Gaza-Stadt

27. August 2014 21:41; Akt: 27.08.2014 21:41 Print

Christen trotzen der Hamas mit eigenem Wein

Im Schatten des Kriegs zwischen der Hamas und Israel lässt es sich eine christliche Minderheit nicht nehmen, Wein herzustellen.

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Der Gazastreifen ist zu grossen Teilen zerbombt. Und doch gibt es eine Subkultur, die sich einen kleinen Rest von Lebensfreude erhält. Wie «Vice Magazine» berichtet, stellt eine kleine christliche Minderheit in Gaza ihren eigenen Wein her.

Und das, obwohl der Konsum von Alkohol, seitdem die Hamas 2007 an die Macht kam, verboten ist. In den Läden Gazas gibt es weder Schnaps noch Wein zu kaufen, also greifen die Menschen auf andere Methoden zurück.

«Angst, dass muslimische Freunde Hamas informieren»

«Vice Magazine» hat mit zwei befreundeten christlichen Winzern, Isa und Tony, gesprochen. Trotz des Verbots, wollten sie nicht auf den Genuss von Wein verzichten. «Wein ist einfach ein Teil des Lebens», sagt Tony: «Im Winter hält er warm und ist gut für die Gesundheit.» Die meisten Christen stellten zuhause ihren eigenen Wein her, fügt er an. Denn alkoholische Getränk aus seinem Alltag zu verbannen, würde bedeuten, den Regeln der Hamas zu folgen. Und das wollen sie nicht.

Man müsse beim Herstellen vorsichtig sein, sagt Tony. Wenn er mit seinen Freunden über Wein spricht, müsse er Deckwörter verwenden. Auch Isa teile seinen Wein nicht mit muslimischen Freunden – aus Angst, dass diese die Hamas informieren könnten.

Mehrheit der Trauben aus Israel

Isa hat die Kunst des Kelterns von seinem Vater gelernt. Das Vergnügen fand stets im Geheimen statt, denn: Isa wuchs im Jemen auf. Auch dort war Alkohol verboten.

Um etwa 40 Liter herzustellen, kauft Isa rund 120 Kilogramm Trauben von lokalen Märkten. Die meisten werden aus Israel importiert. Die Trauben zerquetscht Isa mit seinen Händen, oder benutzt einen Mixer. Dann stellt er sie ins Sonnenlicht auf den Balkon, damit sich der Saft vermischt. Der Fermentierungsprozess dauert rund 40 Tage. Zwischendurch filtert er die Schwebstoffe aus dem Wein. «Es ist nicht die beste Art, Wein herzustellen», sagt Isa. Er erklärt: «Italiener haben den Luxus, ihren Wein reifen zu lassen. In Gaza müssen wir diesen sofort trinken, bevor wir erwischt werden.»

Auch seine Kinder helfen ihm oft bei der Verarbeitung der Trauben, sagt Isa. Sie stampfen mit ihren nackten Füssen die Früchte. Manchmal dürfen auch sie vom Wein nippen. Seinem Sohn helfe dies, zu schlafen, sagt Isa.

Christliche Kirche ist Flüchtlingslager

Isa und Tony sind Teil der rund 2000-köpfigen christlichen Gemeinschaft im Gazastreifen. Sie leben ihren Glauben offen aus, gehen zur Kirche und tragen in der Öffentlichkeit kein Kopftuch. Gemäss «Spiegel Online» ist die grösste ihrer Kirchen, die Kirche des heiligen Porphyrios im Süden von Gaza-Stadt, im laufenden Gaza-Krieg mittlerweile zum Refugium geworden. Palästinenser aller Glaubensrichtungen suchen Schutz hinter den dicken Mauern der Kirche.

So berichtete der griechisch-orthodoxe Erzbischof der Kirche laut «The Blaze», dass Hamas-Kämpfer auch das Dach des Gebäudes als Abschussort für ihre Raketen gebraucht hätten.

Nicht einmal die Kirche ist ein sicherer Ort in Gaza. Auch der Hobby-Weinhersteller Isa sagt, er wüsse nicht, wie lange er noch in seinem Haus bleiben könne. 2008 hätten führende Hamas-Kader eine Wohnung in seinem Wohnhaus gekauft. Auch sein Haus wurde schon vom israelischen Militär bombardiert.

(cfr)