Gewichtes (96 kg) sind weit untertrieben. «Es sind schon über 100 Kilo», korrigiert der «Berner Bär», der Skicrosser geworden ist, weil er nicht gut genug für die Alpinen war.

Gelassen, freundlich, sanft

So wild und einschüchternd, dynamisch und dominierend der Athlet, so ruhig und gelassen, freundlich und sanft der Mensch. Schmid ist der gemütliche Berner Oberländer schlechthin. «Ich habe noch nie einen so herzensguten Menschen kennengelernt», sagt etwa Franco Furger, der hier vor Ort für die Medienarbeit zuständig ist.

Olympiasieger Schmid ist unbestürzbar und ruht in sich selbst wie alle richtigen, urigen Berner. Wenn er an den aufregendsten Tag in seinem Leben zurückdenkt und darüber erzählt, ist noch immer ein fast ungläubiges Staunen spürbar. So wie bei einem Kind, das versucht, seinen Spielkameraden die Weihnachtsbescherung zu beschreiben. Es habe einfach alles gepasst. Der perfekte Tag. Dabei sei er sehr nervös gewesen: «Ich dachte am Start nur eines: Auf keinen Fall nur Platz vier oder fünf wie in den letzten Rennen.» Die Medaillenfeier, die Hymne, das seien dann die schönsten Momente gewesen. Das sei ihm doch zu Herzen gegangen. Hinterher habe er mit seinem Team und seinen Freunden gegessen und sei recht früh zu Bett gegangen. «Wann, weiss ich auch nicht mehr genau. Bevor ich einschlafen konnte, sind mir schon noch so eine halbe Stunde lang Bilder durch den Kopf gegangen.»

Blindes Vertrauen in den Servicemann

Ansonsten ist es Schmid vor allem ein Anliegen, zu danken. Seinem Servicemann Viktor Waldispühl, dem Schweizer Skifabrikanten Stöckli und Swiss Ski. «Ich wusste nicht einmal, welchen Ski ich beim Finale gefahren bin. Ich vertraue Viktor blind und brauche mir nie Gedanken über meine Skis zu machen.» Er ist dankbar dafür, dass sein Skifabrikant den Servicemann bezahlt und er findet es super, dass Swiss Ski oben in Saas-Fee für die Trainings im Sommer und Herbst eine Wohnung gratis zur Verfügung stellt. «Auch die Skilifte dürfen wir gratis benutzen.» Echte Bescheidenheit in der Welt der Olympischen Dollarmillionäre und Superstars.

«Den Schaden in Grenzen halten»

Ein Olympiasieg ist in der Sportwelt wie eine goldene Kreditkarte (fast) ohne Limite. Der Marktwert eines Olympiasiegers wird schon am nächsten Tag von Agenten den Medien vorgerechnet. Bei Mike Schmid ist das anders. Vermarktung? Fehlanzeige: «Ich habe keine Marketingagentur. Meine Familie kümmert sich um meine Angelegenheiten.» Schmid denkt nicht darüber nach, wie viel sein Gold neben der Prämie von Swiss Olympic in der Höhe von 20 000 Franken noch einbringen könnte. Er geht davon aus, dass diese Goldmedaille nützlich sein wird, «um den Schaden in Grenzen zu halten». Er will damit sagen, dass er Ende Saison dank dem Olympischen Triumph wohl nicht drauflegen muss. «Der Sport ist für mich ein teures Hobby und wenn ich zusammenrechne, wie viel Arbeitszeit ich wegen der Skifahrerei versäume, dann bleibt am Ende der Saison meist nicht mehr viel übrig.»

Mitte April wieder auf der Baustelle

Und so denkt er nicht darüber nach, wie er denn sein Gold versilbern könnte. Sondern wann er wieder die Ärmel hochkrempeln und bei der Marti AG als Strassenbauer arbeiten kann. «Es wird vielleicht dieses Jahr ein wenig später, Mitte April oder so. Ich möchte mit meiner Freundin nach der Saison ein wenig Ferien machen.» Nein, wohin die Reise gehen soll, wisse er nicht. Bei Marti ist sein Vater Peter Filialleiter, bei Marti hat Mike Schmid die Lehre als Strassenbauer gemacht, bei Marti wird er wieder arbeiten und er ist froh, dass er einen flexiblen Arbeitgeber hat.

Am Leben des Mike Schmid soll sich durch den Triumph in Cypress Mountain nichts ändern. Und wer ihn so erlebt, ist sicher: Diesen Mann wird selbst ein Olympiasieg nicht aus der Ruhe bringen.

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