Missbrauchs-Prozess in Freiburg (D)

07. Juni 2018 18:35; Akt: 07.06.2018 21:42 Print

«Er brüstete sich mit dem Buben in Chats»

von Ann Guenter, Freiburg - Zweiter Verhandlungstag gegen den im Staufener Missbrauchsfall angeklagten Schweizer J.W.* Zwei Kriminalbeamte lassen dessen Entschuldigungen nicht gelten.

Staatsanwältin Nikola Novak zum Fall des St. Galler Pädophilen. (Video: Ann Guenter)
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Am zweiten Verhandlungstag gegen den geständigen Schweizer J.W.* im Staufener Missbrauchsprozess wirkte der Angeklagte weniger nervös. Der schmächtige 36-Jährige verfolgte aufmerksam die Ausführungen der beiden geladenen Kriminalbeamten, Jürg Bieler (52) und Bernhard Werne (60). Die roten Flecken, die am Vortag die Wangen des Angeklagten zeichneten, traten erst wieder auf, als im Gericht Polizeivideos von Tatortbegehungen gezeigt wurden.

Dabei führte der Hauptangeklagte in dem Fall, L.*, die Polizisten an jene Orte, wo er und der Schweizer den neunjährigen Sohn von L.s Partnerin missbraucht hatten. Indem er sich als Polizist ausgab und dem Jungen drohte, dass er ins Heim komme, sollte er ihm nicht zu Willen sein, nutzte er seine Macht gegenüber dem Kind auf perfide Weise aus.

St. Galler Pädophiler steht ab heute vor Gericht

«Ich kanns gar nicht wiedergeben»

Das Material, das man auf mehreren Festplatten und auf einem der Handys des Schweizers fand, erschütterte auch die hartgesottenen Beamten: «Unbeschreiblich», sagte Kriminalbeamter Bieler dazu. «Ich war mir vieles von L. gewohnt, aber das war sehr schlimm.» Von der Staatsanwältin Nikola Novak aufgefordert, mehr dazu zu sagen, sagte Bieler: «Ich kanns gar nicht wiedergeben, ich habe sehr vieles wieder verdrängt.» Der Gutachter sprang ein: Das Material zeige «Gewaltdarstellungen, Einnahmen von Zwangspositionen, Einsatz von Gerätschaften, Handlungen an toten oder verletzten Kindern».

Kriminalkommissar Werne, der den Angeklagten mehrfach im Gefängnis verhörte, zeichnete das Bild eines Mannes, der die Übergriffe auf ein Kind damit zu entschuldigen versucht, dass er keine Frau fand. Der Kommissar nahm ihm das nicht ab, denn: «Was mich aufregte, war, dass er sich mit dem Jungen in den Chats brüstete.»

«Kündigung, weil Beruf nicht mehr mit ‹Nebentätigkeit› vereinbar» war

J.W. wohnte bis zu seiner Festnahme in einem «vermüllten» Zimmer in der Wohnung seiner Mutter in Au, St. Gallen. Bis vorgestern scheine sie von den Aktivitäten ihres Sohnes nichts gewusst zu haben, sagt der Kommissar: «Für sie war er stets der ­‹gute Bueb›, der so etwas nicht macht.» Mittlerweile habe der Angeklagte ihr aber «alles erzählt».

Interessant war auch, wie der Kommissar vor Gericht die Widersprüche in den Aussagen des Angeklagten aufzeigte: So habe ihm der gelernte Maurer am Anfang erklären wollen, dass er nur deswegen in die Pädophilenszene abgerutscht sei, weil er nach einem Burn-out 2013 «viel daheim hockte und sich so hineingesteigert habe». Wie sich aber herausstellte, war ihm im gleichen Jahr gekündigt worden, weil es «genau andersrum» war, wie Werne sagte: «Das Thema beschäftigte seit 2012. Je länger, je mehr war sein Beruf nicht mehr mit seiner ‹Nebentätigkeit› vereinbar.»

In den kommenden Verhandlungstagen Ende Juni wird das Gericht feststellen müssen, wie aktiv W. in der Szene war – und wie viel administrativen Aufwand er betrieb.

Kronzeuge und Hauptangeklagter zugleich

Glaubt man den Aussagen des dritten geladenen Zeugen an diesem Tag, war das Engagement des Schweizers in der Pädoszene beträchtlich. Der Auftritt von L. war mit Spannung erwartet worden. Er ist Kronzeuge und Hauptangeklagter zugleich. Bezeichnend die Aussage des Kriminalbeamten Bieler hierzu: Vom Richter gefragt, was L.s Motivation sein könnte, als Kronzeuge aufzutreten, antwortete dieser: «L. steht gern im Mittelpunkt, er möchte gern zu einem Team, in dem Fall das Polizeiteam, gehören. Zeugen erklärten uns, dass er schon als Jugendlicher so gewesen sei.»

Kommt hinzu: L. sagte aus, er werde «alles dafür tun», um einer Sicherheitsverwahrung zu entgehen. Angesichts seiner Vorstrafen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ein eher frommer Wunsch.

«Er brüstete sich mit Missbrauch von Kindern einer Freundin»

L., weniger schmächtig, aber ähnlich klein wie der Schweizer Angeklagte, belastete und entlastete diesen mit seinen Aussagen gleichermassen. So gab er etwa an, dass J.W. damit geprahlt hatte, bei einem Geburtstagsfest zwei Kinder einer Freundin missbraucht zu haben.

Der Schweizer bestreitet dies, auch die Polizei hat darauf bislang keine Anhaltspunkte gefunden. Man gehe diesem Vorwurf aber weiter nach, wie Staatsanwältin Novak im Interview mit 20 Minuten sagte. Zudem machte L. deutlich, dass J.W. sehr aktiv in der Szene gewesen sei, etwa als Moderator von Chats im Darknet.

Kaum zu überbietender Zynismus

Der Kontakt zwischen dem Schweizer und L. war durch einen weiteren Angeklagten in dem Fall zustande gekommen: Daniel V.*, ein vorbestrafter pädophiler Sadist mit Tötungsfantasien. Auf die mehrfach gestellte Frage des Gerichts, ob der Schweizer ebenfalls solche Fantasien hatte ausleben wollen, verneinte L. jeweils.

Der Prozess gegen den J.W. wird Ende Juni fortgeführt, das Urteil soll voraussichtlich am 22. Juni fallen. Am Montag stehen L. und seine Partnerin, die Mutter des missbrauchten Kindes, vor Gericht. Die beiden hatten den Neunjährigen im Internet zur Vergewaltigung angeboten. Danach gefragt, wieso er jetzt gegen den Schweizer aussage, antwortete L.: «Ich wollte, dass der Bub Gerechtigkeit erfährt.» Ein kaum zu überbietender Zynismus zum Schluss dieses Tages.

*Namen bekannt