Airbus im Sturzflug

17. Mai 2017 10:53; Akt: 22.05.2017 08:40 Print

«Das Flugzeug redet nicht mit mir – es ist ein Crash!»

2008 entging ein Airbus von Qantas knapp einer Katastrophe. Der Autopilot jagte das Flugzeug in einen Sturzflug. Jetzt spricht der Kapitän zum ersten Mal darüber.

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Kapitän Kevin Sullivan fliegt am 7. Oktober 2008 den Airbus A330-300 der australischen Fluggesellschaft Qantas mit der Nummer QF72 von Singapur nach Perth. An Bord sind 303 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder.

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Die Bedingungen sind gut. Als das Flugzeug auf einer Höhe von 11'000 Metern den Indischen Ozean überfliegt, gibt es am strahlend blauen Himmel keine Wolken. Sullivan und sein Co-Pilot Ross Hales lehnen sich im Cockpit zurück, der Autopilot steuert das Flugzeug. Der zweite Co-Pilot Peter Lipsett macht eine Pause. Dann plötzlich schallt ein Alarm durchs Cockpit.

Flugzeug sackt ab

Der Computer an Bord meldete, dass die Minimalgeschwindigkeit unterschritten worden sei – gleichzeitig leuchtet eine zweite Warnmeldung auf mit dem Hinweis, dass die Maximalgeschwindigkeit überschritten sei. «Das kann doch nicht sein!», rief Sullivan, wie der «Stern» schreibt.

Die Nase des Flugzeugs senkte sich nach unten. Kapitän Sullivan versuchte instinktiv, die Maschine nach oben zu ziehen. Doch das gelang ihm nicht. 20 Sekunden lang sackte das Flugzeug ab.

Bordcomputer produzierte Fehler

«Ist das mein Ende?», dachte sich Sullivan, durch das Fenster konnte er den Ozean sehen. Co-Pilot Lipsett aktivierte noch das Anschnallzeichen, doch für über 60 Passagiere und die Kabinen-Crew kam dieses zu spät. Sie wurden durch die Kabine geschleudert. Einige blieben ohnmächtig am Boden liegen.

Erst nach 23 Sekunden gelang es Sullivan, die Kontrolle über die Maschine zurückzuerlangen. Die Piloten stellten fest, dass einer der drei Bordcomputer Fehler produzierte. Das Flugzeug fiel noch einmal 15 Sekunden lang unkontrolliert Richtung Wasser.

«Die Kontrolle zu verlieren, ist das Schlimmste»

«Das Flugzeug redet nicht mit mir. Es ist ein totaler Crash. Die Systeme wollen Anweisungen von mir, aber sie zeigen mir keine Daten an», schildert Sullivan den Oktober-Tag. Acht Jahre nach dem Vorfall hat er sein Schweigen gebrochen und der Zeitung «Sydney Morning Herald» ein Interview gegeben. Die Bilder auf der australischen News-Site zeigen die Zerstörung an Bord.

«Es ist einfach das Schlimmste, in einem Flugzeug zu sitzen und die Kontrolle zu verlieren», doch der Pilot findet: «Du hast eine Wahl: Du kannst resignieren oder du kannst kämpfen.» Und das taten Sullivan und sein Team. Sie sendeten ein Mayday-Signal, ein internationales Notsignal, und bereiteten eine Notlandung vor.

«Ein Science-Fiction-Albtraum, der Wirklichkeit wurde»

Dabei wusste Sullivan nicht, ob die Landeklappen oder das Fahrwerk überhaupt auf seine Befehle reagieren würden. Als letzte Rettung sah der Pilot den Militärflughafen Learmonth nahe der Stadt Exmouth im Westen Australiens. «Neun der zwölf Mitglieder meiner Mannschaft waren verletzt. Wir sassen richtig tief in der Scheisse», erzählt der Pilot im Interview.

50 Minuten später gelang es ihm, den Airbus in Learmonth zu landen. 119 Personen waren verletzt, 12 davon schwer. Doch alle überlebten. «Der QF72-Zwischenfall war ein Science-Fiction-Albtraum, der Wirklichkeit wurde», so Sullivan. Wie Untersuchungen später zeigten, hatte ein «einziger und extrem seltener Impuls» den Bordcomputer durchdrehen lassen.

Airbus baute darauf weitere Schutzfunktionen in die Software ein. «Automatisierung kann von grossem Nutzen sein, doch sie darf nicht die fachliche Kompetenz und Aufgaben der Piloten ersetzen», sagt Sullivan. Das gelte auch bei selbstfahrenden Autos. «Es ist ein Warnsignal», findet der Pilot und fragt: «Kann man auf menschlichen Einfluss wirklich verzichten?»

(vbi)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jemand am 17.05.2017 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Absturz

    Sie haben das Leben von über 300 Menschen gerettet! Sie sind ein Held!

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  • Alumdria841 am 17.05.2017 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pilot vom Hudson River

    Ich dachte Sully ist der Pilot der in New York auf dem Hudson River eine Notwasserung gemacht hatte. So war es auf jeden Fall im Kinofall. War übrigens sehr interessant. Dieser Film kann ich nur weiterempfehlen.

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  • schmiffe am 17.05.2017 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie genau

    schade das ihr nicht mehr informationen über den fehler geliefert habt den der bordcomputer hatte. so viel ich weiss sind alle bordcomputer 2 kanalig was heisst er hätte sein eigenes versagen erkennen müssen und andere hätten seine funktion übernehmen müssen. das muss wirklich ein komischer fehler gewesen sein

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Janina am 18.05.2017 13:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Teufelskerl

    Dieser Sully ist ein Teufelskerl, erst die Notlandung auf dem Hudson und dann die Rettung dieses Flugzeugs! Gratuliere!!

  • Oliver am 18.05.2017 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    Gegenfrage als Informatiker

    Wieviele Passagiere wurden in anderen Flugzeugen gerettet gerade weil Computer Pilotenfehler verhinderten? Ich vertraue Computern mehr als Menschen.

    • Pilot am 18.05.2017 13:24 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Stimmt nicht. Piloten verhindern weit mehr Unfälle, als was sie verursachen. Diese Autopiloten sind äusserst heimtückisch. Selbst erlebt am Montag Abend. Wir flogen gerade über Annecy südlich von Genf in Richtung Fribourg. den Autopiloten haben wir dabei auf das VOR von Fribourg programmiert. Wir konnten von blossem Auge erkennen, dass wir ein paar Grad vom Kurs abweichen würden. Auch wenns nur wenig ist, auf eine solche Distanz ausgerechnet kann auch das fatale Auswirkungen haben. Gerade wenn noch die Alpen in der Nähe sind. Nein wer Computern traut, der lebt gefährlich und ist sehr naiv.

    • Skywalker99 am 18.05.2017 13:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Pilot

      ich verstehe nicht, warum du das als "entweder-oder" siehst. Tatsache ist, dass ein Linienflugzeug (und hier geht es eben nicht um Sportflugzeug wie offensichlich in deinem Fall) von einem System bestehend aus Elektronik (und das geht bedeutend weiter als "dieser Autopilot"-eben zum Beispiel die Flight Envelope Protection), Piloten und der Flugsicherung geflogen werden. Und da gebe ich deinem Vorredner mehr als recht-dieser Verbund ist ein riesiger Sicherheitsgewinn gegenüber einer reinen Kontrolle durch den Menschen.

    • Pilot am 18.05.2017 15:17 Report Diesen Beitrag melden

      @Skywalker99

      Ich habe nie gesagt "Entweder-oder". Ich bin der Meinung es braucht die Fähigkeit der Piloten und die Hilfe der ganzen Elektronik. Doch der Pilot steht klar über dem Computer. Es war eine DA42, welche von vielen Airlines als Schulungsflugzeug verwendet wird. Also nicht irgend eine 50 Jahre alte Cessna. Wir waren zwei Berufspiloten und ein Fluglehrer und keiner konnte sich das Problem erklären. Das selbe passiert auch öfters als man denkt in den von dir hochgelobten Airliner. Ursprünglich habe ich Elektroniker gelernt und arbeitete in der Elektronikentwicklung, habe also nichts gegen Technik.

    • Skywalker99 am 18.05.2017 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Skywalker99

      du wirst mit mir sicher einig sein, dass es technische Lösungen sind, welche das Risiko für einen controlled flight into terrain sehr stark vermeiden? TCAS? Ich bin froh, dass es solche Systeme gibt und vertraue denen. Wie im Auto einem ESP.

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  • Wolly Bully Sully am 17.05.2017 23:30 Report Diesen Beitrag melden

    Sully in Neu York war ein anderer

    Der Sully, der einen Flieger in Neu York auf dem Hudson Fluss landete heisst Chesley Sullenberger, ebenfalls Sully genannt. Wenn Sie also einen Namen haben, der mit "Sull" beginnt und Ihre Freunde Sie "Sully" nennen, ist die Chance gross, dass sie ein Held werden.

  • Micoo am 17.05.2017 22:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aviatik

    Es ist nicht das Erste mal das eine A333 Airspeedsensoren Probleme haben...

    • Logiker am 17.05.2017 22:53 Report Diesen Beitrag melden

      @ Micoo den Möchtegernaviatiker

      Der Sensor ist eines von vielen Teilen, welcher zur Geschwindigkeitsmessung beiträgt. Wieso soll dieser schuld sein? Also: Bitte nicht wild herumspekulieren. Im Text steht auch, dass der Bordcomputer den Fehler produziert hat!

    • Skywalker99 am 17.05.2017 23:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Micoo

      nur waren es nicht die Speedsensoren. Lässt sich alles im australischen Untersuchungsbericht nachlesen. AOA, ADIRU, Alogorithmen etc.

    • Micoo am 18.05.2017 08:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Logiker

      Ich wäre in der Lage eine A320 zu landen, mit 1300h im simulator weis ich schon ein kleines bisschen wie die Maschine funktioniert..

    • Skywalker99 am 18.05.2017 09:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Micoo

      nur haben deine vielen Stunden im Simulator nix mit den "Speedsensoren" zu tun. Übrigens gibt es solche gar nicht, der Speed berechnete Speed braucht mindestens 2 Sensorsignale. Und diese, ststischer und dynamischer Druck, sind getrennt.

    • Micoo am 18.05.2017 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Skywalker99

      mit dem Airspeedindicator wird IAS und TAS berechnet..

    • Skywalker99 am 18.05.2017 09:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Micoo

      ... der Airspeed indicator zeigt die Geschwindigkeit an, errechnet wird die Geschwindigkeit in der ADIRU basierend auf dem statischen und dynamischen Druck welche die ADMs liefern..

    • Micoo am 18.05.2017 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Skywalker99

      okee danke für die nette Info :)) Skywalker Junior ;)

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  • Jeperte am 17.05.2017 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komische zufelle

    Komisch warum werden immer Helden Poluten Sully genent oder war es der Held Pilot der die Notlandung auf dem Wasser in NYC einige Jahre frührt.