Obdachlose in den USA

18. November 2017 11:17; Akt: 18.11.2017 11:17 Print

«Ich wurde geschlagen, ausgeraubt und gejagt»

Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Hunger und Drogen gehören für viele Obdachlose zum Alltag. Hier erzählen Wohnungslose aus den USA ihre Geschichten.

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James Harris (54) lebt auf den Strassen von Los Angeles. «Ich wurde geschlagen, ausgeraubt und gejagt», sagt er. Seit 30 Jahren hat er Aids. Als seine Medikamente aufhörten zu wirken, wurde er depressiv und wurde aus seiner Wohnung geworfen. Jetzt hofft er als Veteran auf eine permanente Unterkunft. Tammy Stephen (54) lebt in Seattle im «Camp Second Chance», einer behördlich zugelassenen Obdachlosenunterkunft. «Der Wohnungsmarkt hier ist ausser Kontrolle», sagt sie. «Deshalb leben so vielen Menschen auf der Strasse.» John Ruiz (9) lebt mit seiner Familie in einem Camper in Mountain View, Kalifornien. Seine Eltern konnten sich ihre Wohnung nicht länger leisten. John träumt für sich und seine vier Geschwister von einem Haus mit Swimmingpool und Garten. Seine Schwester Delmi Ruiz Hernandez (4) spielt vor dem neuen Heim der Familie mit ihren Puppen. Delmi Ruiz, die Mutter der beiden, im Inneren des Campers. Im Stadtteil Skid Row in Los Angeles ist die Obdachlosigkeit allgegenwärtig. Eine junge Frau unter Drogen wiegt sich auf ihren Besitztümern hin und her. Vier von zehn US-Obdachlosen, so eine Studie, sind schwer drogenabhängig oder psychisch krank. Doch auch Menschen, die nach aussen hin funktionieren, kann es treffen: Ellen Tara James-Penney ist Dozentin an der San Jose State University ... ... und nimmt trotzdem an einer Armenspeisung in der Grace Baptist Church teil. Die boomende Wirtschaft hat an der Westküste zu einem enormen Mangel an bezahlbaren Wohnungen geführt. Auch viele Angestellte sind deshalb obdachlos. Ellen Tara James-Penney bereitet ihren Unterricht in dem Auto vor, in dem sie auch schläft. Wie sie leben viele Klempner, Verkäufer, Portiers und sogar Lehrer. Wie James-Penney gehen sie zur Arbeit, schlafen, wo es möglich ist, und kaufen sich ein Fitness-Abo, um duschen zu können. Bernadette Ortiz (39) hat gerade ihr fünftes Kind zur Welt gebracht. Sie und ihr Verlobter lebten in einem Zelt, als sie von der Schwangerschaft erfuhren. Jetzt sind sie in einer Notunterkunft in einer Kirche untergekommen. «Ich will nie wieder in einem Zelt leben», sagt sie. Bennie Sayee Koffa (66) kam 1990 aus dem Bürgerkriegsland Liberia in die USA. Auf den Strassen von Seattle landete er, als er sich vor einem Jahr von seiner Frau trennte. Barry Warren (52) ist schon sein ganzes erwachsenes Leben lang obdachlos. Nach 20 Jahren auf den Strassen Kaliforniens zog er nach Seattle. Hier gebe es mehr Unterstützung und es sei sicherer, sagt er. Ein Obdachloser in Santa Cruz bekommt eine Mahlzeit von der NGO Food not Bombs. Jeden Samstag und Sonntag verteilt die Organisation Gratis-Essen in der Innenstadt – zum Leidwesen der dortigen Bewohner. Christian McKenzie (29) hat einen Sohn (7). «Ich nehme immer noch Drogen, aber nicht mehr so viel. Ich habe mich den ganzen Tag zurückgehalten», sagt die Heroin-Abhängige. «Ich vermisse meine Küche. Ich vermisse mein Kind.» Robert Irwin (72) ist seit sieben Monaten obdachlos und lebt im Camp Second Chance in Seattle. Im März will er seine ältere Schwester in Michigan besuchen. Die Obdachlosen am San Diego River haben Spuren hinterlassen. Kerry Schmid (59) und Teri Angus-Lydell (64, l.) verbringen die Nacht in Kerrys Auto auf einem Walmart-Parkplatz in Huntington Beach, Kalifornien. Schmid lebt seit 20 Jahren in seinem Auto, Teri schloss sich ihm vor einem Monat an – auf der Suche nach Schutz. Dolores Epps (41) ist seit fünf Jahren obdachlos und hat zwei Kinder. Sie verdient ihr Geld als Coiffeuse. «Ich berühre nicht jeden, nur Menschen, die sauber sind», sagt sie. Ihr Sohn (9) und ihre Tochter (15) leben bei der Grossmutter. Harrison Perkins (31) landete vor zwei Monaten in Seattle auf der Strasse, als seine Verlobte die Küche ihrer Mutter abfackelte. Perkins, der bis vor kurzem Drogen nahm, will zurück nach Cleveland zu seiner Familie. Jorge Ortega (40) lebt seit mehr als zehn Jahren auf der Strasse. Damals hatte er seinen Job am Flughafen von Los Angeles verloren. Er hat einen Sohn (14) in Washington, der nicht weiss, dass sein Vater obdachlos ist. «Make America Great Again» steht auf seinem Cap: Nathanael Baisley (38) fährt mit dem Bus von Los Angeles nach Santa Monica Beach, wo er die Nacht verbringt. Er ist seit drei Jahren obdachlos und lebt in Scheidung von seiner Frau. Sie lebt mit dem gemeinsamen Sohn (5) in England. Engel der Srasse: Im Stadtteil Skid Row in Los Angeles leben die meisten Obdachlosen in den ganzen USA ... ... Jüngsten Statistiken zufolge sind knapp 58'000 Menschen in Los Angeles obdachlos – 23 Prozent mehr als noch im Vorjahr. James Williams (50) lebt seit 20 Jahren auf den Strassen von Los Angeles. Mehr als eine Woche verbrachte er wegen Atemproblemen im Spital. In die Notunterkunft will er nicht, weil es ihm da zu voll ist. Moi Williams (59) fühlt sich auf der Strasse wohl. Er ist seit vier Jahren obdachlos. «Ich störe niemanden und niemand stört mich», sagt er. Alicia Adara (33) ist obdachlos, weil sie einen Sorgerechtsstreit gegen ihren Ex-Mann verlor. «Ich gehe nicht in Notunterkünfte», sagt die Mutter zweier Kinder. «Da fühle ich mich wie im Gefängnis.» Robert Irwin (72) schläft im «Camp Second Chance», einer Obdachlosenunterkunft in Seattle. «Im März will ich meine Schwester in Michigan besuchen. Es wird meine letzte Reise sein.» Steve sitzt mit seinem kleinen Sohn in Portland, Oregon, auf der Strasse. Er hat zwar einen Job, kann sich aber keine feste Wohnung leisten und verbringt die Nächte in billigen Hotels. Manchmal reicht das Geld aber nicht einmal mehr dafür. In New York, der bevölkerungsreichsten Stadt der USA, sind Zehntausende Menschen obdachlos. Freiwillige wie Ella Cantrell (l.) sorgen für eine minimale medizinische Versorgung. 75'000 Personen haben in New York kein Dach über dem Kopf in der Stadt, die niemals schläft. Zwei von ihnen sind James «Doc» Doctor ... ... und William Bryant. Gladys Rivera steht in einem Park im New Yorker Stadtteil Harlem und spricht mit Obdachlosen. Rivera ist eine Helferin, die täglich ihre Runden dreht und nach den Menschen auf der Strasse sieht. Ihre Nächte verbringen viele Obdachlose in New Yorker Parks, tagsüber schlagen sie die Zeit auf der Strasse tot.

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An der US-Westküste haben jede Nacht mehr als 105'000 Menschen kein Dach über dem Kopf. Weitere 63'000 Menschen schlafen in Notunterkünften oder Zwischenstationen, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet. Obdachlosigkeit entwickelt sich in dieser Region zu einem gravierenden Problem. Ob Drogen oder zu hohe Mieten – die oft ausweglose Situation der Betroffenen hat verschiedene Gründe. AP-Fotografen haben die Menschen porträtiert, denen es in den USA am schlechtesten geht.

Man gehe an den Obdachlosen auf der Strasse leicht achtlos vorbei, schreibt einer der Fotografen zu seinen Bildern. Schwieriger sei es, ihnen in die Augen zu schauen. Ihre Blicke würden gebrochene Versprechen und einen Funken Hoffnung verraten. Hinter jedem Menschen, so der Fotograf, stehe eine ganze Geschichte.

(mlr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wakka am 18.11.2017 11:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    welt

    und nebenbei gibt es Menschen die 400 Millionen für ein Gemälde ausgeben.

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  • Dave74 am 18.11.2017 11:43 Report Diesen Beitrag melden

    Hier ist CH

    Und dann Indien, Russland, Deutschland, Vietnam, China, etc., etc... und irgendwann dann mal etwas über Obdachlose in der Schweiz? Dafür bräuchte man nur vor die Tür zu gehen. Ein sehr aktuelles Thema bei den Temperaturen.

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  • Werner am 18.11.2017 11:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahrheit

    Das gleiche beginnt jetzt auch bei uns in Europa,und der Schweiz.Und das wird von Oben so gesteuert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • steffi am 18.11.2017 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    usa

    als ich dieses jahr in den usa war,war ich sehr überrascht wie viele obdachlose mittlerweile es sind...als wir vor 2jahren waren;war die situation ganz anders...hierbei sieht man was die politik alles anrichten kann

  • Obdachlosen Bruder am 18.11.2017 18:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alimente

    Kenne welche die gar nichts anderes wolken. Lasst doch die Obdachlosen einfach sein. Auch mein Bruder will das, er möchte nicht bei seinen Geschwistern unterkommen. Sonst müsste er arbeiten helfen u. seiner ehemaligen Frau u. seinen Kindern etwas Geld abgeben!

  • Asti A. am 18.11.2017 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das gelobte Land

    Mein Bruder wohnt ja in L.A. und zwar in Palos Verdes Estates eine sehr schöne ruhige und sichere Gegend. Das hat seinen Preis. Amerika ist eine 2 Klassen Gesellschaft. Man muss nur durch Venice Beach gehen und man sieht viele Obdachlose. Die meisten übernachten in der Nähe des Strandes. Auch in San Francisco gesehen bei der Fishermen's Werft. Erschreckend viele junge Leute. Wenn man übers Land fährt sieht man wie viele Amerikaner sehr einfach leben in Trailerparks oder einfachen Häusern. Das gibt einen anderen Blick auf das gelobte Land. Ich bin froh in der Schweiz leben zu können.

  • Frank am 18.11.2017 17:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kann das wirklich sein?

    Wie kann das bloss sein, in der grossartigen USA?! Hat es denn nicht mal geheissen, die Staaten hätten das grösste Pro Kopf Einkommen weltweit?

    • Leone am 18.11.2017 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frank

      das hat nicht viel damit zu tun,hat ein Staat 30 Einw. 2 davon verdienen millionen,die anderen 28 nur 100dollar im monat.Trotzdem hätte das Land den höchsten pro Kopf Eink.

    • Frank am 18.11.2017 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Leone

      sorry hätte darauf hinweisen sollen das es Spuren von Ironie enthalten könnte. Dachte es wär selbst erklärend...

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  • Leone am 18.11.2017 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    beschämend

    vor allem wenn man deren Verteidigungsbudget ansieht,grösser als der rest der Welt zusammen,der wird noch erhöht,aber hilfe für die ärmsten,nein,da blockt der Senat.Die Rüstungslobby ist einfach zu gross in den USA

    • Edmund am 18.11.2017 18:24 Report Diesen Beitrag melden

      Simple

      Ja, die Rüstungslobby ist sehr gross und die Leute grossenteils zu dumm. Ich habe lange genug dort drüben gearbeitet und dieses heruntergekommene Land kennen gelernt, ich würde nie mehr freiwillig dorthin fliegen, auch wenn die Natur noch so schön ist.

    • Anderst am 18.11.2017 18:47 Report Diesen Beitrag melden

      They do not want a nanny state

      Keine Krankenversicherung und weniger Sozialstaat. Darum zahlen die auch kaum Steuern. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das kommt dabei raus.

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