Mord in Perugia

26. März 2013 10:15; Akt: 26.03.2013 11:59 Print

Auslieferung von Amanda Knox quasi chancenlos

«Der Engel mit den Eisaugen» kommt nicht zur Ruhe: Das höchste Strafgericht Italiens hat entschieden, dass das Verfahren um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher neu aufgerollt wird.

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Der Mord im Jahr 2007 an der 21-jährigen britischen Austauschstudentin Meredith Kercher (Bild) erfüllt alle Anforderungen an eine filmreife Mordgeschichte: Sex, Drogen, Gewalt, eine attraktive Hauptverdächtige - und Zweifel bis zum Schluss. Haus an der Via della Pergola 7, im italienischen Perugia. In der WG wohnen das spätere Opfer Meredith Kercher (seit Anfang Oktober 2007), die spätere Tatverdächtige Amanda Knox (seit Anfang September 2007) und zwei Italienerinnen. 21, aus London, Grossbritannien. Die Ausstauschstudentin verkehrte nach Angaben ihrer Angehörigen nicht in denselben Kreisen wie Amanda Knox. In der Tatnacht ist Meredith Kercher zu Besuch bei drei Engländerinnen. Sie bricht frühzeitig mit einer Freundin auf. Um 20.55 Uhr trennen sich ihre Wege - 460 m vor ihrem Zuhause. Zwischen 21 und 23 Uhr (1. Gutachten) oder zwischen 21 und 4 Uhr morgen (2. Gutachten) stirbt sie an massivem Blutverlust und Erstickung. Im Zimmer von Meredith Kercher findet die Polizei am Morgen des 2. November 2007 die Leiche der Britin mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt und halbnackt. Ausserdem findet sie einen Stein, mit dem das Fensterglas ihres Zimmers eingeschlagen worden ist. Der Körper des Opfers ist von insgesamt 43 Messerstichen, sowie Prellungen und Kratzern übersät. Im ganzen Haus entdecken sie insgesamt 13 Blutspuren. Ein blutiger Fingerabdruck stammt von Amanda Knox. Auf dem Verschluss des BHs von Meredith Kercher finden sie eine DNA-Spur von Raffaele Sollecito. Unbekannt. Laut Meinung der Staatsanwaltschaft sei Meredith Kercher von Amanda Knox, Raffaele Sollecito und Rudy Guede ermordet worden, weil sie sich weigerte, an einer Sexorgie teilzunehmen. Die drei seien unter Drogen gestanden. : 20, aus Seattle, USA. Wird vier Tage nach dem Mord festgenommen. Gesteht in der ersten Einvernahme ihre Beteiligung an der Tat. Dabei belastet sie ihren damaligen Arbeitgeber, den Nachtclub-Besitzer Patrick Lumumba, Meredith Kercher getötet zu haben. Danach widerruft sie das Geständnis und sagt, sie habe die Nacht bei ihrem Freund Raffaele Sollecito (Bild) verbracht und sei erst am Morgen des 2. Novembers um 10.30 Uhr in die WG zurückgekehrt. Sie sei sofort wieder zu Sollecito gegangen. Nach dem Frühstück hätten sie das Haus zusammen betreten. Schwaches Alibi, widersprüchliche Aussagen. Ermittler finden DNA-Spuren von Knox am Tatort, die ihre Beteiligung an der Tat beweisen. Am 4. Dezember 2009 wird Amanda Knox zu 26 Jahren verurteilt. Am 3. Oktober 2011 im Berufungsverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Hauptgrund: Die DNA-Spuren waren verunreinigt. 23, Student aus Bari, Italien. Ruft am 2. November aus der Mordwohnung die Polizei an und meldet einen Einbruch, Blut und eine vermisste Person. Auch sein Alibi ist schwach, die Aussagen widersprüchlich. Die Ermittler finden DNA-Spuren von Sollecito am blutüberströmten BH des Opfers, die seine Beteiligung am Mord beweisen. Raffaele Sollecito wird am 4. Dezember 2009 zu 25 Jahren verurteilt Am 3. Oktober 2011 im Berufungsverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Hauptgrund: Die DNA-Spuren waren verunreinigt. 20, aus Abidjan, Elfenbeinküste. Blutige Fingerabdrücke und DNA-Proben beweisen seine Präsenz. Wurde nach der Tat in Mainz verhaftet. Er gesteht die Tat und beschuldigt Sollecito und Knox schwer. Rudy Guede wird am 28. Oktober 2008 wegen Vergwaltigung und Mord zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe wird im Berufungsverfahren am 16. Dezember 2010 in zweiter Revision auf 16 reduziert. Kongolese. Besitzt die Bar «Le Chic», ist der Arbeitgeber von Amanda Knox. Knox beschuldigt ihn ihrer ersten Einvernahme, er habe Meredith Kercher getötet. Lumumba hat jedoch ein Alibi. Er verklagt Knox wegen Verleumdung, worauf sie ihm 50 000 Euro zahlen muss. Nach der Theorie von fand in dem Haus am 1. November eine Sexorgie statt, die ausser Kontrolle geriet. Meredith Kercher sei gemeinsam von Amanda Knox, Raffaele Sollecito und dem gemeinsamen Bekannten Rudy Guede ermordet worden, weil sie sich weigerte, bei Sexspielen mitzumachen. Die drei mutmasslichen Täter seien im Drogenrausch gewesen. Steht unter Beschuss wegen schlampiger Ermittlungen. Die DNA-Spuren des Opfers sowie diejenigen von Amanda Knox auf dem mutmasslichen Tatmesser, das am Tatort gefunden wurde, waren verunreinigt. Ebenso die DNA-Spuren von Raffaele Sollecito auf dem blutigen BH des Opfers.

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Ein schwarzer Tag für die US-Studentin Amanda Knox und ihren ehemaligen italienischen Freund Raffaele Sollecito: Der Kassationsgerichtshof in Rom hat in letzter Instanz im Fall um den Mord an der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher entschieden, den Prozess neu aufzurollen. Kurz nach 10 Uhr morgens wurde der Entscheid kommuniziert.

Als Angeklagte - nicht mehr und nicht weniger ist sie momentan - ist Knox allerdings nicht verpflichtet, persönlich vor Gericht zu erscheinen. Anders sieht es bei rechtskräftigen Verurteilung aus: «Sollte sie im neuen Prozess verurteilt werden und das Urteil von der höchsten Instanz bestätigt werden, dann könnte Italien ihre Auslieferung beantragen», sagt Knox's Anwalt, Carlo dalla Vedova.

Theoretisch existiert zwischen den USA und Italien ein Auslieferungsabkommen aus dem Jahr 1983. Doch schon anlässlich des Freispruchs von Amanda Knox 2011 beurteilte etwa «La Stampa» die Eröffnung einer «diplomatischen Front» als wenig erfolgversprechend. Ohnehin dürften bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung Jahre vergehen.

«Unannehmbarer Druck der Medien»

2009 waren Amanda Knox und Raffaele Sollecito schuldig gesprochen worden, Meredith Kercher im November 2007 in der italienischen Stadt Perugia ermordet zu haben. In der ersten Instanz wurde der «Engel mit den Eisaugen» zu 26 Jahren und Sollecito zu 25 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde aber im Jahr 2011 in zweiter Instanz aufgehoben. Beide kamen frei. Amanda Knox kehrte in ihre Heimatstadt Seattle zurück, Sollecito zog nach Verona. Gegen den Freispruch legten jedoch die Familie des Opfers und die Staatsanwaltschaft Berufung ein.

Der Fall Meredith Kercher bleibt auch nach zwei Prozessen ein Rätsel. Der zuständige Staatsanwalt, Giuliano Mignini, behauptete, der Freispruch im Jahr 2011 habe «unter unannehmbarem Druck der Medien» stattgefunden. Eines stellte er damals klar: Amanda Knox und Raffaele Sollecito seien nicht freigelassen worden, weil sie als Täter nicht infrage kamen, sondern weil es der Staatsanwaltschaft nicht möglich gewesen sei, ihre Schuld zweifelsfrei nachzuweisen.

Für den Mord wurde der Ivorer Rudy Guede 2008 nach einem Teilgeständnis zu 16 Jahren Haft verurteilt. Laut den Ermittlern wurde Meredith mit zwei verschiedenen Messern getötet. Die Fahnder gehen davon aus, dass der 25-jährige Guede, der in der Strafanstalt der mittelitalienischen Stadt Viterbo seine Strafe absitzt, beim Tod der britischen Studentin nicht allein war.

(kle)