«Heldenhafter Retter»

28. August 2017 14:53; Akt: 28.08.2017 14:58 Print

Pfleger soll 90 Patienten zu Tode gespritzt haben

In Deutschland soll ein 40-jähriger Krankenpfleger für eine der grössten Mordserien der Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Er wollte bei Kollegen angeben.

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Dass ein ehemaliger Krankenpfleger in Deutschland viele Menschen tötete, damit haben die Ermittler gerechnet. Doch das tatsächliche Ausmass seiner Verbrechen macht selbst sie sprachlos.

Der ehemalige Krankenpfleger könnte für die grösste Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Der heute 40-jährige, bereits wegen Patientenmords verurteilte Mann soll mindestens 84 weitere Menschen an zwei Spitälern im deutschen Bundesland Niedersachsen umgebracht haben.

Wollte bei Kollegen angeben

Das ist das Ergebnis fast dreijähriger Ermittlungen, die Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Oldenburg vorstellten. Wegen sechs Taten sitzt der Ex-Pfleger bereits lebenslang in Haft. Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres will die Staatsanwaltschaft erneut Anklage erheben.

Die Taten beging der Mann an zwei Spitälern in Delmenhorst und Oldenburg, wo er zwischen 1999 und 2005 auf Intensivstationen arbeitete. Er hatte gestanden, Patienten eine Überdosis von Medikamenten gespritzt zu haben, um sie anschliessend wiederbeleben zu können. Damit wollte er sich vor Kollegen als heldenhafter Retter beweisen.

130 Leichen ausgegraben

Mehr als 130 frühere Patienten der beiden Kliniken liess die eigens dafür eingerichtete Sonderkommission der Polizei in den vergangenen drei Jahren ausgraben und auf Rückstände von Medikamenten testen.

«Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen konnten, erschrecken noch immer - ja, sie sprengen jegliche Vorstellungskraft», sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme.

Nur die Spitze des Eisbergs

Bei 48 Patienten in Delmenhorst und 36 in Oldenburg wurden die Ermittler fündig. Bei 41 Toten stehen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch aus.

Die tatsächliche Zahl der Verbrechen liege aber um ein Vielfaches höher, sagte Soko-Leiter Arne Schmidt. «Die Morde, die wir belegen können, sind nur die Spitze des Eisbergs.»

Nachweis nicht mehr möglich

Allein am Klinikum Delmenhorst seien mehr als 130 Patienten, die während einer Schicht des Pflegers starben, eingeäschert worden. Ein Nachweis sei bei ihnen nicht mehr möglich. Die Polizei löst die Sonderkommission jetzt auf, die Ermittlungen laufen aber weiter.

In Verhören im Gefängnis hat der Mann die Taten in Delmenhorst und Oldenburg eingeräumt. Offen bleibe, ob er im vollen Umfang geständig sei und ob er sich überhaupt an alle Taten erinnern könne, sagte Schmidt.

In der Statistik sichtbar

So bestreite er, dass er auch Patienten an anderen Arbeitsstätten – als Rettungssanitäter und als Pfleger in Altenheimen – eine Überdosis Medikamente gespritzt habe. Diesen Verdacht würden aber Zeugenaussagen nahelegen. Die Patienten starben in diesen Fällen nicht.

Fest steht nach Ansicht der Ermittler, dass ein grosser Teil der Morde hätte verhindert werden können. Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schicht des Pflegers die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg.

Ein gutes Arbeitszeugnis

Diese Statistik sei auch der damaligen Geschäftsführung bekannt gewesen, sagte Schmidt. Wären die Verantwortlichen damals schon zur Polizei gegangen, wäre es zu den Morden an der späteren Arbeitsstelle in Delmenhorst nicht gekommen, betonte Schmidt.

Stattdessen trennte sich das Klinikum Oldenburg von dem verdächtigen Pfleger und stellte ihm sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus. Eine Warnung an das Klinikum Delmenhorst blieb aus.

Bald gab es Gerüchte

Auch am Klinikum Delmenhorst gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schicht des Pflegers starben. Später lagen auch handfeste Beweise vor. Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch.

Von einem grossen Versagen sprach die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Tätern würde es in Spitälern und Pflegeheimen immer noch zu leicht gemacht, teilte Vorstand Eugen Brysch mit.

«In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern wurden die Kontrollmechanismen nicht verschärft. So fehlt für die meisten Kliniken weiterhin ein anonymes Meldesystem.»

(oli/sda)