Schweizerin in Nepal

21. Mai 2015 14:29; Akt: 21.05.2015 14:29 Print

«Durch das Beben sind wir zusammengewachsen»

Die Schweizerin Andrea Zimmermann wollte mit ihrem Freund Norbu Sherpa auf den Everest, als die Erde bebte. 20 Minuten sprach mit ihr.

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Die Walliserin Andrea Zimmermann und der Nepalese Norbu Sherpa brechen zu einer Expedition zum Mount Everest auf. Denn diesen Gipfel wollten die beiden schon immer gemeinsam erklimmen. Doch dann passiert es: Ein gewaltiges Erdbeben erschüttert Nepal am 25. April – und das Liebespaar ist mittendrin. Wie durch ein Wunder bleiben die beiden unverletzt.

Doch jetzt in die sichere Schweiz zu fliegen, daran denkt die Walliserin nicht. Ihr Herz gehört dem Land mit den gigantischen Berggipfeln, das jetzt in Trümmern liegt – und Norbu Sherpa, den sie 2011 als Sherpa auf einer Expedition auf den Cho Oyu kennengelernt hatte (siehe Infobox). Für diese Liebe gab Zimmermann ihren Anwaltsjob in der Schweiz auf. Mittlerweile betreibt sie mit Norbu eine Trekking-Agentur. 20 Minuten hat die Walliserin in Kathmandu erreicht.

Andrea Zimmermann, wie haben Sie das Erdbeben erlebt?

Norbu und ich waren an dem Tag auf dem Weg zum Mount Everest. Wir waren in einem Tal, das aussieht, als läge es im Wallis: sehr eng, die Wände steil. Plötzlich fing die Erde an zu beben. Wir befanden uns nur drei Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens entfernt! Während einer Weile wurden wir durchgeschüttelt, Felsblöcke drohten direkt auf unseren Jeep zu fallen, überall war Staub. Wir wussten: Wir müssen hier weg. Also rannten wir zu einem kleinen Dorf. Alle waren in Panik, überall schrien die Menschen. Es gab viele Verletzte und Tote. Immer wieder bebte die Erde. Eine Frau gebar ihr Kind in dieser Nacht. Nach vier Tagen schafften wir es zurück nach Kathmandu.

Und dort wohnen sie derzeit?
Unser Haus in Kathmandu steht noch, aber wir schlafen immer noch im Zelt im Freien. Ständig wird die Erde wieder erschüttert von Nachbeben – man ist nie wirklich sicher. Anstatt auf dem Basiscamp des Mount Everest steht unser Zelt jetzt in Kathmandu.

Ihren Job als Anwältin in der Schweiz haben Sie aufgegeben, nachdem Sie Norbu kennengelernt haben. Wann hat es zwischen ihnen gefunkt?
Das war 2011 auf einer Expedition, bei der Norbu der Sirdar, der Gruppenleiter der Sherpas, war. Zu Anfang waren wir alle sehr mit dem Berg beschäftigt – so ein Aufstieg ist anstrengend. Mit dem Abstieg fiel auch die Anspannung von uns ab. Da hat es gefunkt. Und es funkt bis heute. Vor zwei Jahren habe ich dann meine Stelle aufgegeben und mit Norbu zusammen eine Trekking-Agentur in der Schweiz und Kathmandu aufgebaut.

Und sind zu Norbu nach Nepal gezogen?
Jein: In den Hauptsaisons im Frühjahr und im Herbst sind wir in Nepal – im Winter und im Sommer kommt er meist in die Schweiz. Der Sitz unserer Agentur ist im Wallis.

Was gefällt Norbu an der Schweiz?
Er mag die Berge. Nicht umsonst nennt man Nepal ja auch die Schweiz Asiens, wegen des Himalayas. Norbu hat hier angefangen, Ski zu fahren. Dazu hatte er in seinem Heimatland keine Gelegenheit. Einzig die Preise in der Schweiz schockieren ihn immer noch. Und dass es überall so sauber ist.

Planen Sie immer noch, den Mount Everest zu besteigen?

Ja, sicher. Aber zuerst wollen wir den Menschen vor Ort helfen. Grosse Teile von Nepal liegen in Schutt und Asche – der Mount Everest wird noch lange stehen. Was wir erlebt haben war sehr beeindruckend – und wir hatten grosses Glück. Die Berge geben einem vieles, also kann man auch etwas zurückgeben.

Wie hat sich die Katastrophe auf Ihre Beziehung ausgewirkt?

Unsere Beziehung war vorher schon stark, denn die Expeditionen, die wir bereits zusammen unternommen hatten, sind extrem. Da muss eine Partnerschaft gut funktionieren. Durch die Umstände sind wir uns aber noch nähergekommen und sind zusammengewachsen.

(cfr/gux)