Kleber, Graffiti, Demo

11. August 2017 16:47; Akt: 13.08.2017 08:22 Print

Spanier wehren sich gegen Touristen-Ansturm

Steigende Mietpreise, tiefe Löhne, Umweltschäden: In Spanien wächst der Unmut über den Massentourismus. Viele Einheimische lassen sich das nicht mehr gefallen.

Bildstrecke im Grossformat »
Spanien erlebt dieses Jahr einen wahren Touristenansturm: Allein in der ersten Jahreshälfte besuchten 36,3 Millionen Menschen das Land – das sind 11,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch nicht alle Spanier profitieren davon. Unter anderem taten Mitglieder der katalonischen linksradikalen Gruppierung Arran, der Jugendorganisation Endavant und der Umweltgruppe Gob ihren Unmut mit einer Sticker-Aktion kund. Am 9. August 2017 klebten Demonstranten Tausende Sticker mit dem Text «Aquest cotxe sobra» «(Dieses Auto ist zu viel») auf Mietautos. Die Flotte der Mietwagen verstopfe die Strassen und belaste die Umwelt, monieren sie. Am 22. Juli 2017 bewarfen Arran-Mitglieder Restaurantgäste mit Konfetti und erschreckten sie mit Leuchtfackeln. Dazu hielten sie Spruchbänder hoch, auf denen stand: «Tourism kills Mallorca» («Der Tourismus tötet Mallorca»). Am 10. August 2017 hat die Landesregierung auf den Balearen der Anti-Touristen-Demo eine Busse von 1200 Euro auferlegt, wie «Mallorca Diario» berichtet. Ein Mann wird beschuldigt, eine unangemeldete Demo organisiert sowie ohne Genehmigung Feuerwerkskörper gezündet zu haben. Er hat die Verantwortung für den Protest auf sich genommen. Auch die hohen Mietpreise in den spanischen Grossstädten sind ein Thema: Viele Einheimische müssten wegziehen, weil Besucher die schönsten Wohnungen belegten, heisst es. Ein Kartenvergleich der Organisation «Ciutat per qui l'habita» («Die Stadt für die, die hier wohnen») macht den Unterschied klar. Im Bild oben: Das Angebot an Ferienwohnungen in Palma de Mallorca für Touristen, unten die knapp fünf leeren Wohnungen, die für Einheimische zur Verfügung stehen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Landesregierung auf den Balearen hat dem Organisator einer Anti-Touristen-Demo in Palma de Mallorca eine Busse von 1200 Euro auferlegt, wie «Mallorca Diario» berichtet. Mitglieder der katalanischen linksradikalen Gruppierung Arran bewarfen am 22. Juli bei einer spontanen Demo Restaurantgäste mit Konfetti und erschreckten sie mit Leuchtfackeln. Dazu hielten sie Spruchbänder hoch, auf denen stand: «Tourism kills Mallorca» («Der Tourismus tötet Mallorca»).

Umfrage
Spanier protestieren gegen Massentourismus. Wie finden Sie das?

Der Mann, der als A.M.M. identifiziert wurde, wird beschuldigt, eine unangemeldete Demo organisiert sowie ohne Genehmigung Feuerwerkskörper gezündet zu haben. A.M.M. hat die Verantwortung für den Protest auf sich genommen.

Es herrscht «Tourismusphobie»

Das Land erlebt in diesem Jahr einen wahren Touristenansturm: Allein in der ersten Jahreshälfte besuchten laut dem spanischen Statistikinstitut INE 36,3 Millionen Menschen das Land — das sind 11,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch nicht alle Spanier profitieren davon. In spanischen Medien ist eine hitzige Debatte um eine sogenannte «Tourismusphobie» entbrannt.

Der Massentourismus führe in Spanien zu prekären Arbeitsbedingungen, überfüllten Strassen, höheren Mietpreisen für Einheimische sowie Umweltschäden, beschweren sich diverse Protestgruppen seit Wochen. Besonders auf Mallorca und in Barcelona gehen sie nun gegen den Massentourismus auf die Barrikaden:

• Sticker-Aktion auf Mietwagen

Unter anderem machten Mitglieder von Arran, der Jugendorganisation Endavant und der Umweltgruppe Gob ihren Unmut mit einer Sticker-Aktion sichtbar: Laut der«Mallorca Zeitung» klebten Demonstranten Tausende Aufkleber mit dem Text «Aquest cotxe sobra» («Dieses Auto ist zu viel») auf Mietautos. Die Flotte der Mietwagen verstopfe die Strassen und belaste die Umwelt.

• Keine Ferienwohnung ohne Zulassung

Auch die hohen Mietpreise in den spanischen Grossstädten sind ein Thema: Viele Einheimische müssten wegziehen, weil Besucher die schönsten Wohnungen belegten. Nun will die Landesregierung auf den Balearen gegen illegale Anbieter von Appartements an Touristen auf Mallorca vorgehen. Denn obwohl die Vermietung von Ferienwohnungen eine Lizenz des Tourismusministeriums erfordert, vermieteten etliche Wohnungsbesitzer ihre Wohnungen im Sommer an Touristen (siehe Bild 10 in der Bildstrecke).

Seit Dienstag wurden deshalb die Kontrollen verschärft: Unter anderem muss der Besitzer eines Apartments im Fall einer Mietdauer von weniger als 30 Tagen nachweisen, dass es sich bei seinen Gästen nicht um Urlauber handelt. Ansonsten drohen Geldbussen zwischen 20'000 und 40'000 Euro.

Auch den grossen Vermittlungsportalen wie Airbnb oder HomeAway wurde nun eine Frist von rund zwei Wochen gesetzt, um ihr Angebot ans neue Regelwerk anzupassen. 30 Portale seien aufgefordert worden, klarzustellen, dass jede angebotene Wohnung die entsprechende Lizenz des balearischen Tourismusministeriums besitze, wie die«Mallorca Zeitung» schreibt. Im Fall von Verstössen drohen den Unternehmern Geldbussen zwischen 40'000 und 400'000 Euro.

Erste Reaktionen auf drohende Bussen

Wie die Zeitung «Ultima Hora» am Donnerstag schrieb, tragen die Massnahmen erste Früchte: Einige Vermieter sollen bereits getätigte Buchungen von Reisenden storniert haben. Die Vereinigung für touristische Vermietungen von Apartments und Wohnungen auf den Balearen (Aptur) hatte ihren Mitgliedern empfohlen, sämtliche Angebote von Wohnungen in Mehrfamilienhäusern aus dem Internet zu entfernen.

Zahlreiche Wohnungsbesitzer reagierten verärgert, da ihre Kunden bereits Anzahlungen getätigt und sogar Flugtickets gebucht hätten. Ausserdem sei völlig unklar, wie und wo man diese Leute nun unterbringen solle.

• Reinigungskräfte mit Protest-Shirts

Auch in der Hotellerie brodelt es: In Hotels und Gaststätten arbeitet fast die halbe Belegschaft mit einem befristeten Vertrag zum Mindestlohn. Die Löhne seien zudem seit 2013 um 40 Prozent gesunken, reklamiert eine Reinigungskraft aus Madrid gegenüber dem Sender «Deutsche Welle». Von rund 100 Euro für eine Hotelnacht in Madrid erhalten die Zimmermädchen gerade einmal drei Euro.

«Der Motor unserer Wirtschaft, der Tourismus, schikaniert uns. Hinter den falschen Sternen zweifelhafter Hotels versteckt sich heute die Ausbeutung. Unsere Arbeitsverhältnisse sind prekär, wir werden um die Sozialversicherung betrogen, uns werden Grundrechte verweigert», sagt Angela Muñoz. Darum habe sich das Personal jetzt in einer Gewerkschaft organisiert. «Wer sich nicht selbst organisiert, wird organisiert», steht auf den T-Shirts der Zimmermädchen.

Die Politik schaltet sich ein

Mittlerweile hat sich Ministerpräsident Mariano Rajoy in die Debatte eingeschaltet. Am Mittwoch erinnerte er laut der Zeitung «Segundo Enfoque» daran, dass der Tourismus für die spanische Wirtschaft «eine Quelle des Reichtums» sei. Rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze hängen nach Angaben des Ministerpräsidenten davon ab. Die Tourismusbranche trägt immerhin rund elf Prozent ans Bruttoinlandprodukt des Landes bei.

Anti-Touristen-Demo von Arran in Barcelona

(Quelle: Facebook/Arran Països Catalans)

(kle)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pico am 11.08.2017 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Alptraum

    Santorini Greece unsere Trauminsel seit 20 Jahren macht jetzt den gleichen Fehler. Es wird gebaut und gebaut von ausländischen Investoren, welche in Griechenland keine Steuern bezahlen. Eine deutsche Firma baut dan Flughafen aus für grössere Flugzeuge und der Mindestlohn sinkt auf 650 Euro. Das Ziel den Tourismus mindestens um 30% zu erhöhen. Alleine 2016 1,7 Mio Fluggäste. Dieses Jahr erlebt, die Trauminsel wird zur Alptrauminsel. Wir gehen ncht mehr.

    einklappen einklappen
  • Stufi81 am 11.08.2017 16:57 Report Diesen Beitrag melden

    Wie denn genau?

    Und wenn keiner mehr kommt geht das Jammern auch wieder los!

    einklappen einklappen
  • Nik am 11.08.2017 21:13 Report Diesen Beitrag melden

    Bei uns?

    Und wer besitzt am Zürichsee die schönsten Villen? Auch keine Schweizer... Die Preise sind viel zu hoch.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tor Ero am 12.08.2017 22:58 Report Diesen Beitrag melden

    Sr

    Die Spanier haben genug von den Touristenhorden die jeglichen Anstand und Respekt verloren haben. Betrifft vor allem Engländer. Mit Abstand sind aber auch Deutsche und Schweizer dabei.

  • Ein Leser am 12.08.2017 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Nur im Sommer

    Und Ende Oktober ist der ganze Wirbel wieder vorbei bis Ende Mai. Dann können die Anwohner wieder in Ruhe leben. Wenn jetzt das ganze Jahr so einen Ansturm währe würde ich mich auch ärgern. Aber im Dezember sind die Strände von El Arenal leer.

    • Ein Leser am 12.08.2017 21:06 Report Diesen Beitrag melden

      Im Januar

      Nachtrag: Ich war mal dort, zur Nebensaison. Die Ortschaften gleichen einer Geisterstadt. Am Flughafen war ich fast alleine. Es ist extrem eindrücklich, das zu sehen.

    einklappen einklappen
  • lrd aus zh am 12.08.2017 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    100% aufschlagen mit Flug!!

    Macht mal das Fliege um 100% teurer dann wird das schon besser!!! Alle teurer machen!!! Hotel, Mietauto usw....

  • Cavi33 am 12.08.2017 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    Fluch und Segen

    Es ist noch nicht lange her da haben fast gleichen Personen über das ausbleiben von Touristen gejammert. Es wird immer Profiteure geben die sich an zuviel Touristen eine goldene Nase verdienen. All die Türkeireisen sind nun zum grössten Teil in Soanienreisen umgebucht worden, die Saufgelagen in Mallorca gibt es nicht erst seit vorgestern.

  • Amanda am 12.08.2017 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Torismus

    Würde mich interesieren wer so viel Geld für ein Haus oder Wohnung (1 Million und mehr)ausgeben kann im Ausland? Ist doch nicht ehrlich erarbeitets Einkommen? Das arbeitente Volk wird immer mehr hintergangen oder?