Der letzte Post eines Opfers

03. Oktober 2017 03:29; Akt: 03.10.2017 13:16 Print

«Wie ist es, wenn auf dich geschossen wird?»

Beim Massaker von Las Vegas sind bislang mindestens 59 Menschen ums Leben gekommen. Darunter auch Kriegsveteran Chris Roybal.

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Führte ein unauffälliges Leben: Der Täter Stephen Paddock. Eine Zusammenstellung dreier geleakten Polizeiaufnahme aus dem Hotelzimmer, kurz nach der Tat – zu sehen sind verschiedene Gewehre, die Leiche Paddocks (rechts unten) und vermutlich die von der Polizei erwähnte Notiz (rechts in der Mitte). (1. Oktober 2017) Bilder: Twitter, Zusammenstellung: Tamedia Hatte Stephen Paddock kurz vor seiner Tat eine Prostituierte bestellt? Polizisten in der Lobby des Wynn-Hotels in Las Vegas. (4. Oktober 2017) Abgeschiedenheit und Privatsphäre bevorzugt: Das Haus des Todesschützen in Mesquite, Nevada. Wettlauf gegen die Zeit: Bis die Polizei das Hotelzimmer des Schützen von Las Vegas erreichte, vergingen 75 Minuten. Von hier aus hat der Schütze das Feuer eröffnet: Scheiben des Mandalay-Bay-Hotels gingen in die Brüche. Trauernde an einer Mahnwache in Las Vegas. Reiste zurück in die USA und wurde vom FBI verhört: Die Freundin des Schützen, Marilou Danley. (Archiv) Bild: Police Handout Danley arbeitete von 2010 bis 2013 als Casino-Hostess in Reno im US-Bundesstaat Nevada, wo sie und Stephen Paddock sich kennenlernten. (Archiv) Bild: Facebook/Twitter Eine Woche vor dem Anschlag hatte Paddock hier ein Zimmer gemietet: Das Ogden-Hotel in Las Vegas (oben links im Bild). Ermittler suchen auf dem verlassenen Festivalgelände nach Hinweisen. In Gedenken an die Opfer von Las Vegas: Am Eiffelturm in Paris wurden die Lichter gelöscht. (2. Oktober 2017) In Mesquite, rund 120 Kilometer von Las Vegas entfernt, lebte Paddock mit seiner Freundin. Der Schock ist ihr ins Gesicht geschrieben: Eine Überlebende in Las Vegas. Schüsse bei Open-Air-Konzert: Leute gehen in Deckung. Zwei der Tatwaffen waren mit Vorrichtungen, so genannten «Bump Stocks», versehen, mit denen eigentlich halbautomatische Waffen automatisch Schüsse abfeuern. So konnte Paddock gegen tausend Schüsse in nur wenigen Minuten abgeben. Der Schütze habe sich selbst getötet, sagt Sheriff Joe Lombardo. Der Vater des Schützen war Bankräuber: Eine Aufnahme von Benjamin Hoskins Paddock aus dem Jahr 1979. Er starb, als er das Leben seiner Frau rettete: Sonny Melton ist eines der Todesopfer. Adrian Murfitt aus Alaska ist ein weiteres Opfer. Schweigeminute im Weissen Haus. «Akt des reinen Bösen»: US-Präsident Donald Trump gibt im Weissen Haus ein Statement ab. Die Gewehre hatte Paddock an zwei Fenstern platziert. (2. Oktober 2017) Der Angreifer feuerte wahllos in die Menge: Helfer tragen eine verletzte Frau im nahe dem Tatort gelegenen Hotel Tropicana in Las Vegas. Mehr als hundert Menschen wurden verletzt: Konzertbesucher rollen eine verletzte Person auf einem Bürostuhl zu Sanitätern. Ein Mann versorgt Personen mit Wasser. Die Einsatzkräfte sperrten den Strip, die zentrale Strasse in der Glückspielstadt, ab. Zunächst ging die Polizei von mehreren Schützen aus, die Nervosität war gross: Polizisten stoppen einen Mann, der die Tropicana Avenue hinunterfuhr. Polizisten in Aktion. Viele Bilder zeigen Menschen, die offenbar geschockt sind vom gerade Erlebten. Schüsse auf Konzertbesucher: Menschen versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. (1. Oktober 2017) Menschen tragen einen Verletzten vom Festivalgelände beim Mandalay Bay Resort weg. Eine verletzte Person wird in Sicherheit gebracht. Berichten zufolge schiessen zwei bis drei Schützen aus einem Hotelzimmer: Fliehende Festivalbesucher. Die Polizei ist mit einem grossen Aufgebot vor Ort. Die Einsatzkräfte durchkämmen das Gelände. In den sozialen Medien berichten Leute, die den Polizeifunk mithören, zwei bis drei Schützen feuerten aus dem Fenster eines Hotelzimmers. Eine Polizistin geht hinter einem Polizeiauto in Deckung. Am Route 91 Harvest Country Music Festival ist Panik ausgebrochen. Ersten Berichten zufolge muss mit vielen Opfern gerechnet werden. Ein Mann und eine Frau halten sich aneinander fest. Ein Mann im Rollstuhl versucht zu fliehen. Polizisten halten eine Stellung beim Mandalay Bay Resort. Ein Mann geht hinter einem Logo in Sicherheit. Konzertbesucher gehen in Deckung. Festivalgelände beim Mandalay Bay Resort. Die Zeitverschiebung zwischen der Schweiz und der Casino-Stadt im Westen der USA beträgt 9 Stunden. In Las Vegas war es 23 Uhr, als der Angriff begann. Das Mandalay Bay Resort und Casino auf einer undatierten Werbeaufnahme.

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Eine Konzertveranstaltung in Las Vegas wurde zur Horrornacht, als plötzlich Schüsse fallen. Mindestens 59 Menschen kommen nach Polizeiangaben ums Leben, 527 weitere werden verletzt. Der mutmassliche Schütze, eine 64-Jähriger Mann, hatte aus dem 32. Stock eines Hotels das Feuer auf das Publikum eröffnet. Zu den bereits identifizierten Opfern zählt auch Christopher Roybal, ein Afghanistan-Veteran.

Er war mit seiner Mutter in Las Vegas, die am Anfang noch verzweifelt nach ihrem Sohn suchte - und wenig später traurige Gewissheit hatte.

Ausgerechnet in seinem letzten öffentlichen Eintrag auf Facebook ging es um die Frage: «Wie ist es, wenn auf dich geschossen wird?» Das war im Juli:

«Eine Frage, die mir viele Menschen gestellt haben», fuhr der 29-jährige Roybal fort. Und seine Antwort lautete damals: «Es ist ein Albtraum, dem man niemals entkommen kann. Da helfen keine Drogen, keine Therapien und Drinks mit deinen Kriegsveteranen.»

Überlebende des Massakers berichten

Mehr Glück als Roybal hatten diese Augenzeugen, die der Nachrichtenagentur AP berichteten, wie sie die Minuten der Attacke erlebten – aber auch geliebte Menschen verloren.

Es war kurz nach 22 Uhr als eine 21-Jährige ihre Eltern anrief: «Sie schiessen auf uns. Menschen brechen zusammen. Ich liebe euch!», sagte sie. Ihre Eltern rannten zu ihrem Auto und fuhren so schnell wie möglich von La Habra in Kalifornien nach Las Vegas. Seine Tochter und eine Freundin konnten sich retten, sie versteckten sich bis zum frühen Morgen in einem Badezimmer in einem naheliegenden Hotel, sagte der Vater. Menschen, mit welchen sie sich zuvor beim Konzert anfreundeten, hätten die Nacht aber nicht überlebt, sagt die 21-Jährige.

Panik: Die Konzertbesucher fliehen vom Gelände. Video: Tamedia/AFP/Storyful/Twitter/Instagram

Ein Krankenpfleger aus dem US-Staat Tennessee wurde tödlich von den Kugeln getroffen, teilte seine Arbeitsstätte, das Henry County Medical Center in Paris, mit. Seine Frau, eine Ärztin, die ihn zum Konzert begleitete, überlebte. Ihr Ehemann habe ihr das Leben gerettet und seines verloren, sagte sie dem Nachrichtensender WZTV in Nashville. Ihr Mann sei der warmherzigste und freundlichste Mensch gewesen, den sie jemals getroffen habe. Ein Freund des Paares sagte der Zeitung «The Paris Post-Intelligencer», der Mann habe seine Frau von den Schüssen abgeschirmt als er tödlich getroffen wurde.

«Es war entsetzlich»

Ein College-Student und seine Freundin waren in der Nähe der Bühne als sie Knallgeräusche hörten. «Ich dachte, es wäre eine Art Feuerwerk», sagt der 21-Jährige aus Kalifornien. Dann sei aber klar gewesen, dass jemand schiesse. «Es dauerte lang. Mindestens zehn Minuten.» Die Knallgeräusche stoppten, dann begannen sie wieder. Chaos erfasste das Publikum, Menschen fingen an zu rennen und versuchten, Schutz in den Hotels am berühmten Las Vegas Strip zu finden. «Wir entschlossen uns, zum MGM zu laufen», sagte der Mann. Dort sei seine Mutter und sein Bruder gewesen. Zusammen mit ihnen und seiner Freundin habe er mehrere Stunden in einem Zimmer gekauert bis Entwarnung gegeben wurde.

In der Dunkelheit konnte die ersten Sekunden niemand sagen, was die knallenden Geräusche waren. «Wir konnten nicht sagen, wo es herkam», sagt ein 33 Jahre alter Augenzeuge aus Newport Beach, der das Konzert mit seiner Freundin besuchte. Es sei klar geworden, was passiere als die Musiker die Bühne verliessen. «Es war entsetzlich. Wir sind einfach losgelaufen und wir haben Menschen mit Blut auf ihren Shirts gesehen», sagte er. Er habe zunächst nicht gewusst, wie viele Menschen getötet wurden, erst am nächsten Tag habe er auf einem Fernseher in der Hotel-Lobby gesehen, dass es mehr als 50 waren.

«Er wird überleben»

Ein Immobilienmakler und Vater von drei Kindern aus Alaska war in der Nähe der Bühne als die ersten Schüsse fielen, wie einer seiner Freunde, die ihn zum Konzert begleiteten, sagte. Der Mann sei mehrfach getroffen worden, habe aber überlebt. «Er ist gerade aus dem Operationssaal gekommen und er wird überleben», sagte der Freund.

Zwei Kanadier kamen bei der Attacke ums Leben. Einer von ihnen war ein 23-Jähriger Lehrling aus Maple Ridge in British Columbia, wie der TV-Sender CBC berichtete. «Wir hatten nur ein Kind», sagten seine Eltern dem Sender. Ihr Sohn habe das Festival mit seiner Freundin besucht. Eine 28-Jährige aus Alberta wurde nach Behördenangaben ebenfalls getötet. Kanadas Premierminister Justin Trudeau verurteilte die Tat in einer Stellungnahme als «sinnlosen und feigen Gewaltakt».

(roy/ap)