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19. Oktober 2017 11:28; Akt: 19.10.2017 11:28 Print

Neonazi ist jüdisch und schwul

Kevin Wilshaw war ein rechtsextremistischer Aktivist. Jetzt steigt er aus – weil er die Widersprüche zwischen Ideologie und der eigenen Biografie nicht mehr erträgt.

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Der Brite Kevin Wilshaw war bis vor kurzem noch ein überzeugter Neonazi. Seit seiner Jugend engagierte er sich in der National Front, einer rechtsextremen Partei, die in den 1970er- und 1980er-Jahren ihre Blütezeit erlebte. Später trat er in die National Party ein. Noch Anfang dieses Jahres nahm Wilshaw an Veranstaltungen der rechtsextremen Szene teil – auch als Sprecher. Im März wurde er wegen rassistischer Online-Hetze festgenommen.

Doch nach 40 Jahren in der rechten Szene gab Wilshaw am Dienstag seinen Rückzug aus der Bewegung bekannt. In einem Interview mit dem Sender Channel 4 schwor er seiner Vergangenheit ab, outete sich als schwul und gab bekannt, dass er jüdische Vorfahren habe. Die Bombe war geplatzt. Doch was bewegt einen Menschen, der über Jahrzehnte einer Ideologie anhing, zu so einem plötzlichen Sinneswandel?

«Erst wenn es dich betrifft, merkst du, dass es falsch ist»

«Bei ein oder zwei Gelegenheiten in der jüngsten Vergangenheit war ich das Ziel des Hasses der Leute, zu denen ich gehören wollte», erklärt Wilshaw gegenüber Channel 4. «Wenn du schwul bist, wird das in der Gesellschaft akzeptiert, aber unter diesen Leuten ist das nicht akzeptabel.» Er sei wegen seiner Orientierung ein- oder zweimal Opfer von Beschimpfungen geworden. «Es ist schrecklich, das zu sagen, aber es ist wahr: Ich sah Menschen, die angeschrien und auf der Strasse bespuckt wurden. Aber erst, wenn es dich selbst betrifft, merkst du plötzlich, dass das falsch ist.»

Mit elf Jahren sei er in die rechte Szene hineingerutscht, weil er seinem Vater habe nacheifern wollen, der schon immer rechtskonservative Ansichten gehabt habe, so Wilshaw. Er selber habe in der Schule nicht viele Freunde gehabt und Teil einer Gruppe sein wollen, die ein Ziel verfolge und Kameradschaft lebe.

Kampf gegen «die Feinde meiner Rasse»

Obwohl seine Mutter jüdisch war, schrieb Wilshaw mit 18 Jahren in seinem Aufnahmeantrag für die National Front, dass der Kampf gegen die Juden – «die Feinde meiner Rasse» – auf globaler Ebene geführt werden müsse, «um effektiv zu sein». Der Begriff «die Juden» habe für ihn nur eine gesichtslose Masse von Menschen, keine Individuen, repräsentiert, verteidigt er sich.

«Sie sind ein Nazi mit jüdischem Hintergrund, der schwul ist», fasst der Interviewer sichtlich irritiert die Widersprüche in Wilshaws Biografie zusammen. Dieser Widersprüche ist sich der Ex-Aktivist bewusst, er fühle sich wegen seiner Vergangenheit «entsetzlich schuldig». Sein früheres Leben habe ihn auch daran gehindert, eine gute Beziehung zu seiner Familie aufzubauen. Er wolle die Vergangenheit auch deshalb loswerden, weil «die Belastung zu gross ist».

Seinem Sinneswandel folgte der Wille, etwas gegen seine früheren Kameraden zu unternehmen, beteuert der Brite, der um die 50 Jahre alt sein dürfte. «Ich möchte den Leuten, die diese Art von Müll verbreiten, Schaden zufügen», sagt Wilshaw. Er wolle zeigen, wie es ist, eine Lüge zu leben und dann Opfer von dieser Art von Propaganda zu werden. Die Gefahr, wegen seines «Betrugs» von früheren Kameraden bedroht zu werden, nimmt er in Kauf.


Hier sehen Sie auf Englisch das ganze Interview mit Kevin Wilshaw (Quelle: Channel 4).

(mlr)