Tierforscherin Jane Goodall

01. Januar 2018 21:21; Akt: 01.01.2018 21:21 Print

«Sie hielten mich für einen komischen weissen Affen»

von K. Leuthold, Buenos Aires - Ein neuer Dokfilm zeigt die Anfänge von Schimpansenforscherin Jane Goodall in Tansania. Das bisher unveröffentlichte Material macht «Jane» einzigartig.

Schimpansenforscherin Jane Goodall spricht über die Ziele ihrer Stiftung «Roots and Shoots» (Video: 20 Minuten/kle)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Über das Leben der Verhaltensforscherin Jane Goodall gibt es zahlreiche Bücher und über 40 Filme. «Braucht es wirklich nochmal einen?», fragte die 83-jährige Britin den Filmemacher Brett Morgen, als er ihr 2014 vorschlug, aus unveröffentlichtem Material aus den 1960er-Jahren einen neuen Dokumentarfilm zu machen.

20 Minuten war bei der Premiere von «Jane» in Buenos Aires dabei. Der tosende Applaus am Schluss liess das Fazit des Publikums erahnen: Zum Glück hat sich Regisseur Brett Morgen mit seinem Projekt durchgesetzt.

In Tarzan verliebt

«Jane» zeigt die Anfänge von Jane Goodall im Dschungel von Gombe in Tansania. Im Alter von 26 Jahren wurde die unstudierte und unerfahrene Sekretärin des Paläontologen Louis Leakey beauftragt, das Verhalten freilebender Schimpansen zu beobachten.

«Es war ein wahr gewordener Traum», erzählte Goodall 20 Minuten im Rahmen der anschliessenden Pressekonferenz. Schon als junges Mädchen hatte sie sich in Tarzan verliebt und wollte seitdem unter Menschenaffen leben. «Angst hatte ich keine. Ich hatte dieses unerklärliche Gefühl, dass mir nichts Böses zustossen könne.»

Ein weisser Affe, der Affen beobachtet

Goodall ging ihre Feldarbeit anders an als ihre Vorgänger. Sie sass von morgens früh bis tief in die Nacht im Wald am Tanganjikasee und studierte eine Gruppe Schimpansen, lauschte ihren Rufen in den Baumwipfeln. Sie gab den Tieren sogar Namen – etwas, das zu jener Zeit in akademischen Kreisen als völlig inakzeptabel galt.

«Täglich lernte ich etwas Neues über das Sozialverhalten der Schimpansen, über ihre Art zu kommunizieren.» Im Laufe ihrer Beobachtungen in Gombe lernte die zierliche Frau die Sprache der Tiere. Zu Beginn der Pressekonferenz überrascht Goodall ihr Publikum damit. «Auf Spanisch kann ich Sie leider nicht begrüssen, dafür aber auf Schimpansen-Sprache.» Dann stösst sie schrille Huhu-Laute aus. «Das bedeutet ‹Das bin ich, das ist Jane›», erklärt sie dem schmunzelnden Publikum.

«Die Tiere hielten mich wohl am Anfang für einen komischen weissen Affen», erzählt die Forscherin weiter. Dann, nach fast einem Jahr, begannen sie den täglichen Gast zu akzeptieren. Sie liessen Goodall näher ran, wurden zugänglicher. «Ich erkannte, welch intelligente Wesen mit verschiedenen Persönlichkeiten sie sind. Ich verstand, wie sehr sie dem Menschen ähneln.»

Schimpansen sind so brutal wie Menschen

Eine von Goodalls Erkenntnissen sollte die Tierforscher weltweit in Aufruhr versetzen: Sie hatte ein Männchen, das einen Grashalm benutzte, um in einem Termitenhügel nach Nahrung zu angeln. Schimpansen konnten also – anders als bisher angenommen – Werkzeuge gebrauchen. Bis anhin hatte man geglaubt, nur der Mensch sei dazu fähig.

In ihren rund 30 Jahren in Gombe musste Goodall auch feststellen, dass die Menschenaffen eine dunkle Seite haben. «Nach dem Tod eines Weibchens, Flo, brach ein Krieg zwischen zwei Gemeinschaften aus, und es war grausam», erzählt sie. Blutrünstige Kampfszenen, bei denen eine Gruppe Männchen eine andere überfiel und tötete, gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Jahrelang litt Goodall unter Albträumen. «Ich begriff, dass Schimpansen genau wie Menschen auch zu Gewalt und Brutalität neigen.»

Ein Käfig für ihren Sohn

«Jane» erzählt auch Goodalls persönliche Geschichte: Wie aus der Zusammenarbeit mit dem jungen Kameramann Hugo van Lawick Liebe entstand, wie sie in den 1970er-Jahren im Urwald den gemeinsamen Sohn Grub grosszog und wie schliesslich ihre Leidenschaft für ihre Arbeit zur Scheidung führte. «Er wollte, dass ich Gombe verlasse, aber ich war nicht dazu bereit.» Szenen wie diese gehen den Zuschauern zu Herzen, viele räuspern oder schnäuzen sich.

Andere Momente aus dem Dschungel-Alltag überraschen: Aus Angst, die Affen könnten ihren kleinen Sohn entführen, liess Goodall für den Jungen einen Käfig bauen. «Grub hasste die Affen», erzählt die Engländerin. «Als er älter wurde und Heimunterricht nicht mehr möglich war, schickte ich ihn zu meiner Mutter nach England.»

Aktive Umweltlobbyistin

In den Jahren nach ihrer Abreise 1986 musste die Tierforscherin hilflos mit ansehen, wie der Lebensraum der Schimpansen stetig schrumpfte. 1991 entschloss sie sich, die Stiftung «Roots and Shoots» («Wurzeln und Sprösslinge») zu gründen und sich als Umweltlobbyistin zu engagieren. «Seither bin ich nie länger als drei Wochen am selben Ort», sagt Goodall. «Die Welt braucht Menschen, die kämpfen.»

Ob «Jane» auch in der Schweiz ausgestrahlt wird, ist noch unklar. «Es gab ja schon einmal vor ein paar Jahren den Film ‹Jane's Journey›, der in ganz Europa gezeigt wurde, nur nicht in der Schweiz. Wir mussten kämpfen, damit der Film wenigstens an einem Abend in Zürich gezeigt werden konnte, an dem auch Jane Goodall selber zu Besuch war», erklärt Daniel Hänni, Geschäftsführer und Gründer des Jane-Goodall-Instituts Schweiz, gegenüber 20 Minuten.