Skater vs. «Brigitte»

04. Dezember 2012 09:19; Akt: 04.12.2012 10:14 Print

«Brenn, du Hexe, brenn!!!»

224 Wörter lassen eine Autorin um ihr Leben fürchten: Mit einem launigen Kommentar über Männer, die Skateboard fahren, hat sie ausgerechnet auf dem Frauenportal Brigitte.de einen Shitstorm entfacht.

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Der Umgang mit Facebook und anderen interaktiven Plattformen will gelernt sein. Sonst kann sich schnell ein Shitstorm zusammenbrauen. Gegen den geballten Zorn der Internet-Gemeinde ist kein Gras gewachsen. Doch nicht jedes Lüftchen wird zum Orkan. Die Social-Media-Experten Daniel Graf und Barbara Schwede haben die weltweit erste Shitstorm-Skala entwickelt. MIt ihr kann die Schwere einer Empörungswelle im Internet beurteilt werden. Bei Stufe 6 kommt es zu einem «ungebremsten Schneeballeffekt mit aufgepeitschtem Publikum». Shitstorms können in Null-Komma-Nichts entstehen. Als «Brandbeschleuniger» gelten soziale Netzwerke wie Facebook und Co. Der Internet-Protest kann Auswirkungen auf das reale Leben haben. Das weiss niemand besser als Karl-Theodor zu Guttenberg, der über eine Plagiatsaffäre stolperte. Die Schweizer Politologin Regula Stämpfli hat mit ihren umstrittenen Äusserungen zum Walliser Car-Drama einen veritablen Orkan ausgelöst im Internet. Weil sich der Bergsportartikel-Konzern Mammut 2011 zu einer umstrittenen Kampagne gegen das neue CO2-Gesetz bekannte, machten umweltbewusste Mitglieder auf der Facebook-Seite des Unternehmens mobil. «Wir entschuldigen uns bei allen Kritikern, die sich mit diesem Schritt vor den Kopf gestossen fühlten», schrieb Mammut und bedankte sich auch dafür, «eine weitere wichtige Lektion im Umgang mit Social Media» gelernt zu haben. Mitten in einen Shitstorm geriet letztes Jahr auch die FIFA. Schuld waren nicht etwa die anhaltenden Korruptionsvorwürfe, sondern Massentötungen von herrenlosen Hunden in der Ukraine und weiteren Oststaaten. Tierschützer hatten die Austragungsorte der EM 2012 ins Visier genommen. Mit dem Sunrise-Werbe-Tram lösten die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) einen Shitstorm aus. Die Reklame auf den öffentlichen Transportmitteln wurde in den Online-Portalen und sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert, zahlreiche Medien berichteten. Der Zorn der Internet-Gemeinde ist eine mächtige Waffe. Das machen sich Aktivisten mit den unterschiedlichsten Anliegen zunutze. Greenpeace stellt mit einem an Star Wars angelehnten viralen Video den Autohersteller VW als Umweltsünder an den Pranger. Der Lebensmittel-Multi Nestle geriet 2010 wegen des umweltzerstörenden Verhaltens eines Palmöl-Zulieferers unter Druck. Die Proteste im Internet und auf der Strasse zeigten Wirkung. Viele Shitstorms gehen von Facebook aus. Das weltgrösste soziale Netzwerk ist aber selbst nicht vor den Empörungswellen sicher. Zuletzt sorgten der Kauf des Fotosharing-Dienstes Instagram sowie die Einführung der Chronik (Timeline) für Aufregung. United Airlines erlebte 2008 ein PR-Desaster. Musiker David Caroll schrieb und verfilmte einen Song, wie Angestellte der Fluggesellschaft seine Gitarre achtlos in den Rumpf eines Flugzeugs warfen und sie so kaputtgemacht haben. Der Clip wurde auf der Videoplattform Youtube innerhalb von sechs Wochen fünf Millionen Mal angeklickt. Welchen Shitstorm haben Sie schon erlebt?

Stichwort «Shitstorm»: Social-Media-Profis haben eine Methode entwickelt, mit der sich Empörungswellen im Internet messen lassen. Wir zeigen einige der schlimmsten «Stürme» der vergangenen Jahre.

Zum Thema
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Bis dato fristete der Internet-Auftritt des deutschen Frauenmagazins «Brigitte» in Sachen Diskussionskultur eher ein Nischendasein. Zum Hintergrundbericht über Stressbewältigung («Zehn Tipps, die wirklich helfen») mochte sich noch niemand äussern. Ebenso beim Thema «Brokat-Mode: Kurz vor königlich». Das brandneue Quiz («70 Jahre Alice: Wieviel Schwarzer steckt in Ihnen?») wurde bisher immerhin 18 Mal kommentiert.

Umfrage
Finden Sie es albern, wenn erwachsene Menschen Skateboard fahren?
12 %
11 %
77 %
Insgesamt 1844 Teilnehmer

Und dann ist da noch «Erwachsene Männer, die Skateboard fahren: Steig ab, Mann!» – mit bald 2200 Reaktionen. Das Werk hat einen «Shitstorm» ausgelöst, von dem die Internetredaktion offensichtlich überrollt worden ist. Nach der Publikation beklagten sich die Journalisten in einer «ersten Stellungnahme» über «sehr viel negative Resonanz», die zu einer Löschung des Artikels geführt hätten.

Ü-25-Skater, werdet doch endlich erwachsen!

«Die Welt und Ansichten sind eben kunterbunt – und zum Glück gilt genau deshalb die Meinungsfreiheit. Eine sachliche Diskussion zum Thema hätten wir nicht unterbunden. Aber wir dulden nicht, dass unsere Mitarbeiterinnen bedroht und beleidigt werden», begründen die Macher. Später wird die Kommentarfunktion wieder aufgeschaltet, dann wird der Artikel erneut online gestellt («So können Sie sich selber ein Bild machen.»). In einem vierten Update der Stellungnahme entschuldigen sich die Journalisten wiederum «offiziell» bei den Lesern.

Der Eiertanz der Redaktion ist insofern sonderbar, als dass sich die fragliche Geschichte nicht um die Ausbeutung von Frauen in einer von Männern dominierten Welt dreht. Sie handelt auch nicht von Mädchen, die völlig umsonst von einem Leben als Model – made by Heidi Klum – träumen. In dem Text beschreibt die Autorin vielmehr, wie albern sie das starke Geschlecht findet, wenn es jenseits der Pubertät noch aufs Skateboard steigt. Das liest sich dann so:

«Das sind oft Typen, die eine schräge Pony-Frisur tragen, nie lächeln und nach der Party von letzter Nacht riechen. Am liebsten würde ich die am ergrauten Schopf packen und anschreien: ‹Hör auf damit! Dafür bist du zu alt.› Skateboards gehören zu kleinen Jungs. Basta.» Der Artikel endet mit dem Satz: «Und ehrlich: Erwachsen sein ist gar nicht schlimm. Versprochen.»

Autorin traut sich nicht mehr nach Hause

Vielleicht hätte diese doch recht abkanzelnde Meinung gar kein Gehör gefunden - Brigitte.de zählt nicht unbedingt zu den profiliertesten Internetmedien Deutschlands. Doch nachdem «Betroffene» über Facebook und Twitter auf das 224 Wörter umfassende Traktat hinwiesen, berichteten auch die Medien. «Skater müffeln?», fragte Spiegel Online und die «Hamburger Morgenpost» meldete: «Lästern über Skater». Das Magazin «Vice» lieferte prompt eine pöbelnde Persiflage ab: «Erwachsene Frauen, die Kinder kriegen: Hör auf zu gebären, Frau!»

Neben der obligatorischen Facebook-Gruppe gegen die «Brigitte»-Schreiberin haben sich auch ihre Unterstützer organisiert, denn die emotional geführte Diskussion ist aus dem Ruder gelaufen. Neben noch moderater Kritik wie «der schlechteste Artikel, den ich in den letzten drei Jahren gelesen habe», wurde die Verfasserin laut dem «Merkur» als «blöde Kuh» und Hure tituliert. Spätestens Aussagen wie «Brenn, du Hexe, brenn!!!» haben die Autorin alarmiert.

«Hasstiraden bis hin zu Morddrohungen», prasselten auf sie ein, weiss der «Stern». «Persönliche Details» aus ihrem Privatleben seien publik gemacht worden, so dass sich die Frau nicht mehr nach Hause getraut habe. «Kommt mal wieder runter», fordert das Hamburger Magazin die Pöbler eindringlich auf. Ob sich die Vernunft in den anonymen Weiten des Internets nun Bahn brechen wird, darf jedoch bezweifelt werden.

(phi)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Linda am 04.12.2012 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Schade, Schade...

    Bin seit längerer Zeit mit einem Skater in einer Beziehung und er ist so ziemlich das Gegenteil, wie im Artikel beschrieben! Nämlich hygienisch, ein sehr fröhlicher Mensch und was ist gegen eine Frisur auszusetzen, welche etwas länger ist, als die gewöhnliche Männerfrisur???? Finde es schade, dass gewisse Journalisten einen Artikel über ein Thema schreiben, über welches sie nicht richtig nachgeforscht haben! So enstehen völlig falsche Bilder von irgendwelchen Gruppen. Sehr sehr schade!!!

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  • Basil lehmann am 04.12.2012 11:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grossartigkeit

    Ich 23 skate auch noch nach 13 jahren! Ich habe also genau genommen noch 2 jahre um aufzuhören ;-p mooooment mal ich kenne da einen über 40 jährigen der diesen Sport immer noch im grossen Stil betreibt und damit milion schäffelt! MILIONEN JÄHRLICH! Wenn dieser Herr, auch bekannt als Mr. Tony Hawk himself, der Ehegatte der bei Brigitte sitzenden schreiberin wäre, würde sie sich dann beklagen? Tv auftritten, eigene Kleidermarke, eigener Jet, Häuser auf der ganzen Welt, Pro-Touren von der USA bis Japan und ca. 10 wohltätige Organisationen für Kinder! Ich glaube Madamme würde das Brett lieben!

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  • Marco am 04.12.2012 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niveau

    Ich finde das eine Beleiding noch fast schlimmer als der RTL Beitrag über die Gamescom 2011... So eine schande dass immer mehr Deutsche Fernsehsender und auch Zeitrschriften ihr Niveau senken.... Nicht dass das bei unseren Medien nicht auch so wäre...(ich denke an die Sendung Der Bachelor) Ich hoffe dass das Niveau von unseren Medien konstant bleibt^^

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marco am 04.12.2012 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niveau

    Ich finde das eine Beleiding noch fast schlimmer als der RTL Beitrag über die Gamescom 2011... So eine schande dass immer mehr Deutsche Fernsehsender und auch Zeitrschriften ihr Niveau senken.... Nicht dass das bei unseren Medien nicht auch so wäre...(ich denke an die Sendung Der Bachelor) Ich hoffe dass das Niveau von unseren Medien konstant bleibt^^

  • Linda am 04.12.2012 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Schade, Schade...

    Bin seit längerer Zeit mit einem Skater in einer Beziehung und er ist so ziemlich das Gegenteil, wie im Artikel beschrieben! Nämlich hygienisch, ein sehr fröhlicher Mensch und was ist gegen eine Frisur auszusetzen, welche etwas länger ist, als die gewöhnliche Männerfrisur???? Finde es schade, dass gewisse Journalisten einen Artikel über ein Thema schreiben, über welches sie nicht richtig nachgeforscht haben! So enstehen völlig falsche Bilder von irgendwelchen Gruppen. Sehr sehr schade!!!

    • Debbie am 05.12.2012 12:56 Report Diesen Beitrag melden

      Wie man in den Wald ruft

      Tja. Und den Schaden hat sie nun. Wie man in den Wald ruft. Ich unterstütze die Pöbeleinen keineswegs. Von beiden Seiten nicht.

    • Susann Welti am 05.12.2012 14:51 Report Diesen Beitrag melden

      Anmassende Journalisten!

      Ja, und überhaupt, jeder der sein Leben lebt, der Lebt! Also, sind wir schon so weit, dass jeder, der sich sportlich oder sonst im Lenen, nicht im Schema bewegt, wie es die "Klischeehafte Vorstellung von Journalisten"entspricht einfach abgestempelt wird?

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  • anonymous am 04.12.2012 17:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    skate and destroy

    und männer die fussball spielen sind etwa nicht kindisch??!

  • beatmue am 04.12.2012 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Ach, wie öde wäre die Welt,

    wenn wir alle dasselbe gut oder schlecht finden würden. Zum Glück dürfen wir noch unsere eigene Meinung haben (d.h. so lange wir Ü-25 Skater nicht doof finden!).

  • Harry am 04.12.2012 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch lächerlicher

    sind Anzugträger mit Schlips, die auf Kinderrollern durch die Gegend fahren und meinen dass würde cool aussehen.

    • Corinne am 06.12.2012 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      Manchen kann man nicht recht machen...

      Aber wenn dieser Schlipsträger stattdessen mit seinem Porsche-Offroader zur Arbeit fahren würde, wie gross wär dann das Gebrüll... Leben und leben lassen!!! Was ist los mit euch, keine anderen Probleme?

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