Fall Kampusch

23. August 2016 08:13; Akt: 23.08.2016 09:38 Print

10 Jahre Natascha und ich

von K. Leuthold - Als im August 2006 eine gewisse Natascha Kampusch gross in den Nachrichten kam, sagte mir der Name nicht viel. Seither hat mich ihre Geschichte nicht mehr losgelassen.

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Am Nachmittag des 23. August 2006 herrscht auf der Redaktion von 20 Minuten helle Aufregung: Natascha Kampusch lebt und sie ist wieder frei! Im ersten Moment sagt mir der Name nicht viel, ich kann mich nur vage an die Nachricht ihrer Entführung im März 1998 erinnern. Das sollte sich rasch ändern.

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Am Tag nach der Flucht werde ich vom Chef beauftragt, mich des Falls anzunehmen. Seither hat mich die Geschichte begleitet. Ich sehe im ORF, wie eine Polizistin ein Mädchen gehüllt in einer Decke in Sicherheit bringt. Natascha Kampusch, ein Mädchen ohne Gesicht. Die Welt wird sich zwei Wochen lang gedulden müssen, bis sie die acht Jahre lange vermisste Kampusch zu sehen bekommt.

Eine Geschichte mit Lücken

Die ersten Bilder aus dem TV-Interview im ORF sind rechtlich geschützt und können nicht verwendet werden, heisst es. Hinter der medialen Strategie steckt die mächtige Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger & Partner – eine Top-Adresse für Schadenersatz- und Schmerzensgeldfragen. 20 Minuten kann das Verbot umgehen: Für die Berichterstattung fotografieren wir eine Redaktorin, während im Hintergrund das Kampusch-Interview läuft.

Kampuschs Anwaltskanzlei vermarktet mittlerweile die «wahre Geschichte». Es wird die Version einer jungen Frau präsentiert, die eigentlich die letzten acht Jahre mehr oder weniger im Dunkeln verbracht hatte. Die Erwartungen des Publikums werden erfüllt. Es stellt sich aber heraus, dass Kampusch unter anderem im Winter 2006 mit ihrem Entführer Wolfgang Priklopil Ski fahren ging. Und dass sie unter der Woche im Haus mit ihrem Peiniger wohnte, sogar in seinem Bett schlief. Und dass sie über seinem Sarg weinte, als sie sich von ihm verabschiedete.

In den ersten Jahren verfolge ich, wie sich Evaluierungskommissionen in Österreich bilden und auflösen. Immer wieder kommen die Ermittler zum Schluss, dass Priklopil ein Einzeltäter war, der sich am Tag von Kampuschs Flucht aus Verzweiflung vor einen Zug warf.

An der ersten Version darf nicht gerüttelt werden

Ende 2011 wird es für mich richtig spannend. Der Redaktion von 20 Minuten werden geheime Akten zugespielt. Es sind vor allem polizeiliche Einvernahmen aus den ersten Tagen nach der Flucht, Augenzeugenberichte und Fotos — dasselbe Material, mit der sich die Sonderkommission Kampusch beschäftigt hatte.

Ich reise im Januar 2012 nach Wien, um selber die wichtigsten Schauplätze des Verbrechens zu besuchen und Interviews mit Augenzeugen und involvierten Personen zu führen. Aufgrund dessen entsteht Wochen später eine 12-teilige Serie.

Mich schockieren besonders die Bilder von Priklopils Leiche. Die Art der Verletzungen lassen den Verdacht zu, dass sich der Entführer nicht selber vor einen fahrenden Zug geworfen hat, sondern dass ihm die Kehle durchgeschnitten wurde und dann der leblose Körper auf die Gleise gelegt wurde, um einen Selbstmord vorzutäuschen.

Ich treffe den ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in Wien, Johann Rzeszut. Er ist überzeugt, dass hinter der «wahren Geschichte» eine Promotionskampagne auf Initiative von Kampuschs Anwalt Gabriel Lansky geführt wird. «Wenn an der Selbstmord-Version von Wolfgang Priklopil gerüttelt wird und es sich herausstellt, dass er Komplizen hatte, bricht alles zusammen», sagt Rzeszut. Das wolle Lansky mit allen Mitteln vermeiden — an der Biografie seiner Mandantin «3096 Tage» und dem gleichnamigen Film darf nichts geändert werden.

Zum 10. Jahrestag bringt Natascha Kampusch ihr zweites Buch «10 Jahre Freiheit» heraus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jemand am 23.08.2016 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Seltsam

    Ich traue der ganzen Geschichte nicht. Bin selber aus Wien und lebte in der Nähe des Geschehens. Hier stimmt nichts. Am besten ignoriert man das Ganze. So wie das aufgezogen wird, wäre das das beste.

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  • Simking am 23.08.2016 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naja

    hmm auch 10 Jahre nach ihrer " Freiheit " bin ich immer noch nicht sicher, was ich glauben soll und was nicht..die ganze Story stinkt.

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  • C.P. am 23.08.2016 08:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Come on...!

    Die Story stinkt von Anfang an. Auf Anweisung der Justiz wurde der "Gefängniskeller" zugeschüttet aber Kampusch als jetzige Besitzerin behält das Haus und geht dort regelmässig nach dem Rechten sehen und lüften.... mehr als seltsam für ein wirklich erlittenes Trauma!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • pas-mat am 23.08.2016 18:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traumatisiert

    nach meinem empfinden durchlebt diese frau laufend eine retraumatisierung durch ihre öffentlichkeit! ich denke, sie spürt sich über die vielen reaktionen und orientiert sich daran. ich wünsche ihr ruhe und das die wunden vernarben dürfen. braucht zeit aber wird kommen.

  • Marina am 23.08.2016 12:11 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Urteil fällen

    bevor ihr nicht selber sowas durchgemacht habt. Ihr wisst nicht was das psychisch mit einem macht. Jeder hat seine eigene Art etwas zu verarbeiten. Nur weil euch diese Art nicht passt/sie euch komisch vorkommt ist sie nicht gleich falsch. Man muss nicht immer gleich überall eine Verschwörungstheorie finden. Lasst sie leben und lebt euer Leben und hofft & betet, dass euch sowas nie widerfährt.

    • Wakka am 23.08.2016 15:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Marina

      Ok, wenns mir aber passieren sollte, würde ich nicht damit Geld machen wollen.

    • karma am 23.08.2016 23:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Wakka

      Doch, das würdest du! Denn sonst tut es jemand anderes! Ich finde auch nichts beschämendes daran, dies zu tun, es ist ihr gutes Recht!

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  • Il Comandante am 23.08.2016 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwörungstheorien

    Unglaublich, dass man versucht, einer 10jährigen die Schuld an der eigenen Entführung zu geben. Beziehungsweise, dass man ihr vorwirft, im "selben Bett" geschlafen zu haben wie ihr Entführer. Was denkt ihr denn, dass diese 10jährige sich unsterblich in den 40jährigen verliebt hat und die Entführung vorgetäuscht hat? Und dann auch noch heimlich einen Kellerbehausung geschaffen hat, um später ein Buch zu schreiben? Ich glaube nicht an die 9/11 Story und mich nennt man Verschwörungtheoretiker! Unglaublich.

  • TripleSeven am 23.08.2016 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Figur

    Jetzt ist das ganze 10 jahre her, ein bisschen abbnehmen könnte sie jetzt schon..

    • Doc Cottle am 23.08.2016 12:05 Report Diesen Beitrag melden

      @TripleSeven

      Wenn jemand acht Jahre seines Lebens entführt ist und nach Essen betteln musste, ist es doch verständlich dass sie ein gewisses Nachholbedürfnis hat.

    • Anna R. am 23.08.2016 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @TripleSeven

      Ist Ihnen bewusst dass diese junge Frau nie ein normales Leben führen kann? Dass sie von vielen vielen Menschen verurteilt wird obwohl die ein fürchterliches Martyrium seit der Kindheit erleben musste ? Dass sie trotz Ermittlungspannen nie eine finanzielle Entschädigung bekam? Was spielt da die Figur eine Rolle?

    • Daniel C. am 23.08.2016 12:33 Report Diesen Beitrag melden

      Gehirn? Wo?

      Ist auch extreeeem wichtig, dass sie abnimmt. Wie traurig, dass es immer noch Menschen gibt, die sich so sehr auf das Äussere fixieren.

    • L. Attili am 23.08.2016 12:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @TripleSeven

      wie oberflächlich kann man sein? sie muss bestimmt psychopharmaka nehmen.

    • Candy1980 am 23.08.2016 12:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @TripleSeven

      so viele downvotes wie ich dir für deine freche aussage geben möchte gibt es gar nicht!!!

    • pas-mat am 23.08.2016 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Candy1980

      danke!!!

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  • HiMa am 23.08.2016 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Alles wissen es besser ....

    Kein Mensch kann sich vorstellen, was eine solch entsetzliche Geschichte mit einem jungen Mädchen anrichtet. Auch in den USA gab es Fälle, wo Opfer für Ihre Entführer sogar in deren Shop gearbeitet haben und sich nicht trauten, die Umwelt um Hilfe zu bitten. Dass N.K. jetzt nicht loslassen und ihre Geschichte abschliessen kann, darf ihr sicher nicht zum Vorwurf gemacht werden. Alle die schlauen Kommentator/innen, hier haben, genau wie ich, keine Ahnung, wie wir selbst damit umgehen würden. Sie verdient nach wie vor unseren Respekt und unser Mitgefühl, alles andere wäre schäbig .... .