Prozess gegen U-Boot-Bauer

08. März 2018 10:29; Akt: 08.03.2018 15:02 Print

Der Tüftler mit den Todesporno-Videos

Prozessauftakt in einem Fall, der Horrorfilm-Elemente in sich trägt. Der Däne Peter Madsen soll an Bord seines selbst gebauten U-Boots eine Journalistin gefesselt, misshandelt und ermordet haben.

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Heute beginnt in Dänemark ein aufsehenerregender Prozess: Der dänische U-Boot-Tüftler Peter Madsen (47) muss sich wegen Mordes an der schwedischen Journalistin Kim Wall (30) vor einem Gericht in Kopenhagen verantworten. Wir liefern die wichtigsten Antworten zu diesem wirklich grusligen Fall.

Wer ist Peter Madsen?
In Dänemark ist Madsen nicht erst durch den Aufsehen erregenden Mordfall bekannt geworden. Aufgefallen ist Madsen stets durch seinen Erfindergeist: Schon als 15-Jähriger gründete er seine erste Firma, die Danish Space Academy, und sammelte Schrottteile, um daraus eine Rakete zu bauen. Nach dem Tod seines Vaters, dem er einmal die Wesenszüge eines «KZ-Kommandeurs» zuschrieb, begann er ein Ingenieurstudium. Als er aus seiner Sicht genug gelernt hatte, brach er es ab.

Im Jahr 2008 stach Madsen mit seiner UC3 Nautilus erstmals in See. Das nach dem Unterseeboot aus dem Fantasiereich von Jules Verne benannte, 18 Meter lange Boot ist eines der grössten privat betriebenen U-Boote der Welt. Aber den Erfolg genoss Madsen allein: Mit den 25 Freiwilligen, die ihm beim Bau des U-Bootes geholfen haben, überwarf er sich. Parallel verfolgte Madsen seine Raumfahrt-Ambitionen. Im Juni 2011 startete er von einer Plattform vor der Insel Bornholm aus eine Rakete. Seine ersten Raketen verdankte Madsen einer Zusammenarbeit mit dem früheren Nasa-Mitarbeiter Kristian von Bengtson, doch auch mit ihm verkrachte er sich. «Meine Leidenschaft ist es, Wege des Reisens über die Grenzen des Bekannten hinaus zu finden», verkündet Madsen auf der Website seines RML Space Lab.

Video: Prozessauftakt in Kopenhagen
Mordprozess: Dänischer U-Boot-Tüftler bestreitet Mord an Journalistin. (Video: Tamedia/AFP)

Weswegen gilt Madsen als schwieriger Charakter?
Sein Umfeld beschreibt Madsen als exaltiert, fanatisch und streitsüchtig . «Konflikte ziehen sich durch sein ganzes Leben», sagt sein Biograf Thomas Djursing. «Er tut sich schwer, mit anderen einig zu sein, hat grossen Ehrgeiz und will alles auf seine Weise machen.» Halbbruder Benny Langkjär Egesö nennt Madsen einerseits «merkwürdig», aber zugleich «sehr offen und freundlich» denen gegenüber, die Interesse an ihm zeigen.
Einige seiner Ex-Freundinnen beschreiben Madsen als Anhänger brutalster Sado-Maso-Praktiken. Auf einer Festplatte in seiner Werkstatt wurden entsprechende Videos gefunden. Madsen bestreitet, dass die Festplatte ihm gehört. «Er ist wütend auf Gott und auf jedermann», sagt Biograf Djursing. Allerdings sei Madsen bislang nicht durch Gewalt aufgefallen.

Was passierte am 10. August 2016?
Die 30 Jahre alte Schwedin Kim Wall, die zu dieser Zeit unter anderem für renommierte Blätter wie den britischen «Guardian» und die «New York Times» schreibt, feiert an jenem Augusttag eine Abschiedsparty. Wenige Tage später will sie zusammen mit ihrem Freund nach China gehen. China faszinierte sie schon lange. Sie verlässt die Feier und besucht Madsen im Hafen von Kopenhagen auf dessen U-Boot UC3 Nautilus, weil sie eine Reportage über den Erfinder schreiben will. Gegen 19 Uhr legt das U-Boot ab. Tags darauf sinkt das Schiff in der Koge-Bucht, Madsen wird gerettet, aber von der Journalistin fehlt jede Spur.

Wann fand man die Journalistin?
Nach Walls Verschwinden waren die Leichenteile nach und nach in der Köge-Buch vor Kopenhagen entdeckt worden. Elf Tage nach der U-Boot-Tour wurde vor der Küste Kopenhagens Walls Torso entdeckt, im Oktober bargen Taucher ihren Kopf, die Beine und ihre Kleidung in beschwerten Plastiksäcken.

Was wird Madsen vorgeworfen?
Die Anklage geht von einer vorsätzlichen Tötung aus, da Madsen eine Säge, einen scharfen Schraubenzieher, Riemen und Rohre mit an Bord gebracht habe. Die Ermittlungsergebnisse der Kopenhagener Polizei lassen auf eine besonders perfide Gewalttat schliessen. Neben Mord wirft die Anklage dem Erfinder vor, die Journalistin gefoltert und ihren Leichnam zerstückelt zu haben.

Von welchem Motiv geht die Polizei aus?
Die Ermittler vermuten sexuelle Motive hinter der Tat. In Madsens Werkstatt fanden sie auf einer Computerfestplatte Filme, in denen Frauen gefoltert, enthauptet oder lebendig verbrannt werden. An Walls Leiche werden 14 Stichwunden im Genitalbereich entdeckt. Laut Polizei verging sich Madsen kurz nach Walls Tod sexuell an der Leiche. Er bestreitet das.

Was sagt Madsen zu den Vorwürfen?
Er lieferte verschiedene, widersprüchliche Erklärungen für das Verschwinden seiner Besucherin. Zunächst beteuert er, sie wohlbehalten an Land gebracht zu haben. «Ich weiss, dass sie Kim heisst, das ist alles», sagt er der Polizei und einem Fernsehsender. Dabei wirkt er völlig ungerührt. Später spricht er von einem tödlichen Unfall und behauptet, Wall sei die Einstiegsluke des U-Boots auf den Kopf gefallen, woraufhin er die Leiche in Panik über Bord geworfen habe. Einen Mord bestreitet er ebenso wie sexuelle Handlungen an der 30-Jährigen. Seit den Leichenteilfunden verweigert Madsen laut Staatsanwaltschaft jede Kooperation mit den Behörden.

Was spricht gegen Madsens Darstellung
Die Gerichtsmedizin findet keinerlei Hinweise, die Madsens Version von der Einstiegsluke stützen. Stattdessen finden die Experten zahlreiche Verletzungen am Körper des Opfers vor. Dennoch ist die Todesursache bislang ungeklärt.

Was droht Madsen bei einer Verurteilung?
Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Gefängnisstrafe, was in Dänemark durchschnittlich 16 bis 17 Jahre Haft bedeutet. Sollte Madsen als nicht schuldfähig eingestuft werden, soll er nach dem Willen der Anklage in eine zeitlich unbegrenzte Sicherungsverwahrung. Zunächst sind zwölf Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll am 25. April fallen.

(gux)