China

03. März 2015 21:39; Akt: 03.03.2015 21:39 Print

Sie kämpft gegen Smog, weil ihr Baby fast starb

China geht die Luft aus. Die Journalistin Chai Jing hat nun eine aufrüttelnde Doku darüber gedreht – aus tragischem Anlass.

Chai Jings Film auf Youtube. Grosse Teile des Films haben englische Untertitel.
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«Eigentlich haben wir ja Glück», lautet ein Witz aus Peking, «wenn uns die Japaner jemals angreifen wollen, hat ihre Luftwaffe vor lauter Smog keine Chance, uns zu finden.»

Was dahinter steckt, ist weit weniger lustig: Peking ist seit Jahren regelmässig von einer so starken Smog-Glocke überzogen, dass die Stadt als «nicht geeignet für menschliches Leben» gilt, wie die «Welt» schreibt. Im Januar überstieg die Dichte der krebserregenden Feinstaub-Partikel das 25-Fache des Grenzwerts der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und das nicht nur in Peking: In 90 Prozent der chinesischen Städte gilt die Luft als ungesund. Bis zu 500'000 Menschen sollen jährlich daran sterben.

Zwar haben die chinesischen Behörden das Umweltproblem ihres Landes inzwischen erkannt und selbst Vizeministerpräsident Li Keqiang erklärte Umweltschutz zur Chefsache, wie die chinesische Botschaft in der Schweiz schreibt. Geschehen ist aber seither wenig. Für viele Chinesen gehört es zum Alltag, Atemmasken zu tragen. An manchen Orten ist der Smog so dick, dass Kinder noch nie die Sterne gesehen haben.

«Meine Tochter wurde mit einem Tumor in der Lunge geboren»

Auch die Journalistin Chai Jing (39) hatte sich mit der schlechten Luft abgefunden. Während ihrer Reisen als TV-Reporterin spürte sie zwar häufig ein Reizgefühl im Hals. Die Warnungen ihres Körpers ignorierte sie aber meist. Einmal habe sie so starke Schmerzen gehabt, dass sie nicht schlafen konnte. «Da habe ich eine aufgeschnittene Zitrone neben mein Bett gelegt, und es ging wieder», erzählt sie.

Als sie aber herausgefunden habe, dass sie schwanger sei, habe sich alles geändert: «Ich wollte schon immer eine Tochter. Als ich beim Ultraschall zum ersten Mal ihr Herz schlagen hörte, wusste ich, dass mir nichts wichtiger ist, als dass sie gesund ist.»

Ein Wunsch, der nicht erfüllt wurde. Als sie für die Geburt in die USA reiste, machten die Ärzte eine schreckliche Entdeckung: «Meine Tochter wurde mit einem Tumor in der Lunge geboren. Die Ärzte sagten mir, sie sei so jung, dass es eine hohe Chance gebe, dass sie nicht überleben werde.»

Doku aus eigener Tasche finanziert

Chai Jings Tochter hatte Glück. Kurz nach ihrer Geburt wurde sie operiert und der Tumor erwies sich als gutartig. Statt Erleichterung verspürte ihre Mutter aber Angst: «Sobald ich in China angekommen war, roch ich überall den Geschmack von schwarzem Rauch und Feuer. Ich hielt meiner Tochter ein Nastuch über den Mund, damit sie die dreckige Luft nicht einatmen musste.»

Da beschloss Chai Jing zu handeln. Die Journalistin, die nach der Geburt aufgehört hatte, für das chinesische Staatsfernsehen zu arbeiten, stellte sich jetzt wieder vor die Kamera.

Im Film «Qiong Ding Zhi Xia» («Unter der Glocke») dokumentierte sie die Auswirkungen der giftigen Luft auf das Leben der Chinesen. Für den fast zweistündigen Streifen investierte sie aus eigener Tasche ungefähr 160'000 Franken.

Der Film ist in ihrer Heimat ein Reisenerfolg. Viele Chinesen zeigen sich beeindruckt von der Frage: «Wie kann ich meine Tochter in einem so giftigen Umfeld aufwachsen lassen?»

«Film hat das Potenzial, ein Wendepunkt zu werden»

Allein der chinesische Kurznachrichtendienst Sina Weibo zählte am Montag über 280 Millionen Einträge zu dem Film. Sogar die offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei interviewte Jing. Umweltminister Chen Jining gratulierte der Journalistin öffentlich für ihr Engangement, wie die «Zeit» berichtet.

Welche Auswirkungen der Film auf die chinesische Gesellschaft haben wird, wird sich zeigen. Peter Cai vom «China Spectator» spricht von jenem «Film, der China verändern wird». Er schreibt: «Dieser Film hat das Potenzial, der Wendepunkt auf Chinas langem Kampf gegen seine Umweltkrise zu werden».

(nsa)