Kolonialstadt renoviert

22. April 2017 17:31; Akt: 22.04.2017 17:31 Print

Umstrittene Schönheitskur für Santo Domingo

von S. Vogt, AP - Die Hauptstadt der Dominikanischen Republik wird für die Touristen aufgehübscht. Die Einwohner fürchten, dass für sie kein bezahlbarer Raum mehr bleibt.

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Traumhafte Strände, Palmen und türkisfarbenes Meer: Wer in die Dominikanische Republik reist, den locken die Touristenparadiese am Wasser. Die Hauptstadt des Karibiklandes lassen die meisten der jährlich fünf Millionen Feriengäste links liegen. Das soll anders werden, deshalb investiert Santo Domingo in ein rund 110 Millionen Euro teures Schönheitspaket. Viele Einwohner ängstigt das - sie fürchten, aus dem Stadtkern vertrieben zu werden.

Santo Domingo mit seinen rund drei Millionen Einwohnern gilt als älteste von Europäern gegründete Kolonialstadt Amerikas. Ihr Gründungsjahr ist 1496, als Gründer ging offiziell der Bruder von Christoph Columbus, Bartolomeo, in die Geschichte ein. Hier steht die erste Kathedrale des Kontinents, das erste Spital, die erste Universität.

Badeferien statt Städtereisen

Schon zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas, im Jahr 1992, wurde die Altstadt teilweise verschönert. Das aber hat nicht ausgereicht, um die Feriengäste ins Zentrum zu locken. Nur 15 Prozent der Touristen sehen sich den Statistiken zufolge die Metropole an, nur drei Prozent übernachten dort. Der Löwenanteil der Besucher setzt auf All-Inclusive-Pakete in den Strandressorts.

Das liegt nach Ansicht der Tourismusbehörden aber auch daran, dass hochwertige Unterkünfte in Santo Domingo Mangelware sind. Daher hoffen sie auf einen durchschlagenden Erfolg der neuen Verschönerungskur. Strassen werden repariert, Gebäude renoviert, die Strassenbeleuchtung wird verbessert – überhaupt soll das Zentrum einfach ansehnlicher werden. Das ehrgeizige Projekt finanziert sich über einen 120-Millionen-Dollar-Kredit der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Ein Grossteil des Vorhabens muss noch vom Kongress des Karibikstaates abgesegnet werden, die ersten Arbeiten aber sind schon angestossen.

Müssen die Einwohner jetzt wegziehen?

Die ersten 30 Millionen Dollar fliessen in neue Anstriche für 800 Häuser, neue Fassaden für 200 Kolonialgebäude, neue Wasserleitungen, Licht und Gehwege. Im Sog des neuen Stadtbilds haben sich bereits rund 300 neue Geschäfte, Restaurants, Cafés und Galerien angesiedelt. Das Zentrum sei «ein Diamant, der poliert werden muss», gibt sich Hotelmanager Silvan Riedel überzeugt.

Mittlerweile entstehen auch Luxusappartements – sehr zur Sorge der Alteingesessenen. «Mehr Touristen hierher zu bringen, kann für uns zum Trauma werden», sagt der 67-jährige Pedro del Castillo. Er ist Vorsitzender des Nachbarschaftsvereins des Altstadtviertels. «Es scheint, als ob angepeilt wäre, dass wir, die Einwohner, wegziehen.»

Mietkosten werden dann rasant steigen

Den Friseur Angelo Louis hat es schon getroffen. Der junge Mann muss sein Minigeschäft, das er für gut 300 Euro im Monat in der Jahrhunderte alten El-Conde-Strasse gemietet hat, verlassen. Das Privathaus wird in den kommenden Monaten mit öffentlicher Finanzspritze saniert. Dann wird der Eigentümer wohl die Miete erhöhen, sagt Louis, so dass eine Rückkehr für ihn nicht mehr machbar sei. «Es trifft uns schwer», sagt er.

Die Befürworter des Projekts versuchen zu beruhigen. Solche Ängste seien nicht angebracht, die Regierung wolle nicht nur wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch ein besseres Leben für die Bewohner des kolonialen Stadtkerns. Die Stadt solle «gerettet werden», betont Programmleiterin Maribel Villalona. Deshalb ziele die zweite Phase des Projekts darauf, bedürftige Familien im historischen Zentrum zu unterstützen, rund 200 Häuser zu sanieren und den Einwohnern Ausbildung und Existenzgründungskredite zu ermöglichen. Sie sollten schliesslich vom erhofften Touristen-Boom mit profitieren.

Leute wie Fidel Perez überzeugt das nicht. Der Fotograf, der in diesem Jahr heiraten will, glaubt nicht, in der aufgepeppten Stadt noch eine bezahlbare Wohnung für sich und seine Frau finden zu können. Für die 350 Euro, die er aufbringen kann, gäbe es höchstens noch ein Zimmer, meint er. «Wir können das Spiel derzeit nur vom Rand aus verfolgen.»