Green Bank, West Virginia

03. November 2016 16:59; Akt: 03.11.2016 16:59 Print

Ein Funkloch, fast so gross wie die Schweiz

In Green Bank im US-Bundesstaat West Virginia gibt es keinen Handy-Empfang und WLAN ist verboten – in einem 35'000 Quadratkilometer grossen Funkloch.

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Green Bank, West Virginia, ist ein verschlafenes kleines Nest mit 150 Einwohnern, rund vier Autostunden westlich von Washington D.C. Aber Green Bank ist anders als die meisten anderen verschlafenen kleinen Nester, von denen es in den USA unzählige gibt. Rund um Green Bank herrscht absolute Funkstille per Gesetz.

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Das Funkloch heisst National Radio Quiet Zone (NRQZ) und in dem 35'000 Quadratkilometer grossen Gebiet dürfen jegliche Funkanlagen nur mit stark reduzierter Leistung arbeiten. Grund ist das Green-Bank-Observatorium mit dem grössten schwenkbaren Radioteleskop der Welt. Damit untersuchen Astronomen unter anderem den Urknall, befassen sich mit schwarzen Löchern und suchen nach ausserirdischem Leben.

Kein Handy-Empfang und WLAN-Verbot

Um dem Teleskop störungsfreien Empfang zu sichern, wurde 1958 die NRQZ eingerichtet. In Green Bank gibt es keinen Handy-Empfang, drahtloses Internet ist verboten und man kann genau einen Radiosender empfangen. Die NRQZ hat es auch schon ins Fernsehen geschafft. In der Serie «Person of Interest» flieht eine ehemalige Regierungsmitarbeiterin vor staatlicher Überwachung nach Green Bank.

Jonah Bauserman ist Mitarbeiter des Observatoriums und für die Einhaltung der Funkstille zuständig. Seine Ausrüstung ist ein Geländewagen, vollgepackt mit Sensoren, Empfängern und GPS-Peilgeräten. Bauserman kennt jeden drahtlosen Drucker, jedes Funktelefon und jeden Internetrouter in und um Green Bank. Rund 100 illegale WLAN-Netze existieren im 150-Seelen-Ort, wie er der «Süddeutschen Zeitung» erzählte. «Ich melde das meinem Vorgesetzten, das wars dann aber auch. Es klopft niemand von uns an die Haustür und ruft: ‹Mach mal dein Internet aus›.»

«Ich wollte dem Elektrosmog entfliehen»

Selbst wenn sich nicht jeder zu 100 Prozent an die Funkstille hält, ist das Gebiet um Green Bank doch eine Oase der Elektrosmog-Ruhe im Osten der USA. Das haben in den letzten Jahren immer mehr Menschen realisiert und sind in die Gegend gezogen. Eine Bewohnerin ist die Rentnerin Diane Schou, die vor neun Jahren nach Green Bank zog, weil sie in ihrer Heimat in Iowa Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Stiche in der Brust hatte. «Ich wollte dem Elektrosmog entfliehen», sagte sie zur SZ.

Inzwischen hat sie eine Rettungsstation für Menschen eingerichtet, denen es ähnlich geht wie früher ihr selbst. Die Station ist ein Campingplatz mit Holzhütten, Grill und Dixi-Klo. Neben Handy-Empfang und Internet fehlen auch fliessendes Wasser und Strom. Die Flüchtlinge, wie Schou sie nennt, kämen aus den Grossstädten – New York, Washington, Miami und sogar aus Europa.

«Für viele ist die Umstellung ein Schock», erzählt Schou. Die meisten von ihnen würden nur für eine kurze Auszeit nach Green Bank kommen und dann gehe es zurück in die grosse Stadt, zu Facebook und E-Mails. «Die hängen zu sehr an ihren Geräten», findet Sherry Chestnut, eine Einwohnerin des Dorfes, «die halten es hier nicht lange aus.» Die regionale Tourismusbehörde tut sich denn auch noch schwer damit, die Funkstille und das Ruhe-Potenzial zu nutzen, wie die «Süddeutsche» schreibt. Was, wenn das Land überrannt würde von Menschen, die dann womöglich noch bleiben wollen? Dann wäre es vorbei mit der Stille.

(ofi)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robert L. am 03.11.2016 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absichtliche Abschirmung

    Das ist kein Funkloch sondern eine isolierte Zone für die Radio Astrologie, dass die Teleskope keine Störsignale einfangen.

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  • Christoph Hungerbühler am 03.11.2016 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Herrlich

    Einfach paradiesisch. Dann müsste ich nicht mehr tagtäglich all die Handysüchtigen anschauen

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  • prog am 03.11.2016 17:40 Report Diesen Beitrag melden

    Da war ich mal

    Abgesehen von der Funkstille ist Green Bank imposant. Das Teleskop hat einen Durchmesser von 100 (!) Metern. Man stelle sich vor - soviel wie ein Fussballfeld lang ist ...

Die neusten Leser-Kommentare

  • sepp am 04.11.2016 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    mit dem Handy geschrieben

    Dass mich die Handy Nutzer nerven....

  • Berner Bär am 04.11.2016 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Ein schöner Gedanke!

    Könnten wir nicht auch so ein "Funkloch" über der Schweiz einrichten, damit diese teilweise nicht mehr zu ertragende, hirnlose Telephoniererei eingeschränkt wird. Es ist alles Andere als angenehm, wenn man im Bus sitzt und zwanzig Leute in ihre Natels brüllen!

  • GG am 04.11.2016 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich fahre täglich S-Bahn in ZH

    Und kann euch aus Erfahrung sagen. Hier gibt es eine Menge von Funk Löchern.

  • Zack am 04.11.2016 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    Trotzdem Internet

    Die Leute dort können ja trotzdem Internet haben über Lan nur halt nicht Wlan. ;)

    • Abdul-Kevin am 04.11.2016 09:38 Report Diesen Beitrag melden

      Natürlich haben die Internet

      Und nicht wenige werden auch WLAN haben. Einfach so konfiguriert dass das Signal möglichst schwach und nur in einem Teil des Hauses empfangbar ist. Wenn man dann vor der Tür steht, ist keine Netz auszumachen.

    • MR. X am 04.11.2016 11:24 Report Diesen Beitrag melden

      ?!Teleskop für EXTREM schwache Wellen

      Mann, dieses Teleskop ist ja für das gemacht, extrem schwache Wellen aufzufangen, alles innerhalb dieser Zone würde eingefangen werden, egal wie schwach das Signal ist...

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  • Sehnsucht 67 am 04.11.2016 06:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ruhe herrscht

    Das ist sicherlich ein Ort wo sich Menschen von Angesicht zu Angesicht sehen und kommunizieren. Ein Ort ohne nach unten guckende Menschen. Ein ruhiges Fleckchen Erde. einzig eine frage bliebe offen. Sendet dieses Radioteleskop keine gefährliche Wellen?

    • Peter B. am 04.11.2016 09:39 Report Diesen Beitrag melden

      Das ist eine Gigantische Mikrowelle

      Die Menschen dort werden erst ein Jahrzehnt später erfahren, dass die Welt untergegangen ist.

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