Lehrreiche Taxifahrt

19. April 2013 10:30; Akt: 19.04.2013 11:18 Print

Mischte sich Xi Jinping inkognito unters Volk?

Chinas angehender Staatspräsident soll im Taxi gefahren sein, um etwas über die Sorgen der Bevölkerung zu erfahren. Alles ein PR-Coup? Peking hat kalte Füsse bekommen und dementiert.

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Im Drama «Heinrich V.» lässt Shakespeare den englischen König nachts verkleidet unter seine Truppen gehen, um deren Stimmung auszuloten. Dasselbe literarische Thema findet sich in Geschichten aus allen Ecken der Welt: Ein Monarch bekommt die Sorgen seiner Untertanen nur dann ungefiltert zu hören, wenn sie ihn für einen der Ihren halten. Auch der chinesische Präsident hat sich den Trick offenbar zu eigen gemacht, in modernisierter Form: Xi Jinping bestieg ein Taxi und hörte zu.

Taxifahrer gelten als verlässlicher Gradmesser für die Sorgen der Bevölkerung. So auch der 48-jährige Guo Lixin aus Peking. Kaum waren am 1. März zwei Personen eingestiegen, begann er sich über die schlechte Luft in der chinesischen Hauptstadt zu beklagen. Einer der Fahrgäste antwortete, dass die Regierung entschlossen sei, das Problem zu lösen. Aber er müsse sich gedulden, denn selbst die entwickeltsten Nationen der Erde hätten mit Umweltproblemen zu kämpfen.

Mikroblogger finden Gefallen an Xis Volksnähe

Mit einer solchen Antwort hatte Guo nicht gerechnet. Also drehte er sich um, um zu sehen, wen er da beförderte. Aber er erkannte den hohen Gast nicht, erst an einem Rotlicht dämmerte es ihm: «Hat Ihnen schon jemand gesagt, dass Sie Generalsekretär Xi ähnlich sehen?» Dieser antwortete: «Sie sind der Erste, der mich erkannt hat.» Laut Guo fragte ihn der angehende Präsident unter anderem, wie viel er als Taxifahrer verdiene.

So stand es am Donnerstag in der Hongkonger Zeitung «Ta Kung Pao», ausführlich illustriert mit Fotos von Guo Lixin, der Taxi-Quittung und einem handschriftlichen Grusswort von Xi Jinping (etwa «gute Reise!»). Auf dem chinesischen Mikroblogging-Dienst Weibo äusserten viele User Sympathie für ihr neues Staatsoberhaupt und seine volksnahe Art, sich die Sorgen des kleines Manns anzuhören und die Probleme beim Namen zu nennen.

Peking versteht wieder einmal keinen Spass

Da die Zeitung «Ta Kung Pao» als Peking-freundlich gilt und ihr Chefredaktor Jia Xiping früher in gleicher Position bei «Renmin Ribao» tätig war, dem Parteiorgan der Kommunistischen Partei Chinas, kam aber auch ein Verdacht auf: Könnte die Geschichte in Wahrheit ein klug inszenierter PR-Coup Xis gewesen sein? Ein Weibo-User witzelte, dass der japanische Premierminister Shinzo Abe regelmässig selbst einkaufen gehe und darum kein Aufheben gemacht werde.

Doch einmal mehr bewiesen die chinesischen Behörden, dass sie in solchen Dingen keinen Spass verstehen. Noch am selben Tag dementierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die Echtheit der Geschichte. Blitzschnell verschwand sie auch auf «Ta Kung Pao». Die Zeitung entschuldigt sich bei ihren Lesern für die Verbreitung einer Falschnachricht.

Ob Xi besagte Taxifahrt je angetreten hat, bleibt also ein Geheimnis. Zugegeben: Das Sicherheitsprotokoll für die chinesische Staatsführung ist äusserst streng. Dass das angehende Staatsoberhaupt mal eben in irgendein Taxi steigt, ist höchst unwahrscheinlich. Die «South China Morning Post» aus Hongkong spricht denn auch von einem «missratenen PR-Coup».

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • S. Lutz am 19.04.2013 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trendwende

    Vielleicht ändert sich in China mal endlich was zum guten.

  • erich am 19.04.2013 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich

    Schön wär's, falls Xi etwas volksnäher wäre und die Ungerechtigkeit ausbessern würde. Gut war sein Appell auf unnötige Luxusgüter zu verzichten. Besser wäre jedoch wenn die Parteigenossen (alles Milliardäre) mit gutem Beispiel voran gehen würden... Wasser predigen und Wein trinken gibt's bei uns ja auch zu genüge!

  • georg a am 19.04.2013 14:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    auch bei uns

    würde unseren politikern auch mal gut tun sich im volk umzuhören, man hat schon lange das gefühl das sie total abgehoben sind und keine ahnung haben was im richtigen alltagsleben läuft

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • S. Lutz am 19.04.2013 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trendwende

    Vielleicht ändert sich in China mal endlich was zum guten.

  • Silvio Foiera am 19.04.2013 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Gibts auch hier

    Der emeritierte Direktor des Paul Scherrer Instituts, Meinrad K. Eberle, nahm gerne mal das Taxi vom Bahnhof Brugg ans Institut, um sich umzuhören, wie denn das Institut in der Bevölkerung wahrgenommen wird.

  • georg a am 19.04.2013 14:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    auch bei uns

    würde unseren politikern auch mal gut tun sich im volk umzuhören, man hat schon lange das gefühl das sie total abgehoben sind und keine ahnung haben was im richtigen alltagsleben läuft

    • Biella am 19.04.2013 15:36 Report Diesen Beitrag melden

      Unsere Schönwetterpolitiker:

      Einmal Tramfahren in Züri-City genügt!

    • Thomas am 19.04.2013 16:20 Report Diesen Beitrag melden

      sie kennen wohl keine Politiker

      ich sehe in der Schweiz viele Politiker die mit dem ÖV unterwegs sind, am Wochenmarkt einkaufen, an Volksfeste gehen, in Sportvereinen aktiv sind etc. und zwar nicht nur Lokalpolitiker, nein auch solche die im Bundesparlament sitzten. Sie müssen nur mal die Augen öffnen.

    • Pete G. am 19.04.2013 17:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Bern

      Im Bahnhof Bern und auch im Stadt-ÖV sieht man viele National-, Stände-und auch Bundesräte, und zwar aller Parteien. Man muss sie halt kennen! ;)

    • Tim T. am 20.04.2013 23:10 Report Diesen Beitrag melden

      Kann dem nicht zustimmen

      Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Stadt Bern und ich kann ihnen versichern, dass man da viele Politiker trifft, auch im öV. Die meisten sind sogar ganz alleine (d.h. ohne Personenschutz) unterwegs. Da ich den gleichen Wohnort wie Ueli Maurer teile, sah ich ihn auch schon mit dem Velo durchs Dorf fahren. Einzig die extrem polarisierenden Politiker wie Blocher sieht man kaum, und wenn dann mit Personenschutz.

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  • erich am 19.04.2013 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich

    Schön wär's, falls Xi etwas volksnäher wäre und die Ungerechtigkeit ausbessern würde. Gut war sein Appell auf unnötige Luxusgüter zu verzichten. Besser wäre jedoch wenn die Parteigenossen (alles Milliardäre) mit gutem Beispiel voran gehen würden... Wasser predigen und Wein trinken gibt's bei uns ja auch zu genüge!