Schweizer in den USA

11. September 2017 19:01; Akt: 12.09.2017 11:30 Print

«Hurrikan Irma hat uns total ausgelaugt»

Hurrikan Irma hat in der Strasse einer Schweizer Familie einige Schäden angerichtet. Der Strom ist weg und das Wasser fliesst nicht mehr ab.

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Der Schweizer Norwin Vögeli lebt in Ponte Vedra Beach in der Nähe von Jacksonville. In seiner Nachbarschaft sah es am Montagmorgen (Ortszeit) so aus. Einen Baum hat es komplett aus der Erde gerissen. Die starken Winde hielten die Familie die ganze Nacht wach. Am Montag erreichte der Sturm seinen Höhepunkt. Die Familie hat keinen Strom mehr. Äste und Sträucher liegen auf der Strasse. Das Haus selber hat aber nur geringe Schäden davongetragen. Nur ein Teil der Dachabdeckung wurde abgerissen. Das grosse Warten auf den Sturm: Norwin Vögeli mit seiner Familie am Sonntag vor seinem Haus. Seit Tagen sitzen sie auf gepackten Koffern: «Wir könnten unser Haus innerhalb von 15 Minuten verlassen.» Sein Haus liegt nur 800 Meter vom Meer entfernt. Dementsprechend ist auch ein Teil seiner Vorräte «ready to go», wie er schreibt. Doch natürlich hat sich die Familie mit mehr Lebensmitteln eingedeckt. Vorratskammer... ...und Kühlschrank sind randvoll. In der Badewanne hat er einen Wasservorrat angelegt, falls das Wasser abgestellt wird. So sah sein Haus am Sonntagvormittag (Ortszeit) aus. Benzin war laut Vögeli Mangelware. Vorboten des Hurrikans in der Nähe von Jacksonville, Florida. Touristin Pema Marsen (25) aus Zürich zeigt, wie sich Orlando auf den Sturm vorbereitet: Ein Nike-Store sichert seinen Eingang mit Sandsäcken ... ... und schliesst seine Pforten bis mindestens zum 12. September. Im Walmart etwa gab es schon Tage vorher kein Wasser mehr, berichtet Pema. Die Bewohner haben sich alle mit dem Nötigsten eingedeckt. Die meisten Läden verbarrikadieren sich ... ... mit Sandsäcken. Auch im Inneren der Läden werden Vorkehrungen getroffen. Mit diesem Plakat werden die Gäste in Marsens Hotel über Irma auf dem Laufenden gehalten. Der Sturm soll voraussichtlich in der Nacht auf Montag gegen Mitternacht auf Orlando treffen. 20 Minuten-Leser Jean-Marc Brandenberger steckt derweil in Havanna, Kuba fest. Dort hat Irma bereits zugeschlagen. Diese Bilder wurden am Samstagnachmittag (Ortszeit) geschossen, als der Hurrikan noch nicht seine volle Kraft entfaltet hatte. Mit einigen anderen Menschen sei er an der Promenade gewesen und habe Fotos und Videos gemacht. «Wir mussten uns dann aber ins Hotel zurückziehen», so der 53-Jährige. Seither harrt er im Hotel aus, teilweise auch ohne Strom. Die Stimmung bezeichnet er als «seltsam». «Die Leute haben drinnen Zigarren geraucht, die Bar und das Restaurant hatten länger offen als üblich.» Der Tourist wollte eigentlich am Sonntag zurückfliegen, der Flug wurde aber annulliert. Die Strassen in Havanna waren am Wochenende gespenstisch leer. Doch auf Kuba ist das Schlimmste vorüber. Schon am Freitag waren die Supermärkte in und um Orlando überlaufen. Leser Sürü Blatter berichtet, er trinke nur noch Milch und Wein, da dass Wasser ausgegangen sei. Jeder wolle ausserdem Schrauben und Holz kaufen, um sein Haus zu sichern. Die Schlangen für Sperrholz seien am Freitag über hundert Meter lang gewesen. Er selber habe noch eine Kreissäge ergattern können.

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Norwin Vögeli (54) hat mit seiner Familie in seinem Haus ausgeharrt, als Hurrikan Irma über seine Stadt Ponte Vedra Beach in der Nähe von Jacksonville hinwegzog. In der Nacht von Sonntag auf Montag habe es stark gewindet, sagt Vögeli zu 20 Minuten. An seinem Haus hat er bisher nur kleinere Schäden feststellen können – unter dem Dach hat es einen Teil der Abdeckung weggerissen.

Die ganze Nacht haben starke Winde die Familie wachgehalten. Seit 1.30 Uhr ist das Haus ohne Strom. Wie lange das Mobilnetz noch funktioniert, weiss der Vater nicht. In der Nachbarschaft bietet sich ein chaotisches Bild: Ein grosser Baum ist umgestürzt, überall liegen Äste und Dreck herum, das viele Regenwasser fliesst nicht mehr ab, sodass ein Teil der Strasse unter Wasser steht.

«Wir sind ausgelaugt»

Andere Schweizer, die in Florida wohnen, haben das Weite gesucht. Leserin Flavia Acostafox ist mit ihrem Mann bereits am Donnerstagmorgen in Miami aufgebrochen. Ihre Wohnung lag im Evakuierungsgebiet, die Gebäude in der Gegend sind nicht sturmsicher. So viele Habseligkeiten wie möglich hatten sie in Plastiksäcke gestopft und im Auto mitgenommen. Insgesamt 40 Stunden war das Paar im Auto bis nach Washington D.C. unterwegs, mit einem Zwischenstopp in Destin, Florida. An über 20 ausverkauften Tankstellen fuhr die 33-jährige gebürtige Bündnerin auf der Suche nach Benzin vorbei, bis sie Glück hatte.

«Wir sind total k. o. – die Ereignisse und Emotionen der letzten Tage haben uns ausgelaugt», sagt sie. Mittlerweile habe sie Kontakt zu Freunden und Familie in Miami aufnehmen können, denen gehe es zum Glück gut. Auch das Bodenbelag-Geschäft, in dem sie als Chefassistentin arbeitet, steht noch. Wie es in ihrer Wohnung aussieht, weiss Acostafox dagegen nicht. Sie kehrt erst am 26. September nach Miami zurück und fliegt zwischenzeitlich noch in die Schweiz.

Ihre Odyssee hat ihr auch die Augen geöffnet für viele Bewohner, die nicht fliehen: «Der grösste Teil der in diesen Gegenden lebenden Personen ist schlichtweg nicht reich genug, sich in ein Auto zu setzen und die teuren Benzinpreise auf einer so langen Stecke zu bezahlen. Viele besitzen nicht mal ein Auto», schildert sie.

Seit zwei Uhr morgens kein Strom mehr

Touristin Pema Marsen aus Zürich steckt in einem Hotel in Orlando fest (20 Minuten berichtete): «Um Mitternacht herum ist der Sturm auf die Stadt getroffen.» Über sechs Stunden lang habe Irma mit voller Kraft gewütet. «Es war sehr laut in den Hotelzimmern und trotz der geschlossenen Fenster und Vorhänge hat man immer einen leichten Wind gespürt.»

Seit zwei Uhr morgens sei der Strom ausgefallen, so die 25-Jährige. «Das Hotel war aber gut vorbereitet, in den dunklen Gängen liegen etwa Leuchtstäbli, damit man trotzdem etwas sieht.» Am Vormittag (Ortszeit) sagte sie zu 20 Minuten: «Das Schlimmste ist jetzt wohl vorüber, es windet aber immer noch stark draussen. Wir müssen voraussichtlich bis 18 Uhr im Hotel bleiben.» Bisher habe sie keine grösseren Schäden gesehen, lediglich einige Äste seien auf der Strasse gelegen.


Überflutete Strassen und umgerissene Bäume: In Florida beginnt nach Irma das grosse Aufräumen. (Video: Tamedia/AP/AFP/Storyful)

(mlr/nk)