Vierfachmord von Annecy

05. November 2012 18:23; Akt: 06.11.2012 10:08 Print

«Er war Schweisser, kein Atomforscher»

Zwei Monate nach dem Vierfachmord bei Annecy reden zum ersten Mal Angehörige des französischen Radfahrers Sylvain Mollier. Er sei niemals das Ziel des Attentäters gewesen, sagen sie.

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Am hat die französische Polizei ein Phantombild eines Motorradfahrers veröffentlicht. Alle Zeugen, die den Mann erkennen, sollen sich bei der französischen Polizei melden. Jetzt wurde ein 48-jähriger Mann verhaftet. Der Killer von Annecy hat die vier Menschen offenbar mit einer Schweizer Waffe erschossen. Laut einem Ermittlungsbericht wurde eine und ist heute als Sammlerobjekt heiss begehrt. wurden in der Nähe des französischen Dorfs Chevaline eine fünfköpfige Familie und ein Velofahrer erschossen. Chevaline liegt in der Nähe von Annecy und rund 60 Kilometer südlich der Schweizer Grenze. Die Gegend ist . Bei den Todesopfern handelt es sich um den Briten (45). Der Vater dreier Kinder arbeitete in der Nuklearindustrie. Die beiden Töchter der al-Hillis haben das Massaker überlebt. Die erlitt einen Schock und ist schwer traumatisiert. Sie hatte sich über acht Stunden unter den Beinen ihrer toten Mutter versteckt und wurde erst gegen Mitternacht von den Polizisten entdeckt. Die 7-jährige Zainab musste im Spital von Grenoble und danach ins künstliche Koma versetzt werden. Am 14. September wurde sie zurück nach Grossbritannien gebracht. Ihre kleine Schwester war schon zuvor in ihr Heimatland zurückgereist. Entdeckt wurde das Massaker von einem . Dieser ist ein ehemaliges Mitglied der Royal Air Force und lebt in Frankreich. Er wurde auf der Route de la Combe d'Ire von einem anderen Velofahrer überholt, der kurz darauf erschossen wurde. Danach fuhren ihm ein 4x4-Fahrzeug («grün oder von dunkler Farbe») und ein Motorrad entgegen. Um traf der Brite auf dem Tatort ein, wo ihm die schwer verletzte Zainab (7) entgegenkam und ohnmächtig umfiel. Er legte das Mädchen in Seitenposition und alarmierte die Polizei. Jedes der Opfer hatte die beiden Männer 5 bis 7 Kugeln. Beim Auto handelte es sich um einen BMW Serie 5 mit britischem Nummernschild, es gehörte Saad al-Hilli. Die Familie al-Hilli campierte auf dem Zuvor war sie auf einem anderen Campingplatz ganz in der Nähe, den sie aber nach wenigen Tagen überstürzt verliess. Laut Aussagen von Zeugen auf dem Campingplatz . Er habe das Gelände mehrmals täglich für ca. eine halbe Stunde mit dem Auto verlassen. Die Familie al-Hilli wohnte in einem . Der Familienvater arbeitete seit 2010 für die Firma Surrey Satellite Technology (SSTL), die zivile Mikrosatelliten baut. Er war laut Aussagen eines Nachbarn im Jahr 2003 wochenlang vom Geheimdienst überwacht worden. Im Haus der al-Hillis im englischen Surrey war am Montag, 10. September, ein eingetroffen, nachdem die Polizei «verdächtiges Material» gefunden hatte. Später gab es Entwarnung, man habe nichts Verdächtiges gefunden. Die Polizei verfolgt nach und prüft, welche Art von Kontakten er noch in sein ehemaliges Heimatland unterhielt. Eine andere Spur fokussiert auf den , der in den Bereichen Satellitentechnologie, Luft- und Raumfahrtbranche tätig war. Dabei spielt seine irakische Herkunft ebenfalls eine Rolle. Weiter wird der Frage nachgegangen, ob es in der Familie al-Hilli zu gekommen war. Vor zwei Jahren war der Vater von al-Hilli gestorben, die Familie wird als vermögend bezeichnet. Der ermordete Familienvater soll Geldstreitigkeiten mit seinem Bruder gehabt haben, was Letzterer aber abstreitet. Auch das Umfeld der erschossenen , wird näher unter die Lupe genommen. Gegen die Schwedin soll es wiederholt Morddrohungen gegeben haben. Ihr Sohn, mit dem sie zusammengewohnt hat, habe mehrfach gedroht, sie und ihren vor einem Jahr verstorbenen Mann umzubringen. Der Sohn ist seit einem Monat «in den Ferien». Und schliesslich geht die Polizei auch der Theorie nach, dass das eigentliche Ziel des Mordanschlags gewesen sei. Dieser arbeitete als Metallurge in der Nuklearindustrie.

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Brutal wurden der britisch-irakische Ingenieur Saad al-Hilli, seine Frau und seine Schwiegermutter vor zwei Monaten in den französischen Alpen hingerichtet. Ein weiteres Opfer des Schützen war der französische Radfahrer Sylvain Mollier. Nun melden sich Verwandte des getöteten Franzosen zu Wort. Sie wollen jegliche Mutmassungen, er sei das Ziel der Schüsse gewesen, im Keim ersticken.

Denn jüngste Berichte haben offenbart, dass er mit fünf Schussverletzungen gefunden wurde - mehr als alle anderen Opfer. Zudem wurde behauptet, er sei als erster erschossen worden.

Metallfabrik gehört Atomkonzern

«Er war ein sehr aufrichtiger Mann, der in normalen Verhältnissen lebte», sagte seine Tante Suzanne Ginolin gegenüber dem brittischen «Telegraph». Sylvain Mollier ist Vater von drei Kindern. Zwei Söhne sind aus erster Ehe. Mit seiner neuen Freundin hat er einen weiteren Sohn. Das Kind wurde wenige Monate vor seiner Ermordung geboren.

Die Cezus-Metallfabrik, bei der Mollier angestellt ist, gehört zum Atomkonzern Areva. Dies führte zu Spekulationen, Mollier könnte an hoch geheimen Projekten beteiligt gewesen und darum umgebracht worden sein.

«Unmöglich», sagt ein Cousin, der seinen Namen nicht nennen will. «Sylvain hat nicht einmal studiert. Er war ein Schweisser, kein Atomforscher.»

Familie war auf Besichtigungsrundfahrt und machte Fotos

Laut Staatsanwalt Eric Maillaud, der die Untersuchung leitet, ermittelt die Polizei immer noch in alle Richtungen. Man sei aber noch weit davon entfernt, ein Tatmotiv oder die beabsichtigten Opfer benennen zu können. Alle möglichen Szenarien, die bisher erwogen wurden, hätten ihre Schwächen.

Klar ist nur: Die vier wurden von einer Person erschossen. Der Attentäter verwendete dabei eine Luger Parabellum, die bis 1949 als Schweizer Armeepistole diente. Der Schütze hinterliess zudem Patronenhülsen und eine Zeugin: Die 7-jährige Tochter der Familie Al-Hilli.

Unwahrscheinlich scheint, dass sich Vater Saad Al-Hilli gezielt mit seinem Killer auf dem abgelegenen Waldparkplatz getroffen hat. Ausgeschlossen wird aber auch, dass die Familie dorthin gelockt wurde. Denn sie sind offenbar in der Gegend hin- und hergefahren und haben immer wieder angehalten, um Fotos zu machen. Auf der Digitalkamera im Auto wurden unter anderem Bilder der Familie gefunden, auf der alle lächelnd vor einem blumenüberwachsenen Bauernhaus aus Stein stehen.

Iraker hätten ihn in ihr Heimatland gelockt

Eine der möglichen Spuren ist nach wie vor der Erbstreit von Saad mit seinem Bruder. Der Vater hatte seinen Söhnen das 1 Million englische Pfund teure Haus in Claygate, Surrey, und viel Bargeld auf einem Schweizer Konto hinterlassen. Saad Al-Hilli lag deswegen mit seinem älteren Bruder Zaid im Streit und beide kommunizierten nur noch über den Rechtsanwalt. In der Verwandtschaft bezweifelt man aber, dass dieser Streit zu den Tötungen geführt hat. Zaid selbst wies von Anfang an jegliche Schuld von sich.

Den Mutmassungen, wonach der Vater von Saad Al-Hilli auf dem Schweizer Bankkonto Gelder des ehemaligen irakischen Herrschers Saddam Hussein versteckte, schenken die französischen Ermittler nicht viel Glauben. Hätte man Al-Hilli umbringen wollen, hätte man ihn in den Irak gelockt und nicht in den französischen Alpen erledigt, heisst es aus inoffiziellen Kreisen.

«Die Wahrheit wird wohl nie ans Licht kommen»

Ein weiteres Szenario: Ein Geisteskranker erschoss die Familie und den Velofahrer grundlos. Behauptet wird auch, dass die Gegend bei Annecy als geheimes Waffenversteck für die baskische Untergrundorganisation diente. Darum überprüft man, ob die Al-Hillis und Sylvain Mollier Zufallsopfer sind und mitten in eine kriminelle Operation stolperten.

Aufgrund der vielen unbeantworteten Fragen scheint die Polizei tatsächlich noch völlig im Dunkeln zu tappen. In Ugine, der Heimatstadt Molliers, bezweifelt man darum, dass die Wahrheit je ans Licht kommt.

(ann)