Hitlers unehelicher Sohn

22. Februar 2012 15:02; Akt: 22.02.2012 15:14 Print

«Er sieht genau so aus wie Adolf»

Zu Lebzeiten wollte ihm keiner glauben, doch nun untermauern neue Beweise, dass Jean-Marie Loret tatsächlich des Führers Filius war. Der «Gröfaz» ist demnach mehrfacher Grossvater.

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Das Dorf Prémont liegt in der Picardie zwischen Cambrai und St. Quentin: 1916 wird das Bayrische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16 in das Grenzgebiet zu Belgien verlegt. Unter den Deutschen ist ein Soldat, der Jahre später den Kontinent mit Krieg und Vernichtung überziehen wird. Sein Name: Adolf Hitler. In Prémont lernt der Meldegänger Fleischertochter Charlotte Lobjoie kennen, die er fortan regelmässig trifft. Ihr letztes Rendezvous haben der 27-Jährige Besatzer und die 18-jährige Französin im Juli 1917 in Wavrin nahe Lille: «Von dem Augenblick an, da sie merkte, dass sie schwanger war, sah sie meinen Vater nicht mehr», sagt Jean-Marie Loret Jahre später.

Loret kommt knapp neun Monate später am 25. März 1918 in Seboncourt zur Welt. Er wächst in dem Glauben auf, sein Vater sei ein unbekannter deutscher Soldat. Erst als Jean-Marie 30 Jahre alt ist und die Mutter im Sterben liegt, gibt sie die Details preis: «Auf meine drängenden Fragen gestand sie mir, dass Hitler mein Vater war», offenbarte Loret im Jahr 1977 dem «Spiegel», der die Nachricht anfangs mit Schrecken und später mit Stolz aufgenommen habe. Um seine Geschichte zu beweisen, hat er sich im Vorjahr an den deutschen Historiker Werner Maser gewandt, durch den die Sensation öffentlich wurde.

«Er sieht genauso aus wie Adolf Hitler»

Maser konnte belegen, dass Hitlers Regiment 1916 tatsächlich von Flandern nach Frankreich verlegt worden war. In Wavrin erinnerten sich die Bewohner noch an Hitler und seine «Braut». Auch ein Bild des Österreichers, dass eine Bauersfrau zeigt, dient als Beweis: Es soll sich um Charlotte Lobjoie handeln, die ihr Kind nicht selbst grosszog und zur Adoption freigab. 1940 soll der Diktator in das Dorf zurückgekehrt sein. Historiker Maser ist nun von Lorets Geschichte überzeugt. «Er sieht genauso aus wie Adolf Hitler kurz vor seinem Tod, aber ohne Schnurrbart. 1,75 Meter gross, etwa 70 Kilo, Blutgruppe A, Rhesusfaktor positiv wie Hitler», erläutert er im «Spiegel».

Als die «Sunday Times» von «Hitlers Sohn» berichtet, melden sich schnell Zweifler. Im Oktober 1977 befragen Journalisten Charlotte Lobjoies Schwester Alice nach Jean-Maries Vater – und die Augenzeugin sagt aus, der Mann sei nicht Hitler gewesen. «Jean ist ein Spinner, die Hitler-Geschichte haben ihm nur die Deutschen aufgeschwatzt», ätzt sie gegen ihren Neffen. Kritische Historiker wollen nicht glauben, dass sich Meldegänger Hitler liebestoll in Frankreich herumtrieb – zumal er sich gegen Beziehungen zwischen den verfeindeten Nationen ausgesprochen haben soll.

Geldumschläge als Beweis?

Maser sucht weiter nach Beweisen für Loret. Der Historiker gibt an der Universität ein erbbiologisches Gutachten in Auftrag, das jedoch nur besagt, dass Adolf und Jean-Marie verwandt sein «könnten». 1978 besuchen Maser und Loret das KZ Dachau. Der Franzose soll dabei gesagt haben: «Ich habe mir meinen Vater nicht ausgesucht.» Ein Jahr später kommt es wohl wegen Geld zum Bruch zwischen den Männern. 1981 erscheint Lorets Autobiographie «Ton père s'appelait Hitler». Vier Jahre später stirbt der 67-Jährige.

27 Jahre später will das französische Magazin «Le Point» Beweise dafür gefunden haben, dass Loret doch Recht hatte. Zum einen fanden die Journalisten heraus, dass seine Adoptiveltern ein Haus in Frankfurt hatten, für das sie keine Miete zahlen mussten. Zum anderen wollen sie herausgefunden haben, dass seine Mutter Charlotte in Vichy-Frankreich regelmässig Geldumschläge von der Wehrmacht bekam. Ausserdem würden physiognomische Vergleiche «ohne Zweifel» zeigen, dass Jean-Marie und Adolf verwandt gewesen seien.

Wenn die Gestapo höflich ist

Auch Jean-Marie Loret selbst hatte während des Zweiten Weltkrieges eine bemerkenswerte Karriere hingelegt: Obwohl er gegen die Deutschen gekämpft hatte, obwohl er kein Genie und keine 25 Jahre alt war, wurde er 1940 in der Stadt Saint-Quentin Chargé de Mission bei der französischen Polizei. Zuvor hatte ihn die Gestapo abgefangen und ins Pariser Hotel «Lutetia» gebeten. Ein hochrangiger Offizier habe ihn «äusserst höflich» nach seiner Herkunft befragt, so Loret. Insofern erging es dem Franzosen deutlich besser als dem Sohn des Dikators Benito Mussolini, der von seinem Vater kurzerhand getötet wurde (mehr hier).

Auch wenn Loret 1985 das Zeitliche gesegnet hat, ist Hitlers Erbe nicht aus der Welt. Als Maser den Mann 1976 kennenlernt, findet er den Führer-Sohn arbeitslos, von seiner Frau verlassen und verbittert vor. «Ich habe erfahren, welches Leid es bedeutet, der Sohn eines Boche zu sein», soll Jean-Marie dem Historiker gesagt haben. Doch während die Gattin gegangen war, sind ihm seine sieben Kinder geblieben. Die Enkelkinder von Adolf Hitler.


Ein Interview des französischen Fernsehens mit Jean-Marie Loret. Quelle: DailyMotion

(phi)