Haie in Sharm el-Sheik

08. Dezember 2010 16:32; Akt: 08.12.2010 17:33 Print

«Die Haie fühlten sich wohl angegriffen»

von Joel Bedetti - Die Attacken am Roten Meer waren ein Unfall, kein Angriff, sagt Hai-Experte Erich Ritter. Er fordert die Ägypter auf, endlich Hai-Prävention zu betreiben.

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Die berühmteste und wohl auch gefährlichste Haiart. Der Weisse Hai ist mit einer durchschnittlichen Länge von vier bis fünf Metern und einer geschätzten Höchstlänge von acht Metern der grösste Raubfisch der Welt. Er kommt theoretisch gesehen weltweit in allen Ozeanen und im Mittelmeer vor, allerdings fällt er so oft dem kommerziellen Fischfang zum Opfer, dass der Bestand äusserst bedroht ist. Nicht zuletzt sein Mythos hat ihn auch zur Trophäe bei Jägern gemacht, was seinem Vorkommen auch nicht gerade dienlich ist. Angriffe auf Menschen sind dokumentiert, sind aber meist Unfälle. Der grösste Hai ist kein Raubfisch. Der teilweise bis zu 14 Meter lange Hai ernährt sich wie Riesenhaie und Riesenmaulhaie von Plankton und anderen Kleinstlebewesen. Der Walhai erreicht ein Gewicht von fast 12 Tonnen. Er ist für den Menschen grundsätzlich ungefählich, es kann aber aufgrund der Grösse und Kraft des Tieres zu Unfällen kommen. Die Walhaie bevorzugen warme Gewässer zwischen 21 bis 25 Grad. Der Walhai gebärt die eindrückliche Zahl von bis zu 300 Jungen pro Wurf. Der Blauhai war auch schon in ein paar Unfälle mit Menschen verstrickt, er ist aber auch eine der am meisten befischten Arten. Er wird bis zu vier Metern gross und verdankt seinen Namen seiner strahlend blauen Farbe. Er lebt meist weitdraussen auf dem Meer und kommt weltweit vor. Er frisst, was er immer erwischt auf dem offenen Meer. Manchmal wird er aber auch selbst gefressen - von Weissen Haien. Dieser Raubfisch wird schnell erkannt. Seine auffallende Kopfform machte ihn berühmt. Er gilt als eine der grösseren Haiarten mit einer Körpergrösse von bis zu 4,5 Metern. Er kommt beinache weltweit in Küstennähe vor. Er gilt zwar als gefährlich, Unfälle sind aber kaum dokumentiert. Der Mensch wird eher dem Hammerhai gefährlich, er gilt als «stark gefährdet». Der Riffhai gilt als mässig gefährlicher Raubfisch. Er lebt hauptsächlich um Korallen und in Bodennähe, kommt aber auch schon mal in flachere Gewässer und Höhlen vor. Er bevorzugt die Südostküste Floridas, die Karibik und den westlichen Atlantik als Lebensraum und kommt bis nach Brasilien vor. Auf seinem Speiseplan steht Fisch – ausschliesslich Fisch. Der Bullenhai sorgt nach dem Weissen Hai am häufigsten für Unfälle. Er lebt wie dieser in seichten Gewässern und hat daher häufig Kontakt mit Menschen. Er wird bis zu 3,5 Metern lang. Er hält sich sowohl in Süss- als auch Salzwasser auf, wobei er flaches und warmes Gewässer bevorzugt. Die Grauen Riffhaie sind die bekanntesten Hunching-Haie. Unfälle kommen aber eher selten vor, dennoch sollte der Raubfisch nicht provoziert werden. Er ist ein mittelgrosser Hai und bewohnt weltweit Lagunen, Kanäle und Aussenriffe in tropischen Regionen (Madagaskar, Seychellen, Malediven, Thailand, Australien, Hawaii, Tahiti) – aber auch im Roten Meer ist er anzutreffen. Im Gegensatz zu vielen anderen Haiarten ist das Weibchen kleiner als das Männchen. Dieser Fisch gehört zur Familie der Grauhaie. Er kommt weltweit in in tropischen, subtropischen und warm-gemässigten Regionen vor und bevorzugt Wassertemperaturen zwischen 18 und 28 Grad. Wie der Name bereits sagt, hält er sich meist nicht in Küstennähe auf. Er gehört zu den grössten Haiarten und erreicht eine Körpergrösse von bis zu drei Metern. Der Weissspitzen-Hochseehai kann dem Menschen gefährlich werden. Es ist eine Reihe von Angriffen dokumentiert, allerdings steht ihm der Mensch in nichts nach. Der Fisch wird intensiv gejagt. Seine Art gilt als bedroht. Der Raubfisch erreicht eine Länge von über drei Metern. Kommt weltweit in fast allen Ozeanen vor, nicht anzutreffen ist er im Mittelmeer, hingegen im Roten Meer kann man den Seidenhai bestaunen. Er lebt meist auf dem offenen Ozean, ist aber auch in Küstennähe anzutreffen. Bei ihm wurde bei Begegnungen mit Menschen auch schon das sogenannte Hunching beobachtet. Der Hai macht eine Art Katzenbuckel, um seinem Feind Angst einzujagen. Er jagt hauptsächlich Fische. Den Namen verdankt er den Streifen entlang seines Körpers, die allerdings mit den Jahren verlbassen. Die Streifen dienen der Tarnung in Ufernähe, wo die Wellen ein ähnliches Muster auf den Boden werfen. Der Tigerhai frisst was ihm zwischen die vielen Zähne kommt: Fische, Vögel, Schildkröten, Artgenossen, aber auch Abfälle und Unrat. Er gilt als sehr aggressiv und kann bis zu acht Meter lang werden. Gemeinsam mit dem Bullen- und dem Weissen Hai gilt er als gefährlichste Art für den Menschen. Er bevorzugt tropische und trübe Gewässer und Regionen, in die Flüsse münden. Man findet ihn jedoch auch in der Nähe von Inselgruppen, wie zum Beispiel Hawaii, Tahiti oder den Galapagos-Inseln. Der Silberspitzenhai gehört zu der Familie der Grauhaie. Wie alle Haiarten über zwei Metern gilt er als potenziell gefährlich für den Menschen, Zwischenfälle sind aber selten. Er wird maximal knapp drei Meter lang und erreicht dabei ein Gewicht von 160 Kilogramm. Der Raubfisch kommt im Roten Meer und dem westlichen Indischen Ozean (Südafrika bis Kenia, Mauritius, Seychellen und Malediven) und dem westlichen Pazifik (Indonesien, Philippinen, Tahiti) und dem östlichen Pazifik (Kalifornien bis Galapagos) vor. Im Gegensatz zu Ammenhaien bevorzugen sie die offene See. Sie leben zwischen der Meeresoberfläche und einer Tiefe von 800 Metern. Sie ernähren sich hauptsächlich von Fisch, Rochen und Tintenfischen. Ein kleiner Hai, der nicht grösser als 1,60 Meter wird. Die wenigen Unfälle mit ihm konnten fast alle auf Provokationen des Menschen zurückgeführt werden. Dieser Raubfisch wird auch gerne Langnasenhai oder auch Spinnerhai genannt. Der Grosse Schwarzspitzenhai hat allerdings nicht einen Dachschaden, sondern hat den Namen erhalten, weil er ein äussserst schneller Schwimmer ist und auf der Jagd nach Fischen gerne auch aus dem Wasser springt. Er frisst gerne auch mal einen kleineren Artgenossen, Menschen gehören nicht auf den Speiseplan. Obwohl der Raubfisch auch das Hunching zeigt und folglich als potenziell gefährlich gilt, gab es in den letzten 40 Jahren jedoch bloss nur knapp ein Dutzend Zwischenfälle. Er ist eigentlich überall ausser in den Inselregionen des Pazifik zuhause.

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20 Minuten Online: Herr Ritter, gibt es neues von Ihren Kollegen am Roten Meer?
Erich Ritter: Sie werten zurzeit die Daten aus und versuchen den Unfallhergang zu rekonstruieren. Ich gehe davon aus, dass ausgeworfene Köder so viele Haie ins flache Wasser getrieben haben. Das ist eine absolute Ausnahme.

Was war der Grund für die Attacke?
Attacke ist das falsche Wort. Ich würde es einen Unfall nennen. Die Bissspuren, die ich auf den Fotos gesehen habe, sehen für mich nach einer defensiven Haltung der Haie aus. Der Unfall könnte so gelaufen sein: Die Haie bissen zuerst zu, um zu sehen, ob sie den Geruch dieses Lebewesens kennen - so wie wir etwas anfassen, um zu prüfen, ob wir seine Beschaffenheit kennen. Danach wehrten sich die Opfer und stiessen die Haie, worauf sich die Haie angegriffen wähnten und fester zubissen.

Könnte es nicht ein Versehen gewesen sein?
Dass ein Hai versehentlich zubeisst, ist ein Mythos, der in der Idee wurzelt, der Hai sei ein dummer Brutalo. Haie sind intelligente Tiere und verwechseln Tiere nicht einfach so. Sie beissen zu, wenn sie nicht sicher sind, ob sie etwas kennen.

Sie vermuten eine Futterkonzentration als Ursache, dass so viele Haie im flachen Wasser schwammen. Woher könnte der Köder stammen?
Es könnte konzentriertes Abwasser gewesen sein, weggeworfener Fisch von Kuttern - oder Köder, die von Tauchbooten ausgeworfen wurden. Seit einigen Jahren suchen Taucher immer einen grösseren Kick, Haie möglichst nahe zu sehen. Das ist am Roten Meer zwar verboten, aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass es trotzdem getan wird.

Wie kann man herausfinden, was es war?
Es wird wichtig sein, die Meeresströmungen am Unfalltag herzuleiten - dann kann man eruieren, woher der Köder kam, der die Haie in Strandnähe geleitet haben könnte.

Die Strände am Roten Meer haben wieder geöffnet. Eine gute Idee?
Ich hätte erstens gewartet, bis man mehr Durchblick hat, wie die Unfallserie zustande gekommen ist. Zweitens kann man einen Strand öffnen, wenn man ihn kontrollieren kann - aber das können die Ägypter nicht.

Wieso nicht?
Sie investieren nichts in Prävention. Wir zeigen auf den Bahamas den Strandwächtern, auf was sie schauen müssen, um Haie zu entdecken, und wie sie sie vertreiben können. Dazu muss man geschult sein und sich mit dem Tier befassen. Ausserdem gehört eine technologische Ausrüstung, zum Beispiel Videoüberwachung, zu einer Hai-Prävention. Man muss halt investieren. Das Problem ist auch, dass eine gute und deshalb sichtbare Hai-Prävention auf Touristen abschreckend wirkt - obwohl sie sicherer sind.

Wie werden die Ägypter reagieren?
Ich weiss es nicht. Ich hoffe, dass sie jetzt nicht Jagd auf alles machen, was schwimmt und Zähne hat, sondern gute Strandwächter ausbilden. Das ist wohl weniger aufwändig, als, wie jetzt, im Nachhinein einen Unfall zu rekonstruiern und einer Familie erklären zu müssen, wieso ihr Vater oder ihre Mutter von einem Hai getötet wurde.