Schatten der Doppelmoral

10. Juli 2012 14:30; Akt: 11.07.2012 13:04 Print

Weltbild will auf Sadomaso nicht verzichten

von P. Dahm - Das Buch ist sündiger als Sodom und Gomorrha: «Fifty Shades of Grey» spielt in der Sadomaso-Szene. Der katholische Weltbild-Verlag verkauft den heissen Jahrhundertseller nur ungern. Ehrlich!

Bildstrecke im Grossformat »

Es ist nicht das erste Mal, dass der Verlag Ärger wegen erotischer Inhalte hat.

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Fifty Shades of Grey» toppt einen Höhepunkt nach dem anderen: Der Erfolgsroman wurde laut dem Verlag Random House alleine in den USA über 15 Millionen Mal verkauft. Weltweit haben gemäss Nachrichtenagentur Reuters über 20 Millionen Exemplare den Besitzer gewechselt. Kein Wunder also, dass auch der Augsburger Weltbild-Verlag sich ein Stück vom süssen Kuchen abschneiden will. Doch das Unternehmen der katholischen Kirche hat ein Problem: «Fifty Shades of Grey» ist ein Sadomaso-Buch.

«Sehen das Buch als sehr problematisch an»

Es geht darin um eine Jungfrau, die den klischeebeladenen Namen Anastasia Steel trägt (20 Minuten online berichtete). Die 21-Jährige macht Bekanntschaft mit dem Multimillionär Christian Grey und verliebt sich in ihn. Der starke Mann führt das naive Mädchen in die Welt von Beischlaf und Bondage ein, wobei er ihr per Vertrag genau vorgibt, was sie zu tun und zu lassen hat. Das gilt für Ernährung genauso wie für Kleidung oder den Besuch einer Toilette.

Weltbild will sich das Geschäft mit dem Buch trotz dieses Inhalts nicht entgehen lassen. Nachdem der katholische Verlag zuletzt wegen des Vertriebs von Pornographie ins Kreuzfeuer geraten war (siehe Artikel), versuchen sich die Deutschen nun in der Quadratur des Kreises: Die Schäfchen werden vor dem Produkt gewarnt, das sie dort erstehen können. «Die hier beschriebene Unterwerfung der Frau widerspricht dem Welt- und Menschenbild, von dem wir uns als Buchhändler leiten lassen. Wir sehen das Buch als sehr problematisch an», heisst es auf der Website.

Wer macht hier bizarren Medienrummel?

Ein «unglaublicher Medienrummel», der durch «bizarre Schlagzeilen befeuert» werde, habe den «ersten Roman dieser umstrittenen Trilogie» ins Blickfeld der Leserschaft katapultiert, schreiben die Augsburger weiter. Die vermeintliche Distanz des Verlages werde durch «Einschätzung von vielen Leserinnen und Lesern genauso geteilt wie von Autorinnen und Autoren sowie der professionellen Buchkritik». Eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Roman sei «unverzichtbar».

Wie zum Beweis wird da ein MTV-Interview mit Stephenie Meyer zitiert, der gläubigen US-Autorin der «Twilight»-Reihe: «Das ist wirklich nicht mein Genre, nicht mein Ding.» Was Weltbild dezent unter den Tisch fallen lässt, ist der Satz vor dieser Aussage: «Ich habe es nicht gelesen.»

Auch die auf der Verlagsseite genannte Kritik des ORF zeugt nicht gerade von einer tiefen Auseinandersetzung: Die Österreicher zitieren lediglich eine kritische Stimme aus der «New York Times». Im selben Bericht findet sich auch diese Lobpreisung: «Es entfacht wieder Feuer in vielen Beziehungen. Man fühlt sich wieder sexy, wenn man dieses Buch liest.»

Weltbild-Userinnen sind begeistert

Wie heuchlerisch die Warnung von Weltbild ist, merkt, wer die Kunden-Kommentare liest. Von sechs Bewertungen ist eine «sehr gut», der Rest «ausgezeichnet». Die Schäfchen sind in Ekstase ob des Auftakts der Trilogie.

Der Verlag gibt sich dagegen päpstlicher als der Papst – und dabei zeigt ein Blick in die hauseigenen Verkaufscharts doch recht anschaulich, was der Leser will: Auf Platz vier steht «Splitterfasernackt» von Lilly Lindner, ein Buch über «Missbrauch, Prostitution und Magersucht». Auf Rang zwei «Töchter der Sünde», der fünfte Band der Wanderhuren-Saga. Bald wird wohl «Fifty Shades of Grey» die Liste aufmischen. Und keiner wird sagen können: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.»