Rekonstruktion des Attentats

08. Januar 2015 21:23; Akt: 11.01.2015 15:54 Print

Das geschah bei «Charlie Hebdo»

Die Welt steht unter Schock seit dem Anschlag auf das französische Satireblatt «Charlie Hebdo». Die Täter sind noch nicht gefasst. 20 Minuten hat den Tathergang rekonstruiert.

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Gegen 11.20 Uhr begeben sich zwei schwarz gekleidete und maskierte Männer, jeder mit einer Kalaschnikow bewaffnet, zur Hausnummer 6 in der Strasse Nicolas Appert im 11. Pariser Arrondissement. Dort ist das Archiv von «Charlie Hebdo» untergebracht. «Ist hier Charlie Hebdo?», schreien die Männer. Als sie ihren Irrtum bemerken, ziehen sie weiter zur Hausnummer 10, wo die Redaktion der Satire-Zeitung sitzt.

Dort treffen die Terroristen auf zwei Reinigungsangestellte und fragen nach der Redaktion. Einer der Männer eröffnet dabei das Feuer und trifft eine Putzkraft. Der 42-jährige Mann wird tödlich verletzt, er ist das erste Todesopfer. Um sich Zutritt zu den Redaktionsräumen zu verschaffen, bedrohen die Brüder eine Zeichnerin des Satiremagazins mit der Waffe. Die Frau öffnet den Männern daraufhin die per Sicherheitscode verschlossene Türe – die Täter sind in der Redaktion.

Zu diesem Zeitpunkt findet gerade die Redaktionskonferenz statt. «Die Männer eröffneten kaltblütig das Feuer auf die versammelten Redaktionsmitglieder und auf den Polizisten, der den Zeichner und Chefredaktor Stéphane Charbonnier schützen sollte», schildert eine Augenzeugin. Der Polizist hat keine Zeit zu reagieren, zehn Menschen kommen in der Redaktion ums Leben, unter anderen Stéphane Charbonnier (Charb) und die Zeichner Georges Wolinski, Jean Cabut (Cabu) und Bernard Verlhac (Tignous).

Nur eine einzige Mitarbeiterin, Corinne Rey, überlebt das Massaker, indem sie sich unter einem Tisch versteckt. Sie hört die Angreifer rufen: «Allahu akbar» (Gott ist gross) und «Wir haben den Propheten gerächt». Das Massaker habe rund fünf Minuten gedauert, sagt Rey später aus. Anwohner geben an, zwischen 20 und 30 Schüsse gehört zu haben.

Um 11.30 Uhr geht bei der Polizei ein Notruf ein, es werden Schüsse aus der Redaktion von «Charlie Hebdo» gemeldet. Die Anrufe kommen von Anwohnern oder Mitarbeitern, welche sich auf dem Dach in Sicherheit bringen konnten. Sofort werden Polizisten dorthin geschickt.

Schüsse auf der Strasse

Die zwei Brüder verlassen das Gebäude und treten auf die Strasse. Dort schiessen sie weiter auf das Gebäude, ein Mitarbeiter auf dem Dach filmt die Männer dabei. Es kommt zum Schusswechsel mit herbeigeeilten Polizisten. Trotzdem gelingt es den Angreifern, in einen schwarzen Citroën C3 zu steigen. Ein Polizeiwagen kommt ihnen entgegen. Sie feuern auf die Windschutzscheibe, dabei wird kein Polizist verletzt.

Der Citroën rast zum 100 Meter entfernten Boulevard Richard Lenoir, wo die Männer auf mindestens einen Polizisten treffen. Ein 42-jähriger Beamter wird von einem Streifschuss getroffen und geht zu Boden. Die Männer steigen aus dem Wagen und laufen auf den Polizisten zu.

Der hebt laut einem im Internet zu sehenden Video die Hände, als einer der Terroristen ihn fragt: «Willst du uns töten?» Wie «Spiegel.de» berichtet, antwortet der Polizist: «Nein, schon gut, Chef.» Einer der Attentäter zögert keinen Augenblick und schiesst dem Polizisten kaltblütig in den Kopf.

Flucht in den Norden

Die Angreifer rennen zu ihrem Auto zurück und rufen erneut: «Wir haben den Propheten Mohammed gerächt! Wir haben 'Charlie Hebdo' getötet!» Mit dem Wagen rammen sie ein anderes Auto, die Fahrerin wird leicht verletzt.

Sie fahren weiter bis zur Porte de Pantin im Nordosten von Paris, wo sie ihr Fluchtfahrzeug abstellen. Im Auto bleibt ein Ausweis eines Täters liegen. Sie überfallen einen Autofahrer und setzen ihre Flucht in seinem Rénault Clio fort, Richtung Norden. Die Polizei verliert ihre Spur.

Die Polizei geht mittlerweile davon aus, die Attentäter identifiziert zu haben. Es soll sich um die beiden Brüder Chérif und Said Kouachi handeln. Die Beamte vermuten, dass sich die Männer in der Gegend von Villers-Côtterets, im Département Aisne, aufhalten. Dort waren am Donnerstagnachmittag etliche Beamte der Anti-Terror-Polizeieinheit RAID und der Gendarmerie-Sondereinheit GIGN im Einsatz. In der Region rund 80 Kilometer nordöstlich von Paris sei ein Auto entdeckt worden, das die beiden Verdächtigen als Fluchtwagen benutzt hätten, hiess es.

(cho/sda)