Malen, Reisen, Boxen

11. April 2013 11:09; Akt: 11.04.2013 11:42 Print

«Kunst ist sehr harte Arbeit»

von P. Dahm - Einst in beengten Burgdorfer Verhältnissen aufgewachsen, heute Globetrotter. Ata Bozaci spricht über seine Anfänge als Sprayer, Karriere-Katalysator Gunter Sachs und neureiche Chinesen.

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Ata Bozaci, mit Computern stehen Sie nicht auf Kriegsfuss, oder?
Ich habe von 1992 bis 1996 Grafikdesign und neue Medien studiert. Der Computer war das neue Werkzeug, aber es gab damals nur spartanische Anwendungen. Das meiste Wissen in dem Bereich habe ich mir im Berufsleben angeeignet.

Ich frage, weil Sie kein Handy haben. Ein Widerspruch?
Ich hatte schon sehr früh einen Pager und als ich noch eine Firma hatte, war er mehr Plage als Hilfsmittel. Meine Kunden und auch ich selbst konnten uns nicht mehr abgrenzen. Als ich dann in Mexiko mein Handy verlor, merkte ich, wie abhängig ich davon war. Das hat mich gestört. Durch den Wegfall des Handys habe ich eine grosse Portion Freiheit zurückgekriegt. In meinem Umfeld gab es zwar ein wenig Protest, weil ich nicht mehr erreichbar bin, aber mir hat es auch beruflich geholfen.

Wie das?
So trennt sich bei den Kunden die Spreu vom Weizen. Durch den Mailverkehr waren die Leute gezwungen, sich erst zu überlegen, was sie von mir wollten und sich auch klar zu artikulieren. Es sind keine Aufträge mehr reingeplatzt, bei denen alles ruckzuck gehen muss.

Sie kommen aus der Graffiti-Szene. Welche Bedeutung hatte sprayen für Sie?
Wir sind ziemlich arm aufgewachsen. Ich habe das Zimmer mit meinen beiden Geschwistern teilen müssen, bis ich 20 war. Es gab viele Reglementierungen. Ich hatte damals wahrscheinlich schon den Drang, auszubrechen, hab mich von zu Hause gelöst und eine Sprache gesucht, um mich auszudrücken. Wenn man keine Mittel hat, um sich Leinwände zu kaufen, nutzt man halt die Strasse. Es ging aber nie darum, etwas kaputtzumachen. Ich wollte als Künstler einfach grossflächig malen.

Das stösst in der Regel nicht auf Gegenliebe …
Die Gesellschaft hat gegenüber Graffiti null Toleranz. Wenn man heute ein legales Bild sprüht, fragen selbst Kinder zuerst: Darfst du das? In anderen Ländern wie auf Kuba bringen dir die Menschen Essen oder einen Kaffee, setzen sich dazu, kommentieren. Der Umgang ist mehr ein Miteinander als Gegeneinander.

War das Illegale reizvoll?

Es hat einfach dazugehört und man hat sich darauf vorbereitet. Also nicht wild rumgesprüht, sondern konkret geplant. Das hat natürlich einen Reiz, weil es Nervenkitzel mit sich bringt, aber wichtiger ist, dass man sich unter Druck beweisen muss. Wenn man an einem unmöglichen Ort ein gutes Bild kreieren kann, wird daran auch eine Wertigkeit gemessen.

Wie hast du rückblickend den Sprung vom Sprayer zum Künstler gemeistert?
Das geht nicht von einem Tag auf den anderen, das ist eine Entwicklung seit meinem 16. Lebensjahr. Damals hatte ich in Bern meine erste Ausstellung. Das Feedback solcher Veranstaltungen ist wichtig für deine Entwicklung als Künstler. Ich habe viel ausgestellt, wobei die Orte nicht so wichtig sind. Du musst dich erst hocharbeiten, bis jemand auf dich aufmerksam wird. Kunst ist sehr harte Arbeit, bis man etabliert ist. Und auch danach ist es schwer – selbst, wenn es mehr Passion als Arbeit ist.

Als Karrieresprung stellte sich das Engagement bei Lebemann Gunter Sachs heraus.
Mein bester Freund, der leider verstorben ist, hat Gunter Sachs auf mich aufmerksam gemacht. Es war zum einen eine sehr lehrreiche Zeit. Das lag zum einen am Arbeitsvolumen: Ich habe - zusammen mit Sigi von Koeding aga Dare - sieben, acht Räume in seinem Haus am Wörthersee gestaltet. Mit dem ganzen Kennenlernen, Präsentieren und Vorbereiten hat es ein halbes Jahr gedauert. Das Haus war im Rohzustand, Arbeiter waren da und haben auch Bilder zunichte gemacht. Es war zum anderen hart, aber sehr herzlich. Es gab viele Emotionen: Einmal habe ich mich drei Stunden mit Gunter über die Form eines Oberschenkels gestritten. Aber wenn Gunter einen selbst aussucht, ist man auf Augenhöhe. Er hat in einem Interview gesagt, dass er meine Art als grosses Kunstwerk sieht. Das ist natürlich schon ein Ritterschlag.


Bozaci und Sigi von Koeding aga Dare nehmen sich Gunter Sachs' Schloss am Wörthersee an. Quelle: YouTube/1TOASTONE1

In New York hatten Sie Ihre erste Ausstellung bereits im Jahr 2000.
Das war keine Ausstellung, sondern auch ein Auftrag, den ich von den Zürcher Architekten Urs Wolf und Isa Stürm bekommen habe. Ein Laden sollte dort gestaltet werden. In Amerika war ich aber bereits 1997 zum ersten Mal. Damals wollte ich die Welt entdecken, heute gehört Reisen zu meinem Alltag. Ich habe es dank Graffiti sehr einfach gehabt, weil es dort ein richtiges Netzwerk von Sprayern gibt. Wenn die in die Schweiz kommen, pennen sie bei mir und umgekehrt. Graffiti ist nicht nur Kunst, es ist auch eine Community und heutzutage ein Wirtschaftsfaktor.

Wann waren Sie zum ersten Mal in China?
Im Jahr 2000. Damals war das Land noch ziemlich unberührt. Die Chinesen ticken komplett anders. Sie sind Menschen, die dieselben Bedürfnisse haben, aber die Herangehensweise ist wirklich anders.

Wo hatten Sie dort die erste Ausstellung?
In Hongkong. Ein befreundeter Sprayer aus Frankreich war damals mitgekommen und ist dort geblieben. Er ist heute mein Kontaktmann für alle Ausstellungen in China.

Ist die Nachfrage nach Kunst gestiegen?
Kunst ist dort ein Riesenfaktor geworden, auch weil es viele Neureiche gibt. Die müssen sich natürlich mit Prestige eindecken, tun es aber auch zur finanziellen Absicherung. Was mir aufgefallen ist: Ich bin auf subtile Art und Weise ausgenutzt worden. (lacht)

Wie jetzt?
Ich hatte zwar die Möglichkeit, viele Erfahrungen zu sammeln, aber wenn man es von der Businessseite sieht, werden Top-Leute ins Land geholt, kopiert und dann wieder nach Hause geschickt. Für die ist das keine Sünde, sondern eine Ehre, wenn sie dich kopieren. Die Menschen saugen alle Informationen wie Schwämme auf. Das finde ich sehr, sehr spannend.

Was haben Sie daraus gemacht?
Ich habe Jahre später die gleichen Leute getroffen, die mir zuvor Fragen gestellt haben. Ich habe dann gemerkt, welche richtig interpretiert haben und wessen Werke eine Kopie geblieben sind, weil sie den Inhalt nicht verstanden haben. Wenn sie sich weiterentwickelt haben, finde ich das dagegen cool.

Ihre neue Ausstellung heisst «Lineares Boxen». Wie viel Aggressivität steckt im Malen?
Die Leinwand ist immer ein Abbild deiner selbst. Erfahrungswerte aus dem Alltag habe ich bewusst erst selbst verarbeitet, bevor ich auf der Leinwand nach gestalterischen Lösungen suche. Je klarer man wird, desto einfacher wird auch die Sprache, die man benutzt. Das hat auch was mit dem Alter zu tun, weil man sich besser artikulieren kann als mit 15.

Und wie ist Ihre persönliche Einstellung zu dem Sport?
Ich habe mich schon früh dafür interessiert. Meine Freundin ist Schweizer Vize-Meisterin, ihr Bruder boxt auch. Der eigentliche Kampf findet lange vor und lange nach dem Kampf statt, besonders wenn man verliert. Sich wieder aufzuraffen, wieder in den Ring zu steigen. Das habe ich in den Mittelpunkt meiner Arbeit gestellt. Die Bilder zeigen zerschlagene Gesichter und innerlichen Bruch. Das Boxen ist hier aber auch eine Metapher für mein Leben – und als Künstler muss ich jetzt boxen, was das Zeug hält.

Die Ausstellung «Lineares Boxen» ist vom 11. April, 18 Uhr, bis zum 2. Mai in der Gallerie The Trace in der Zürcher Militärstrasse 76 zu sehen. Danach wird Bozaci in Freiburg (D), Roskilde (DK), Marokko und Australien arbeiten.


Vergangenen Sommer malte Ata «Toast» Bozaci in Basel. Quelle. YouTube/F A K T -KUNST UND MUSIK