Überwachung

13. Juni 2013 18:54; Akt: 14.06.2013 09:53 Print

«Schweiz hört alle Auslandsgespräche ab»

von P. Dahm - Wenn die USA die ganze Welt belauschen, wie sicher ist dann die Kommunikation in der Schweiz? 20 Minuten traf einen Experten, der sagt: Big Brother schaut und hört schon lange zu.

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Tech-Giganten wie Facebook, Apple, Google oder Microsoft arbeiten offenbar mit dem US-Geheimdienst NSA zusammen. Dies sollen am Donnerstag publizierte . Doch es gibt Möglichkeiten, sich vor allzu neugierigen Behörden zu schützen. Wir stellen einige Alternativen vor. Liegen private oder Firmen-Daten in Online-Speicherdiensten wie iCloud (Apple), GoogleDrive, SkyDrive (Microsoft) oder Dropbox, liest auch der US-Geheimdienst mit. Bei , einem Cloud-Anbieter aus der Schweiz, werden die Daten bereits vor dem Upload auf dem Gerät des Users verschlüsselt. Dies bietet den grösstmöglichen Schutz vor Spionage. Auch ohne Cloud: Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte seine Daten auf Festplatten und Wechseldatenträgern verschlüsseln. Dies ist beispielsweise mit dem Programm für Windows, Mac und Linux möglich. Insbesondere sensible Firmen-Daten sollten vor dem Versenden per E-Mail (unverschlüsselte Verbindung) mit TrueCrypt geschützt werden. Ob WhatsApp, Skype oder Apples iMessage, die NSA kann vermutlich problemlos mitlesen: Keine Firma und keine Regierung könne hingegen ausschnüffeln, sagen die Schweizer-Entwickler der Kurznachrichten-App. Threema bietet eine vollständig gesicherte Datenübertragung an. Den WhatsApp-Konkurrenten gibt es fürs iPhone und Android. Wer das WWW nutzt, hinterlässt jede Menge Spuren. Dies muss nicht sein: Der macht es möglich, sich nahezu anonym durchs Netz zu bewegen. Der Tor-Browser ist eine vollständige Anonymisierungs-Suite, die komplett auf dem Firefox aufbaut. Im Unterschied zum grossen Bruder Google ist die Suche bei immer anonym. Die Suchanfragen werden nicht gespeichert, ebenso wenig wie die IP-Adresse, die einen User identifiziert. Auch lässt den User anonym surfen. Die Suchmaschine ist gemäss Eigenwerbung «die diskreteste der Welt». Laut Entwicklern ist ixquick die einzige Suchmaschine, die das europäische Datenschutzgütesiegel trägt. Auch YouTube (eine Google-Tochter) steht auf der Liste der US-Konzerne, die mit der NSA kooperieren. Eine Alternative ist . Der deutsche YouTube-Rivale setzt eher auf Klasse statt Masse.

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Edward Snowdens Enthüllungen lösen Empörung aus. Wir haben einen Fachmann nach seiner Einschätzung der Lage in der Schweiz befragt. Er hat in den USA gelebt und für Zuliefer-Firmen der US-Armee gearbeitet. Weil er heute für die IT-Sicherheit einer grossen Schweizer Bank verantwortlich ist, möchte er anonym bleiben

Werden hierzulande Telefone abgehört?
Ja, auch die Schweiz hört alle Auslandsgespräche ab. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass ein Mensch in einem Raum sitzt und lauscht wie bei «Das Leben der Anderen». Das läuft vollautomatisch: Programme reagieren auf Codewörter oder Personen, die bestimmte Kriterien erfüllen.

Woher kommt die Technik?
In den 90ern gab es ein US-Forschungsprogramm, das später im «Information Awareness Office» mündete. Nachdem einige Bürgerrechtsbewegungen protestiert hatten, hat der Senat das Programm angeblich eingestellt, doch es ging weiter. Die Idee dahinter ist nicht nur, Telefongespräche, Mails oder Standorte zu prüfen, sondern auch Personenerkennung und die Erstellung von Profilen

Was für Profile sind das?
Wenn Sie etwa Ferien in einem islamischen Land buchen, bekommen Sie Punkte. Je mehr Punkte, desto auffälliger sind sie. Automatisierte Übersetzungsprogramme greifen auch Informationen aus anderen Sprachen ab. Ich denke, heute ist das sehr ausgereift.

Wie funktioniert das technisch?
Die Schweiz verfolgt den Ansatz, wie die meisten europäischen Staaten: Sie lagern das Problem aus und überlassen es den Telekommunikationsprovidern. Die müssen die entsprechenden Schnittstellen bereitstellen. Bei dieser Vorratsdatenspeicherung wird nicht der Inhalt des Gesprächs aufgezeichnet, sondern nur, wer wann mit wem telefoniert hat. Bei Mobiltelefonen wird auch der Standort ermittelt. Aus den Daten ergeben sich Profile, die ohne richterlichen Beschluss abgefragt werden können, wenn es sich um Gespräche ins Ausland handelt. In der heutigen vernetzten Welt ist das ein Riesenproblem.

Der Schweizer Datenschutzbeauftragte sagt, er führe wichtige Telefonate nur noch über das Festnetz.

Festnetz in dem Sinne gibt es seit ein paar Jahren nicht mehr. Heute ist es eine IP-basierte Kommunikation, die auch über das Internet läuft. Nur die letzen 100 Meter sind noch Kupferkabel. Inwieweit eine NSA solche Inlandsgespräche abhören kann, entzieht sich aber meiner Kenntnis.

Kann sich der Normalbürger gegen Spionage wehren?
Am Telefon muss er aufpassen, was er sagt. Dateien wie etwa Fotos oder Dokumente kann man verschlüsseln, bevor man sie in der Cloud ablegt. Aber wenn ich ein Geheimdienst wäre, wären verschlüsselte Daten ein Kriterium, das mich erst Recht neugierig machen würde. Der User bekommt dann ein paar Punkte mehr. Ansonsten könnte man hoffen, dass man als kleiner Fisch sozusagen unter dem Radar bleibt.

Ausser locker bleiben gibt es keine Lösung?
Die einzige Lösung wäre eine politische, aber es ist den Leuten relativ egal. Man sieht es beim Thema Vorratsdatenspeicherung: Die Leute interessieren sich mehr dafür, dass ihre Filmdownloads legal bleiben, als für ihre Kontodaten. Die EU hat den USA im Swift-Abkommen erlaubt, alle internationalen Überweisungen einzusehen. Auch die Schweiz ist daran angeschlossen.

Die Cyber-Spione haben ja auch die Wirtschaft im Visier - wie schlimm ist das für Firmen in der Schweiz?

Ich denke, das ist ein riesiges Problem. Wirtschaftsspionage wird auch von befreundeten und verbündeten Nationen betrieben. Alle tun das – auch wenn die Schweiz da mehr Opfer als Täter ist. Gerade im Mittelstand wird die IT-Sicherheit als Kostenfaktor gesehen, deren Sinn nicht gesehen wird. Erst wenn auf der Messe amerikanische oder chinesische Maschinenbauer ähnliche Produkte präsentieren, ist das Staunen gross.


Der verstorbene Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler in dem deutschen Film «Das Leben der Anderen» von 2006. Quelle: YouTube/prettyinpunk13

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MiddleEarth am 14.06.2013 17:55 Report Diesen Beitrag melden

    lachhaft

    naja nix neues aus westen, werden fortan nur noch dirtytalk per telefon führen.

  • deppen-staat am 14.06.2013 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    für so einen müll hat man wieder geld

    aber bei der iv kürzen, bei der ahv sparen... lächerlich.

  • S. am 13.06.2013 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Vergleich

    Sorry das ist nicht vergleichbar mit dem was die USA machen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • MiddleEarth am 14.06.2013 17:55 Report Diesen Beitrag melden

    lachhaft

    naja nix neues aus westen, werden fortan nur noch dirtytalk per telefon führen.

  • r.l. am 14.06.2013 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    BIG BROTHER SOWEIT DAS AUGE SIEHT

    Kein Wunder herrscht die heutige weltweite / globalisierte Kriese - die nimmersatten Diktatur-Grossmächte tragen die Hauptschuld, wie - was - wo weltweit geschieht.

  • deppen-staat am 14.06.2013 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    für so einen müll hat man wieder geld

    aber bei der iv kürzen, bei der ahv sparen... lächerlich.

  • Christian am 14.06.2013 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Lauschangriff

    Und dann hört man den Bundesrat sagen: "Der Bundesrat hat grosses Vertrauen in die Schweizer Bevölkerung..." Tja wie gross mag das Vertrauen angesichts dieser Lauscherei wohl sein?

  • Cybot am 14.06.2013 12:43 Report Diesen Beitrag melden

    Heuchelei

    Diese ganze gespielte Empörung nervt langsam. Jeder der sich auch nur ein bisschen informiert und nicht nur die Mainstream-Medien gelesen hat, wusste schon lange, was läuft. Spätestens mit dem Patriot Act hätte auch dem hinterletzten klar sein müssen, dass viele Verschwörungstheorien eben doch einen wahren Kern haben. Wo es technische Möglichkeiten gibt, wird irgendwer sie auch nutzen. 1984 ist schon längst Vergangenheit.