Erinnerungen einer Geisel

31. Oktober 2012 17:50; Akt: 31.10.2012 17:50 Print

«Ich führte Gespräche mit meinem Kissen»

946 Tage verbrachte Peter Moore in irakischer Geiselhaft, so lang wie kein anderer. Im Chat-Interview verrät der Brite, wann er sich das Leben nehmen wollte - und warum er es doch nicht tat.

Peter Moores erstes TV-Interview einen Monat nach seiner Freilassung. (Video: Youtube/itnnews)
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Peter Moore war die am längsten gefangen gehaltene Geisel im Irak. Der Brite arbeitete seit April 2007 für das amerikanische IT-Beratungsunternehmen Bearingpoint in Bagdad. Am 29. Mai wurde er zusammen mit vier britischen Wachleuten (die später getötet wurden) von irakischen Polizisten aus dem Gebäude des irakischen Finanzministeriums entführt. Diese waren von einer schiitischen Miliz unterwandert. Am 30. Dezember 2009, nach 946 Tagen Gefangenschaft, wurde er im Austausch für deren Anführer freigelassen. In einem AMA-Interview (Ask Me Anything) auf dem Internet-Forum Reddit beantwortete er am Samstag die vielen Fragen der User. Die Highlights:

Was war der schlimmste Moment Ihrer Gefangenschaft?
Der schlimmste war 2009 als ich erfuhr, dass die anderen Geiseln tot waren.

Was der beste Moment, abgesehen von Ihrer Befreiung?
Das war nach einem Jahr, als sie mir die Handschellen abnahmen und mir erlaubten aufzustehen.

Wie war es, nicht aufstehen zu dürfen?
Im ersten Jahr trug ich Handschellen, Ketten und eine Augenbinde. Ich konnte mich kaum bewegen. Ich wurde sehr krank und meine Muskeln bildeten sich zurück. Als sie mir die Handschellen abnahmen, schmerzten mein Rücken und meine Schultern noch während Monaten.

Wie haben Sie verhindert, den Verstand zu verlieren?
In meinem letzten Jahr hatte ich eine Playstation, das half. Als meine Augen nicht mehr verbunden waren, verband ich Punkte auf der Wand und bildete mir ein, dass es U-Bahn-Haltestellen waren. Ich entwarf einen neuen Computer. Manchmal versuchte ich anhand der Falten der Vorhänge mathematische Probleme zu lösen und führte Vorstellungsgespräche mit meinem Kissen.

Wie hat sich Ihr Leben nach der Befreiung verändert?
Meine Arbeitsmoral hat sich völlig verändert. Früher war ich ein Workaholic, heute arbeite ich nur noch ein paar Monate pro Jahr und den Rest mache ich Urlaub.

Hat Ihnen Ihr Arbeitgeber weiter Lohn den bezahlt?
Ja, ich bekam sogar Lohnerhöhungen. Zwischen März 2007 und Mai 2010 erhielt ich total 270 000 Dollar.

Was machten Sie an Ihren Geburtstagen?
Der einzige interessante Geburtstag war 2009, als man mir einen Kuchen mit einer Kerze brachte.

Wurden Sie gefoltert?
Ich wurde geschlagen, ich hatte gebrochene Rippen und einen Schädelbruch, es gab Scheinhinrichtungen, das ganze Programm. Einmal brachten Sie mich ins Freie, befahlen mir niederzuknien, hielten mir eine Pistole an den Kopf und drückten ab. Hinter meinem Rücken schoss jemand gleichzeitig in die Luft. Ich dachte, ich sei tot.

Was bezweckten die Entführer eigentlich damit?
Ich weiss es nicht, vielleicht wollten Sie mir Angst einjagen – das gelang ihnen auch!! Mich nervte, dass sie mir nicht glaubten, dass ich ein IT-Berater war. Einmal waren Sie überzeugt, ich sei eine Art Nachrichtenoffizier.

Haben Sie jemals einen Arzt gesehen?
Die meisten Wunden verheilten von selbst. Ich habe eine Narbe am Bein, eine Delle am Kopf und ein Zahn musste gezogen werden. Er zerbrach, als ich mit einer Kalschnikow in den Kiefer geschlagen wurde.

Leiden Sie unter posttraumatischem Stresssyndrom?
Ein Militärpsychologe hat mich nach der Befreiung untersucht und Entwarnung gegeben. Natürlich gibt es diese Momente. Ich habe etwa zwei Flashbacks pro Tag, früher waren es zwei oder drei pro Minute.

Wonach sehnten Sie sich am meisten, abgesehen von Ihrer Familie?
Aus mir unerfindlichen Gründen nach Knoblauchbrot.

Was für eine Beziehung hatten Sie zu Ihren Bewachern?
Es gab drei Arten: Die einen waren schlicht bösartig und schlugen uns. Andere machten einfach ihren Job, sprachen aber nicht mit uns. Dann gab es solche, die mehr über uns erfahren und ihr Englisch verbessern wollten.

Empfanden Sie jemals Sympathie für Ihre Entführer? Ich habe den Fachbegriff vergessen.
Stockholm-Syndrom – daran litt ich nicht

Gab es eine Person, deren Erinnerung Sie am Leben hielt?
Als ich entführt wurde, sagte ich Ihnen, dass ich verheiratet sei und schmückte diese imaginäre Ehefrau mit der Zeit immer mehr aus. Die Person basierte auf einer Ex-Freundin.

Haben Sie Ihr das je erzählt?
Ja, sie lebt in Guyana (Südamerika), wo ich arbeitete, bevor ich in den Irak kam.

Dachten Sie jemals über Selbstmord nach?
Ja, als ich vom Tod der anderen Geiseln erfuhr und sie mir die Ketten abnahmen. Ich dachte, es wäre passend, mich mit diesen Ketten zu erhängen. Der einzige Grund, warum ich es nicht tat, war der: Ich hätte die Reaktion der Iraker nicht gesehen.

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Redditor am 31.10.2012 22:29 Report Diesen Beitrag melden

    woah

    schön mal von 20minuten was von Reddit zu hören.

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  • J. Wayne am 01.11.2012 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    weiter so 20min!

    Solche Beiträge sind sehr Informativ! Wünsche mir weitere solche!

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  • Eine Dankbare am 31.10.2012 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ... Und wir regen ins über Blödsinn auf

    Das ist wirklich sehr sehr berührend. Wahnsinn, was dieser Mensch überlebt hat. Solche Nachrichten lassen mich immer wieder dankbar sein... wie gut es mir doch geht. Dem Mann wünsche ich von Herzen alles Gute.

Die neusten Leser-Kommentare

  • J. Wayne am 01.11.2012 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    weiter so 20min!

    Solche Beiträge sind sehr Informativ! Wünsche mir weitere solche!

    • jeannette am 01.11.2012 12:45 Report Diesen Beitrag melden

      unglaublich

      und ich wünsche mir, dass es keine solche mehr gibt...

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  • K. Jammar am 01.11.2012 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Boah ey

    Ich mag solche Interview über alles!!!!!

  • Kahina am 31.10.2012 22:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weibliche Werte

    Bosheit entsteht durch Ungerechtigkeit, Ungerechtigkeit entsteht durch das Fehlen von gültigen Gesetzen. Ich wünsche mir eine Feminisierung in dieser Welt, welche Mitgefühl, Zärtlichkeit und Liebe ins Zentrum stellt. Wie können Menschen nur so grauam sein...

    • Peter am 01.11.2012 00:31 Report Diesen Beitrag melden

      genau.....

      Frauen sind ja so viel besser....... sie machen es einfach hinter dem Rücken. Psychologische Kriegsführung - rumgezicke etc.

    • Klaus am 01.11.2012 08:47 Report Diesen Beitrag melden

      Frauen besser? Nö - anders!

      Öhm, sorry Kahina. Offensichtlich haben Sie kaum Geschichtsbücher gelesen... Ich muss Sie leider enttäuschen. Mächtige Frauen sind und warenoft genauso grausam! Und selbst hinter schwächlichen Diktatoren standen oft blutrünstige Frauen, welche den Kurs angaben! Ihr Glaube, dass eine "Feminisierung" dieser Welt dieselbe liebevoller, zärtlicher und mitfühlender machen würde ist ein romantischer Irrglaube. Es gäbe genügend "gültige Gesetze"? Ja, aber auch Frauen halten sich nicht immer daran! Oder telefonieren Sie nie am Steuer? reden Sie nie bösartig über andere?

    • einer, der es aus erster hand weiss. am 01.11.2012 09:01 Report Diesen Beitrag melden

      nicht so gute Idee...

      da ja immer irgendeine der Herrscherinnen gerade ihre tage hätte, würde vermutlich pausenlos krieg herrschen auf der Welt :D

    • Max Schmid am 01.11.2012 09:03 Report Diesen Beitrag melden

      Absurder Vergleich

      Rumgezicke ist doch noch lange keine Folter. Absurde Äusserung, Peter!!!

    • Brian am 01.11.2012 09:11 Report Diesen Beitrag melden

      Mitgefühl, Zärtlichkeit und Liebe...

      Ich weiss ja nicht in welcher Welt Du lebst, aber diese drei genannten Dinge können durchaus auch von Männern gelebt werden...!

    • empty set am 01.11.2012 09:47 Report Diesen Beitrag melden

      Liebe?

      Frauen = Mitgefühl, Liebe? Hmm diese gehen mir wohl aus dem Weg... Wenn Frauen keinen gemeinsamen Freind haben, machen Sie sich selber fertig... sorry aber das ist so - hinter dem Rücken lästern etc. so begintts.

    • DieNase am 01.11.2012 10:21 Report Diesen Beitrag melden

      Wenn alles so einfach wär

      Natürlich, Frauen an die Macht für eine Welt ohne Krieg!

    • Frau Holle am 01.11.2012 10:32 Report Diesen Beitrag melden

      Ja klar....

      Kahina: Eine Feminisierung in unserer Welt würde bedeuten, dass zwar weniger körperliche Gewalt ausgeübt wird, dafür mehr psychische....da fragt sich welche von beiden schlimmer ist?! Die Bosheit in unserer Welt liegt nicht beim Geschlecht sondern schlicht und einfach bei der fehlenden Toleranz und Empathie allem anderen Gegenüber.

    • Leser am 01.11.2012 10:44 Report Diesen Beitrag melden

      ja richtig...

      Die Geiseln würden dann sicher nicht mehr geschlagen sondern mit Rattengift ernährt. Viel besser...

    • Chris am 01.11.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

      Total genau

      Genau Feminismus ist die Antwort auf alle Probleme... dass ich nicht lache!! Da fragt man sich was schlimmer ist psychische oder körperliche Gewalt.

    • herr frau am 01.11.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

      nicht wirklich

      diese geschichte mit den thai-prostituierten wurde auch von frauen geführt

    • D.R. am 01.11.2012 13:20 Report Diesen Beitrag melden

      So ein Stuss

      Sehen wir's doch einfach ein: Es sind nicht nur die Frauen und auch nicht nur die Männer, es sind einfach MENSCHEN, die so brutal sein können. Ich finde es absolut kindisch, hier noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu machen

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  • Redditor am 31.10.2012 22:29 Report Diesen Beitrag melden

    woah

    schön mal von 20minuten was von Reddit zu hören.

    • Hans Ueli am 01.11.2012 03:26 Report Diesen Beitrag melden

      Jaja

      Ist ja nichts neues

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  • Eine Dankbare am 31.10.2012 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ... Und wir regen ins über Blödsinn auf

    Das ist wirklich sehr sehr berührend. Wahnsinn, was dieser Mensch überlebt hat. Solche Nachrichten lassen mich immer wieder dankbar sein... wie gut es mir doch geht. Dem Mann wünsche ich von Herzen alles Gute.