Augenzeugen-Berichte

14. Juni 2017 09:48; Akt: 14.06.2017 13:45 Print

«Ein brennendes Kind sprang aus dem 22. Stock»

Ein Hochhaus in London brannte bis zum Morgen lichterloh. Augenzeugen und Bewohner, die entkommen konnten, schildern dramatische Szenen.

Zeugen berichten über das Inferno. (Video: Tamedia/AP)
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In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch geriet in London ein 27-stöckiges Hochhaus in Flammen. Die Feuerwehr spricht von mehreren Toten, Dutzende Verletzte wurden in Spitäler gebracht. Mehrere Bewohner des Grenfell Tower im Westen der britischen Hauptstadt, denen die Flucht aus dem brennenden Gebäude gelang, haben sich gegenüber britischen Medien geäussert, ebenso Augenzeugen aus der Nachbarschaft.

Ein Anwohner berichtet der «Daily Mail», er habe ein «brennendes Kind» gesehen, das aus dem 22. Stock gesprungen sei. Anwohnerin Samira Lamrani sagte, sie habe eine Frau beobachtet, die ihr Baby aus dem neunten oder zehnten Stock habe werfen wollen, damit unten wartende Passanten es auffangen konnten. «Jemand tat es», so Lamrani. «Ein Mann lief nach vorne und schaffte es, das Baby zu fangen.»

«Raus hier, raus hier»

David Benjamin, der in der Wohnung seiner Freundin übernachtete, sagte zur BBC: «Wir schliefen. Dann hörten wir ein Klopfen an der Tür.» Ein Nachbar habe das Paar geweckt, um es zu warnen. Die Korridore seien bereits voller Rauch gewesen, so Benjamin. Zunächst hätten sie wegen des starken Qualms in der Wohnung bleiben wollen. Doch als sie die Feuerwehrleute «raus hier, raus hier» riefen hörten, seien sie die Treppen hinuntergestürmt.

Anwohner aus umliegenden Häusern berichteten der Nachrichtenagentur AP, sie hätten beobachtet, wie Menschen in den oberen Etagen mit Flaggen und Lichtern versucht hätten, auf sich aufmerksam zu machen. Offenbar hätten sie nicht fliehen können, weil auch die Feuertreppe in Brand geraten war.

Feueralarm ging nicht los

Andere Zeugen beklagen, dass es keinen Feueralarm gab. Er sei erst alarmiert gewesen, als Leute auf der Strasse riefen: «Springt nicht, springt nicht», sagte Paul Munakr, der im siebten Stock wohnt, zur BBC. «Was mich vor allem beschäftigt, ist die Tatsache, dass der Feueralarm im Gebäude nicht aktiviert wurde», so Munakr. Auf dem Weg nach unten sei er «wirklich beeindruckenden Feuerwehrmännern» begegnet, die nach oben gingen und versucht hätten, so viele Menschen wie nur möglich zu retten.

«Menschen springen aus den Fenstern», sagte der Zeuge Goran Karimi zu CNN. «Die Leute rufen um Hilfe. Es ist sehr ernst.» Es gebe in dem Hochhaus etwa 125 Wohnungen. Deshalb, so fürchtet er, könnten sich 1000 Menschen im Gebäude befunden haben. Andere Schätzungen gehen von rund 600 Bewohnern aus.

Mutter verliert zwei ihrer sechs Kinder

Auch Augenzeugin Jody Martin sah Menschen aus den Fenstern springen. «Ich sah eine Person herausfallen, ich sah eine andere Frau, die ihr Baby aus dem Fenster hielt, ich hörte Schreie», gab Martin gegenüber der BBC zu Protokoll. «Ich schrie, jeder sollte herunterkommen, aber sie antworteten, sie könnten ihre Wohnungen nicht verlassen, weil der Rauch auf den Fluren zu dicht sei.»

Tamara, die in der Nähe des Hochhauses lebt, schilderte der BBC, wie ihre Mutter sie wegen des Brandes geweckt habe. Sie und ihr Bruder seien zum Hochhaus gelaufen, weil sie Menschen gehört hätten, die um Hilfe schrien. «Die Leute warfen einfach ihre Kinder aus dem Fenster und riefen ‹Rettet meine Kinder›.»

Andere Augenzeugen berichten der «Daily Mail», eine Mutter mit sechs Kindern habe versucht, aus dem 21. Stock des Hochhauses zu fliehen. Als sie unten angekommen sei, habe sie nur noch vier der Kinder bei sich gehabt.

Die Flammen breiteten sich offenbar sehr schnell aus. «Es griff wirklich schnell um sich», sagte eine weitere Augenzeugin der BBC. «Gegen Mitternacht war das Feuer nur im dritten Stock, und dann, ehe man sich versah, standen alle Etagen des Gebäudes in Flammen, Menschen riefen um Hilfe», so die Frau.

(mlr)