Hurrikan Irma

11. September 2017 22:56; Akt: 12.09.2017 07:02 Print

Viele konnten sich eine Evakuation nicht leisten

Millionen Menschen hätten sich vor Irma in Sicherheit bringen sollen. Doch sie hatten keine Lust dazu – oder nicht die nötigen finanziellen Mittel.

Bildstrecke im Grossformat »

TV-Reporter widersetzten sich nicht als einzige den Evakuationsbefehlen. Viele Menschen in Florida hatten keine Mittel, um vor Hurrikan Irma zu fliehen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Hurrikane sind Glücksache. Ihr genauer Verlauf und die Stärke der von Wind und Wasser verursachten Schäden sind schwer voraussagbar. Glück braucht aber auch, wer sich vor dem Sturm mit einer Evakuation in Sicherheit bringen will.

Im Jahrhundertsturm Irma erging an 6,4 Millionen Einwohner Floridas der Aufruf, ihre flutgefährdeten Wohnhäuser zu verlassen und temporär woanders unterzukommen. Wie viele die Aufforderung befolgten, ist nicht genau bekannt. Experten vermuten, dass sehr viele zu Hause blieben, weil sie nicht fliehen konnten.

Widerstand in Key West

Fachleute denken dabei nicht an jene beherzten Hurrikan-Trotzer, die Irma als Mutprobe auffassten. Auf der südlich vorgelagerten Insel Key West zum Beispiel sollen 20 Prozent der Einwohner ausgeharrt haben, berichtete MSNBC am Montag. Ein Mann erklärte, er sei mit Nahrungsvorräten und 60 Litern Wasser auf eine längere Phase der Isolation vorbereitet. Auch die Angestellten der historischen Villa von Ernest Hemingway bunkerten sich ein, anstatt die lange Fahrt mit dem Auto aufs Festland in Angriff zu nehmen.


Vom Hurrikan zum Tropensturm: Satellitenbilder zeigen den Verlauf von Irma. Video: Tamedia/Nasa

Andere hatten grössere Angst vor den Verkehrsstaus als vor Irma. Gouverneur Rick Scott habe zwar gute Absichten, schrieb die Mutter Darlena Cunha aus Gainesville in der «Washington Post». «Doch er kann nicht Millionen über Millionen von Leuten die Evakuation verordnen, ohne ihnen die hierzu nötigen Mittel zu geben.» Evakuieren sei teuer, weiss Cunha. «Man braucht Benzin und einen verlässlichen Wagen. Man braucht gute Gesundheit, um eine lange, angsteinflössende Fahrt mit Tausenden von anderen Leuten zu überstehen. Man braucht Geld, um Notvorräte zu kaufen und den Lohnverzicht wegzustecken.»

1000 Dollar für einen Flug

Für viele ärmere Menschen kam eine Evakuation nicht in Frage. Die alleinstehende 59-jährige Diane Berberian hätte sich einen Flug von St. Petersburg zu Verwandten in Philadelphia nicht leisten können. Wie sie der «Huffington Post» erzählte, hätte sie dafür über 1000 Dollar bezahlen müssen. Als Sehbehinderte könne sie kein Auto lenken. Berberian liess sich von Freunden in einen örtlichen Schutzraum bringen.

Aus Geldknappheit blieben auch viele der Eigentümer von «mobile homes» in ihren Wohnwagen. Valius Derival gab gegenüber dem «Bradenton Herald» einen zusätzlichen Grund an: «Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte.» Der 66-jährige Bauarbeiter im Ruhestand ist einer von insgesamt 54’000 Bewohnern von Mobilhäusern im südlichen Florida. Auch Betty Alexander, 90, wollte in ihrem «trailer park» bleiben. «Ich gehe nicht», sagte sie dem «Herald». «Ich habe Essen, Alkohol und Toilettenpapier. Viel mehr brauche ich nicht.»

Schlechtes Image für Ausharrende

Evakuationsunwilligen werden gemeinhin Vorwürfe gemacht. Nach einer Studie der Northwestern University aus dem Jahr 2010 wurden Opfer des Hurrikans Katrina positiv beurteilt, wenn sie 2005 vor dem Sturm flohen. Ihnen wurden die Eigenschaften «arbeitsam» und «selbständig» zugesprochen. Jene, die in New Orleans verharrten, galten dagegen als «faul», «nachlässig» und «störrisch».

In Wahrheit waren von den Einwohnern, die in New Orleans blieben, 14 Prozent behindert. Nach einem Bericht des «Pacific Standard Magazine» hatten 55 Prozent keinen Zugang zu einem Auto oder einem anderen Verkehrsmittel. Und 68 Prozent besassen weder Geld noch eine Kreditkarte, die sie belasten konnten.

In einer Hinsicht schneiden die Zurückbleibenden sogar besser ab, glaubt Jennifer Collins von der University of South Florida. «Menschen, die einer verordneten Evakuation nicht folgten, hatten verlässlichere Sozialnetze als jene, die gingen», sagt Collins laut ITV News. «Sie fühlten sich wohl dabei, gemeinsam mit ihren Nachbarn und lokalen Gemeinschaften auszuharren.»

(sut)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • abc am 11.09.2017 23:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Armenhaus USA

    Immer mehr bekomme ich den Eindruck, dass die USA ein riesiges Armenhaus sind. Währenddessen kaufen sie sich neue Flugzeugträger, und geben 600 Milliarden Dollar pro Jahr für Kriege rund um die Welt aus.

    einklappen einklappen
  • Jane j am 11.09.2017 23:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ignoranz

    Wir haben keine ahnung was diese Leute gerade durchmachen. Uns geht es gut. Also bitte aufhören zu kritisieren und so zu machen als wenn wir alles besser wüssten.

    einklappen einklappen
  • Fredi Sommer am 11.09.2017 23:02 Report Diesen Beitrag melden

    Haustiere

    Viele Leute hatte noch Haustiere und diese konnten sie nicht in die Notunterkünfte mitnehmen. So blieben sie im Haus.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jamaika Jamal am 12.09.2017 22:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es lebe die Menschlichkeit!

    Menschen in Not und die Fluggesellschaften erhöhen die Preise....

  • simo am 12.09.2017 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    Überteuerung

    Ein normaler Linienflug wurde das Ticket für das Fünfache an die Menschen verkauft. Das Leid wird ausgenutzt viele hätten sich in Sicherheit bringen können wären die Preise geblieben wie sie waren, aber nein es wird wieder am Leid der Menschen profitiert. Hoffentlich werden die gewissen Fluglinien verklagt.

  • Broetli am 12.09.2017 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fake news

    Es wurde allen Bewohnern Hilfe angeboten, Schutzräume und Transport standen zur Verfügung.

  • lidia am 12.09.2017 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    überteuerte flüge

    wie kann es sein dass es kein gesetz gibt, welches überteuerte flüge in notsituationen verbietet..

    • Dani D am 12.09.2017 16:19 Report Diesen Beitrag melden

      Ein Hoch auf die Privatwirtschaft

      Weil die Fluggesellschaften privat sind. Denkt jetzt noch etwas weiter. Und seht was in Zukunft noch alles zum Geldscheffeln missbraucht wird.

    einklappen einklappen
  • Rolf am 12.09.2017 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Danket Trump

    Dieser Trump, will das so. Zuerst kommen wir die reichen man denkt nur an sich selbst. Dann die anderen. Geht zu Ihm. Und bedankt Euch bei Ihm.