Wenn der Berg ruft

07. Juli 2012 15:48; Akt: 07.07.2012 15:48 Print

Mörderische PilgerreiseMörderische Pilgerreise

Hundertausende Hindus – Männer, Frauen und Kinder – pilgern jeden Sommer zu Shivas Höhle Amarnath im Himalaya-Gebirge. Ein Höllentrip, den nicht alle überleben.

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Im Frühtau zu Berge: Gestartet wird Chandanwari (2,895 M.ü.M.), Ziel der Amarnath-Tempel auf 3882 M.ü.M. Gegen diese Pilgerreise ist der Jakobsweg der reinste Spaziergang. Zwar dauert der Trip nur ein paar Tage, aber die haben es in sich. In Chandanwari herrscht grosser Rummel. Tausende machen sich bereit, bis sie an der Reihe sind. Wer Geld hat, mietet sich Träger und Ponyführer. Eine kleine Tanzeinlage von Pilgern. Schliesslich tanzte auch der Hindu-Gott Shiva in dieser Gegend, um die Welt zu segnen. Ein Vater trägt sein Kind auf dem Weg Richtung Shashnag-See. Es ist merklich kälter, die Menschen haben sich in dicke Decken gehüllt. Eine Rast wird zum Beten genutzt. Manch ein Gläubiger nimmt ein Bad im eiskalten Gletscherwasser. Andere posieren vor den Sehenswürdigkeiten am Wegesrand. Je näher man dem Ziel kommt, desto enger werden die Wege. Immer wieder kommt es zu Staus. Erst müssen wieder ein paar runterkommen, bevor man weiterwandern darf. Er war schon oben. Der Pilger lässt sich von den Nachkommenden bejubeln. Weiter gehts zwischen den majestätischen Bergen des Himalaya-Gebirges. In der Nähe von Panitarni stehen Zelte bereit. Auch hier nehmen Unerschrockene ein Eisbad. Die Route führt über ewigen Schnee und durch eisige Bergbäche. Dem Himmel so nah. Für manche ist die Route einfacher, für andere nochmal so strapaziös. Immer wieder kommen Leute entgegen, die schon oben waren. Manchen scheint die Kälte nichts auszumachen. Stellenweise gehts nur noch in Einerkolonne weiter. Ein Träger ächzt unter der Last von Decken. Weiter gehts nach einer kurzen Rast. Die Gegend ist atemberaubend, doch das Gelände wird immer unwegsamer. Die Pilger helfen einander an gefährlichen Stellen. Auch Sicherheitsleute unterstützen die Gläubigen. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Jetzt nur noch ein paar Schritte ... ... und das Ziel ist erreicht. Ein Zeltlager erwartet die müden Pilger. Hier können sich die müden Pilger erholen. Sogar hier oben baden die Mutigsten im Bergbach. Dampf umhüllt die nassen Körper. Doch bis zu der Eissäule in der Höhle dauert es noch. Die Pilger müssen erneut Schlage stehen. Polizisten sorgen dafür, dass keiner aus der Reihe tanzt. Wobei sich die Kleinsten schon mal vordrängeln können. Das ist das Ziel: Shivas Höhle Amarnath ... ... mit dem Lingam, der Eissäule, die mysteriöserweise immer an Vollmond im Juli oder August am grössten ist. In diesem Naturphänomen erkennen gläubige Hindus die Anwesenheit ihres Gottes Shiva.

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Amarnath ist das Ziel der Hindu-Pilger. Eine Höhle auf 3882 Metern über Meer im Himalaya-Gebirge. Hier soll der Gott Shiva einst seiner Gemahlin Parvati das Geheimnis der Unsterblichkeit verraten haben. Fernab von jedem lebenden Wesen, auf dass niemand sonst seine Worte höre.

Jedes Jahr – und das ist laut Wikipedia keine Legende – wächst in den Monaten Juli und August in ebendieser Höhle ein Eisstalagmit, der mit dem Zyklus des Mondes zunimmt und seinen Höhepunkt bei Vollmond erreicht. Und da sich Shiva einst den Göttern Brahma und Vishnu als ebensolche riesige Säule – einen sogenannten Lingam – offenbart hatte, erkennen Hindus in diesem Phänomen die Anwesenheit ihres Gottes.

Grund genug für gläubige Hindus, in dieser Zeit ins Himalaya-Gebirge zu pilgern und den Amarnath-Tempel zu besuchen. Hunderttausende sind jedes Jahr unterwegs. Sie müssen sich vor der Tour an einer offiziellen Stelle anmelden und dürfen danach in Gruppen von bis zu 3500 Personen losmarschieren. Unterwegs bieten private und Regierungsorganisationen unentgeltlich Nahrung und Zelte an. Polizisten schützen die Pilger vor Überfällen und helfen ihnen an schwierigen Stellen.

Dagegen ist der Jakobsweg ein Spaziergang

Auf einer derart gut organisierten Bergwanderung dürfte eigentlich nicht viel passieren, möchte man meinen. Doch weit gefehlt. Gegen diese Reise ist der Jakobsweg der reinste Spaziergang. Den Amarnath-Pilgern drohen viele Gefahren. Nicht nur das teilweise extrem unwegsame Gelände und Schneestürme machen ihnen das Leben schwer. Die Pilgerroute befindet sich im Bundesstaat Jammun und Kaschmir und schon mehrmals haben Freiheitskämpfer die Gläubigen überfallen.

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen überleben nicht alle diese Reise. Allein an der Anstrengung sind dieses Jahr gemäss «The Times of India» bis Freitag, 6. Juli, bereits 32 Menschen gestorben. Um so glücklicher sind die Menschen, welche die mysteriöse Eissäule besichtigen konnten und gesund wieder nach Hause kamen. Richtiggehend selig aber sind die, welche unterwegs zwei Tauben sahen. Denn das müssen die beiden Tiere sein, die der Legende nach versteckt in der Höhle den Worten Shivas gelauscht haben – und das Geheimnis der Unsterblichkeit kennen.

(kmo)