«Engel des Todes»

14. Januar 2017 17:59; Akt: 14.01.2017 17:59 Print

Rechtsmediziner lernen an Mengeles Gebeinen

von S. Lehman, AP - Er war als «Engel des Todes» berüchtigt. Nun dienen die Gebeine von Nazi-Arzt Josef Mengele angehenden Rechtsmedizinern in Brasilien als Anschauungsmaterial.

Rechtsmediziner Daniel Romero Munoz zeigt seinen Studenten Josef Mengeles Schädel. (Video: KameraOne)
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Mehr als 30 Jahre lang lagerten die Gebeine von NS-Verbrecher Josef Mengele in einem blauen Plastiksack im Rechtsmedizinischen Institut im brasilianischen São Paulo. Dann hatte der Arzt Daniel Romero Munoz eine Idee – er ist Leiter des Teams, das 1985 die sterblichen Überreste identifiziert hatte.

Unlängst erhielt der Chef der Rechtsmedizinischen Abteilung der Universität von São Paulo die Genehmigung, die Knochen in seinen forensischen Vorlesungen zu nutzen. Seine Schüler studieren sie und verbinden ihre Erkenntnisse mit der Lebensgeschichte des KZ-Arztes, der als «Engel des Todes» bekannt war. «Die Gebeine werden helfen zu lehren, wie man die Überreste eines Menschen untersucht und diese Informationen dann mit Daten in Dokumenten über diese Person abgleicht», erläutert Munoz.

Fraktur am linken Becken

Mengele, der während der Nazi-Zeit entsetzliche Experimente an Häftlingen in Konzentrationslagern vorgenommen und Tausende Menschen in Auschwitz in die Gaskammern geschickt hatte, starb vor fast vier Jahrzehnten. Er ertrank vor der Küste des brasilianischen Bundesstaates São Paulo. Mengeles Leben auf der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg machten seine Gebeine zu einem nützlichen Lehrinstrument, sagt Munoz.

«Als wir seine Überreste untersuchten, entdeckten wir zum Beispiel eine Fraktur am linken Becken», sagt der Mediziner. Aus alten Unterlagen gehe hervor, dass er sich die Verletzung bei einem Motorradunfall in Auschwitz zuzogen habe.

Rechtsmediziner lernen an Mengeles Gebeinen

Rasierklinge gegen Zahnabszesse

Mengeles Schädel in der Hand, weist Monoz auch auf ein kleines Loch im linken Wangenknochen hin – Folge einer Langzeit-Entzündung der Nasennebenhöhlen. Munoz zufolge schilderte das deutsche Ehepaar Bossert, das dem Verbrecher in Brasilien Unterschlupf gewährte, in polizeilichen Vernehmungen, dass Mengele oft an Zahnabszessen gelitten und diese mit einer Rasierklinge behandelt habe.

Cyria Gewertz ist eine heute 92-jährige Holocaust-Überlebende. «Ich weiss nicht, was ich fühle», sagte sie über die Studien an Mengeles Gebeinen. «Ich habe zu viele schmerzhafte Erinnerungen daran, was er mir und anderen in Auschwitz angetan hat. Das sind Erinnerungen, die ich nicht ausradieren kann.»

Gewertz, die nach eigenen Angaben neben Auschwitz auch in anderen Konzentrationslagern gefangen war, ging nach dem Krieg zunächst nach Schweden, wo sie ihren späteren Mann kennen lernte. Zusammen siedelten sie 1952 nach Brasilien um.

«Er war ein böser, perverser Mann»

«Mengele befahl mir, mich auszuziehen und in einen Bottich mit extrem heissem Wasser zu steigen», erzählt die gebürtige Polin in einem Interview. «Ich sagte, dass das Wasser zu heiss sei, und er antwortete, wenn ich nicht tue, was er befehle, dann würde er mich töten. Danch musste ich in einen Bottich mit eiskaltem Wasser steigen.»

Gewertz sah nach eigenen Angaben auch, wie Mengele ein neu geborenes Mädchen umbrachte, indem er es vom Dach einer der KZ-Baracken warf. «Er war ein böser, perverser Mann», sagt sie, «er war ein Folterer.»

Mengele wurde 1985 exhumiert

Mengele war nach dem Krieg zunächst nach Argentinien geflohen, verbrachte ein Jahrzehnt in Buenos Aires. Nachdem Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad den ebenfalls in der Stadt lebenden Adolf Eichmann gefasst hatten, zog Mengele nach Paraguay um. 1960 fand er Unterschlupf in São Paulo. Nach seinem Tod beim Schwimmen an einem Strand der Stadt Bertioga 1979 beerdigten ihn die Bosserts unter dem falschen Namen Wolfgang Gerhard in Embú am Stadtrand von São Paulo.

Nach der Entdeckung seines Grabes wurden die sterblichen Überreste 1985 exhumiert. Teams aus Deutschland, Israel, den USA und Brasilien bestätigten dann, dass es sich tatsächlich um Mengele handelte.

Die Historikerin Maria Luiza Carneiro wünscht sich, dass die Studien im Uni-Hörsaal eines Tages über die Forensik hinausgehen. Studenten sollten auch lernen, «wie Ärzte, Psychiater und andere führende Wissenschaftler im Dienst des Dritten Reiches standen, ihre Kenntnisse zur Verfügung stellten, um als minderwertige Rassen eingestufte ethnische Gruppen auszuschliessen», so Carneiro. «Ein Ausschluss, der in Völkermord kulminierte.»