Polemik in Italien

30. Mai 2017 09:31; Akt: 30.05.2017 09:31 Print

Francesco starb, weil Arzt auf Homöopathie setzte

Ein Bub in Italien starb an den Folgen einer Mittelohrentzündung, weil ihn ein Arzt homöopathisch behandelte. Dem Mediziner wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

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Der Tod von Francesco Bonifazi (7) bewegt Italien: Der Junge aus Cagli in der mittelitalienischen Provinz Pesaro und Urbino erkrankte vor 15 Tagen an einer Mittelohrentzündung. Der Arzt Massimiliano Mecozzi (55) behandelte das Kind ausschliesslich mit homöopathischen Mitteln. Als die Eltern Francesco vor einigen Tagen ins Spital brachten, war es schon zu spät: Der Junge starb am Samstag.

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Laut «Corriere della Sera» hatten die Eltern beschlossen, ihrem Kind ab dem dritten Lebensjahr keine Antiobiotika mehr zu geben.

Als Francescos Krankheitsbild mit einem schweren Schnupfen und Fieber begann, suchten sie den homöopathischen Arzt auf. Mecozzi riet den Eltern, das Kind nicht ins Spital zu bringen. «Er machte ihnen Angst, indem er sagte, dass die Ärzte Francesco Medikamente verabreichen würden, die ihn taub werden lassen könnten oder der Leber schaden würden. Er versprach ihnen, dass Francesco bald wieder gesund sein werde», sagt Grossvater Maurizio zu «Il Mattino».

Arzt mit fragwürdigem Werdegang

Doch der Zustand des Kindes verschlimmerte sich zusehends. Im Verlauf der Tage breitete sich die Infektion in dessen Kopf aus und ging schliesslich auf die Hirnhaut über. Als die Eltern ihren Sohn am Dienstagabend zum Notfall in Urbino brachten, hatte sich bereits ein eitriger Hirnabszess gebildet. Francesco wurde in ein Spital nach Ancona verlegt und notoperiert. Eine antibiotische Schocktherapie half auch nicht mehr: Die Mittelohrentzündung hatte zum Hirntod geführt.

«Wir zeigen Massimiliano Mecozzi wegen fahrlässiger Tötung an», droht jetzt Grossvater Maurizio. Wie der «Corriere della Sera» berichtet, ermittelt inzwischen die Justiz im Fall: Bei einer Durchsuchung im Haus des Mediziners hat die Polizei dessen Computer, das Handy und diverse homöopathische Heilmittel beschlagnahmt. Auch die Eltern des Jungen sollen befragt werden.

Der Mediziner hat laut einer Recherche des «Corriere» eine fragwürdige Karriere: Als er für einige Zeit vom Ärzteverband ausgeschlossen wurde, arbeitete er unter anderem als Portier und als Allrounder in einem Supermarkt. Dann kam er in Kontakt mit einer religiösen Gemeinschaft in Varese, deren Gründer wegen Betrugs angezeigt wurden. Als der Ärzteverband in Pesaro sich über seine Tätigkeit als Homöopath erkundigte, schrieb Mecozzi zurück: «Ich habe kein Interesse, Ihnen davon zu erzählen.»

Eine Synergie aus Schulmedizin und Homöopathie

Der Tod des kleinen Francesco sorgt für Polemik. Unter dem Titel «Omeopazza» (übersetzt etwa «Homöopathie-Wahnsinn») schreibt der «Corriere»-Kolumnist Massimo Gramellini: «Leider gibt es viele dumme Menschen, die nicht leben können, ohne sich einem Dogma zu verschreiben, sei es religiös, materialistisch, wissenschaftlich, antiwissenschaftlich, vegan oder fleischliebend.»

Und selbst Befürworter der alternativen Medizin distanzieren sich von Mecozzis Methoden. Christian Boiron, dessen Pharmaunternehmen weltweit Marktführer für homöopathische Medikamente ist, erklärte im Interview mit dem «Corriere», dass er seinen Kindern und Enkelkindern Antibiotika verabreiche, wenn dies nötig sei. Er selber habe im vergangenen Jahr nach einer Zahnbehandlung Antibiotika genommen.

«Es ist nicht möglich, alle Krankheiten einzig mit Homöopathie zu behandeln», sagt Boiron. Wichtig sei, einen Arzt zu finden, der eine genaue Diagnose stelle. «Wir müssen Homoöpathie als eine Möglichkeit betrachten, ein Krankheitsbild mit mehreren Werkzeugen zu behandeln. In Synergie.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gustav am 30.05.2017 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Klarer Fall

    Man muss hier weder schrieben "Die Schulmedizin tötet auch" noch Homöopathie gegen Schulmedizin ausspielen. Fakt ist, in diesem Falle wäre der Junge noch am Leben hätte man auf die Schulmedizin gesetzt, Punkt. So einfach.

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  • Rolf Gysling am 30.05.2017 09:40 Report Diesen Beitrag melden

    Mittelweg

    Sicher werden häufig zu schnell Antibiotika verwedendet. Bei einer Mittelohrentzüdung ist jedoch sicher nicht zu spassen - wie bei sämtlichen Entzüdnungen im Kopfbereich, da eben sehr schnell das Hirn betroffen werden kann. Wir verwenden teilweise auch Homöopathische Salben mit z.t. sehr guten Resultaten. Aber wenn es mal sein muss dann kommt halt auch die Schulmedizin zum Zug. Ich denke ein gesunder Mittelweg sollte das Ziel sein. Leute die wegen jedem 0815 Schnupfen gleich Antibiotika verlangen, sind auf alle Fälle nicht gut.

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  • axel g. am 30.05.2017 09:51 Report Diesen Beitrag melden

    Schulmedizin

    Wenn es wirklich ernst wird, kann auf die Schulmedizin nicht verzichtet werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Annemarie am 31.05.2017 08:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kopfschütteln

    Die Eltern gehören genau so bestraft wie der Arzt. Denn die haben es zugelassen dass ihrem Kind nicht geholfen wird. Ich verstehe nicht wie Eltern so verantwortungslos handeln können

  • soultosoul am 31.05.2017 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Notfall

    Wenn die Besserung bei einem hom. Mittel in so einem Fall nicht nach 12-24 Stunden einsetzt, dann war es das falsche Mittel. Ich bin auch Homöopathin, aber dies war eine lebensgefährliche Situation welche komplett unterschätzt wurde vom Arzt. Ab ins Krankenhaus...homöopathisch hätte man den Jungen auch danach unterstützen können, damit er wieder schnell auf die Beine kommt!!

  • Hildi am 31.05.2017 01:30 Report Diesen Beitrag melden

    Dsr arme Junge

    Mittelohrenentzündung ist was vom schmerzhaftesten, so wie heftige Zahnschmerzen, wie kann man als Eltern das nur 15 Tage mit anschauen mit all den anderen Symptomen wie sehr hohes Fieber etc.... Mir tut einzig und allein der Junge leid und jetzt musste er für die Dummheit seiner Eltern auch noch mit seinem Leben bezahlen. :-(((

  • Rebecca am 31.05.2017 00:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unvorstellbar das Ganze

    man kann gewisse Dinge mit alternativen Methoden "behandeln" wie prüfungsangst, Kamillentee bei Bauchweh , Honig bei Halsweh etc. aber wirkliche Erkrankungen wie Lungenentzündung , Krebs, oder auch mittelohrentzündungen gehören in die Schulmedizin!! Aussage meines Hausarztes (die mich wegen einem bestimmten Thema in die chinesische Medizin schickt) : eine alternativ Methode die nur eine Person "erfunden" hat kann nicht gut sein.. ich Danke dafür dass es die Schulmedizin gibt mit all seinen Forschungen.. denn dadurch lebt mein Sohn.. Danke

  • panthomas am 30.05.2017 23:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst gründlich nachforschen

    Darf ich die Kommentatoren daran erinnern, das die Schulmedizin mehr Menschenleben im Verhältnis zur Alternativmedizin auf dem Gewissen hat! Also bitte zuerst gründlich Nachforschungen anstellen bevor man solche Aussagen macht. Kommentare wie"das Kind würde noch Leben hätte man die Schulmedizin berücksichtigt" sind nur Vermutungen, das kann kein Arzt bestätigen.

    • Tiba mur am 31.05.2017 06:39 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht wirklich

      Da muss man aber ganz klar abwägen mit WAS der Patient zum Alternativmediziner geht. Nich Äpfel mit Birnen vergleichen. Natürlich ist die Letalität bei Krankheiten die ein Schulmediziner inkl. notfällen sieht höher als bei Kügelchenverteilern

    • panthomas am 31.05.2017 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Tiba mur

      Alternativ hat nichts mit Kügelchen Verteiler zu tun. Da haben Sie was verpasst in ihrer Allgemeinbildung.

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