Freie Sicht aus Suite 32135

03. Oktober 2017 16:00; Akt: 04.10.2017 08:25 Print

Der perfide Vorteil des Massenmörders

von Ann Guenter - Dass Stephen Paddock in die Suite 32135 eincheckte, war kein Zufall: Sie bot ihm freien Blick auf die 20'000 Besucher des Route 91 Harvest Festival.

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Stephen Paddock (64) plante das grösste Massaker in der jüngsten US-Geschichte genau. Er buchte einige Tage vor der Tat eine riesige Suite im 32. Stock des Mandalay Bay Hotel in Las Vegas. Gut möglich, dass er schon einmal dort gewesen war. Nach Angaben seines Bruders Eric hielt er sich oft in Las Vegas auf, gambelte dort erfolgreich und erhielt Einladungen von verschiedenen Hotels.

Als er am 28. September im Hotel ankam, fand es niemand merkwürdig, dass er zehn Koffer dabeihatte. Niemand vermutete auch nur im Geringsten, dass der 64-jährige, vermögende Rentner mit dem grauen Haar mit Waffen und Munition eincheckte.

Dass Paddock sich eine Las Vegas Vista Suite aussuchte, war kein Zufall: Suite 32135 sei für all jene, die «die perfekte Aussicht» wollen, heisst es auf der Hotel-Website. Auf dem Platz neben dem Hotelkomplex fand das ausverkaufte Route 91 Harvest Festival statt. 20’000 Besucher auf einen Blick.

Menschenmenge lag ihm zu Füssen

Die über 500 Meter Distanz hielten den Freizeit-Jäger nicht auf. Er hatte mindestens 23 Waffen dabei, einige davon halbautomatisch, andere illegal zum automatischen Sturmgewehr aufgerüstet – die meisten davon AR-15-Gewehre, fürs Zielen auf Distanz gebaut.

Paddock benutzte neben Zielfernrohren auch Stative: Diese erhöhten seine Zielsicherheit, während er im Stehen schoss. Auch Scharfschützen verwenden solche Stative, etwa im Häuserkampf, damit sie und ihre Waffe von aussen nicht entdeckt werden können.

Der grösste Vorteil des Massenmörders war zweifellos seine erhöhte Position im 32. Stock. Selbst ein ungenauer Schuss trifft von oben eine so grosse Menschenmenge, die dem Schützen im wahrsten Sinn zu Füssen lag.

Mit einem Hammer eingeschlagen

Mit einem Hammer zertrümmerte er zwei Fenster seines Zimmers, die Löcher sind unschwer in der Fassade auszumachen. Gegen 23 Uhr begann er, ins Publikum zu schiessen. Die panischen Menschen am Boden begriffen lange nicht, dass sie von so weit oben beschossen wurden. «Menschen», sagt James Gagliano, FBI-Agent im Ruhestand, «sind nicht darauf trainiert, nach oben zu schauen.»

Der Hobby-Jäger hatte seine Beute vor Augen: 20’000 Menschen auf engem Raum. «Er musste nur auf die Mitte zielen und den Abzug drücken», so Gagliano. «Als ob man auf Fische im Aquarium schiesst.»

Noch mehr Angriffsfläche am Boden

Kam dazu, dass sich viele Leute in einer ersten Reaktion auf den Boden warfen – sie anerboten sich damit dem Schützen erst recht. Wollten sie hinter einem Stand oder anderen Objekten auf dem Festivalgelände in Deckung gehen, spürte sie Paddock aus seiner erhöhten Position auf, egal, wo sie sich zu verstecken versuchten.

Paddocks Gewehrsalven in den Videosequenzen legen nahe, dass er zum Schiessen zwei Gewehre auf einmal benutzte.

Die Schusssequenzen sind zudem unregelmässig, stocken mitunter, denn Paddock hatte einige seiner Gewehre mit einem «Bump-Stock» aufgerüstet. Mit diesem Aufsatz kann schneller geschossen werden – bis zu 800 Schüsse in einer Minute. Ein Dauerfeuer auf Ungeschützte während 10 bis 15 Minuten.

Durch Türen auf Swat-Team geschossen

Wie viele Hundert Schüsse Paddock abgab, steht noch nicht fest. Er soll in seinen Räumlichkeiten so viel Schiesspulver freigesetzt haben, dass der Rauchmelder losging, was das Sicherheitspersonal des Hotels alarmierte.

Als die Suite 32135 nach über einer Stunde gestürmt wurde, schoss Paddock erst noch durch die Türen auf sechs Mitglieder des Swat-Teams und verletzte einen Sicherheitsmann. Er tötete sich noch hinter verschlossener Tür selbst.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Glarner am 03.10.2017 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Warum?

    Ich werde wohl nie verstehen, warum ein Mensch in der Lage ist so grausam zu sein. Schade für unseren Planeten, der eigentlich so wundervoll sein kann, aber wir Menschen zerstören ihn.

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  • Werden es nie verstehen am 03.10.2017 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Was läuft hier schief?

    Wie kann ein Mensch zu so einer Tat fähig sein? Warum nehmen solche Massaker immer mehr zu und werden immer brutaler? Waffen gab es schon vor 20 Jahren.

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  • Hund am 03.10.2017 16:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    RIP

    Mein Beileid an allen Betroffenen und viel Kraft in dieser dunklen Zeit. Aber muss die USA nicht einmal über ihre eigenen Waffengesetze nachdenken? Natürlich braucht es dafür Zeit. Nur für einen Gegenvorschlag, wäre es ein Terrorakt gewesen, wird nie solange gezögert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Achi am 04.10.2017 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    Nur das Geld ist wichtig

    Naja, zu perfide um damit Geld zu verdienen scheint es euch ja nicht zu sein oder? Hauptsache Aufmerksamkeit und clicks.

    • Andreas merkel am 04.10.2017 10:35 Report Diesen Beitrag melden

      Das mit dem Geld ist schon richtig, aber

      Perfide ist weder das Gerät an sich noch die Berichterstattung darüber, perfide sind die Geschäftsleute, die am Leid, den Schmerzen der Verletzten und dem Tod gutes Geld verdienen und gerade eine satte Werterhöhung ihrer Aktien erfahren.

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  • Coco am 04.10.2017 08:41 Report Diesen Beitrag melden

    Bloody Sunday

    Mir kommen nur die Trännen. Da gibts nichts zu verstehen.

  • Tim Tim am 04.10.2017 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur das...

    Nicht nur die Sicht war ein Vorteil, sondern auch die vielen Waffen und der Überraschungseffekt. Einfach nur schlimm und sowas von krank....

  • CDR am 04.10.2017 08:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irritation

    Der Mensch, grundsätzlich eine Irritation der Evolution !

  • Chris am 04.10.2017 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    Dichtestress

    Das kennt man von Mäusen auch. Lässt man zu viele auf zu engem Raum, kommt es zu plötzlichen, unmotivierten und grausamen Attacken auf Artgenossen. Es ist eher erstaunlich, dass nicht mehr solches passiert.