Massaker von Las Vegas

03. Oktober 2017 11:54; Akt: 03.10.2017 12:25 Print

Was wir wissen – und was noch nicht

Wieso wird ein unbescholtener Bürger zum Massenmörder? Woher hatte Stephen Paddock seine Waffen? Und wieso steigen jetzt die Aktien der Waffenhersteller?

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Was ist passiert?
Am Sonntagabend Lokalzeit kam es in Las Vegas zum schlimmsten Massaker in der jüngeren US-Geschichte: Ein Schütze nahm im 32. Stock des Hotels Mandalay Bay die Besucher eines Country-Festivals ins Visier. Mindestens 15 Minuten lang schoss er auf die schutzlosen Menschen am Boden. Mindestens 59 Menschen starben, mindestens 527 wurden verletzt – entweder durch die Schüsse oder auf der Flucht vor diesen. Als die Polizei sich Zugang zum Hotelzimmer verschaffte, tötete sich der Schütze selbst.

Handelte der Schütze allein?
Davon gehen die Ermittler aus. Die Polizei fahndete zunächst nach einer Frau, die mit dem Schützen zusammenleben soll. US-Medien berichteten zunächst, sie sei mit dem Schützen im Hotel in Las Vegas gewesen – weil er eine Players Club Card, eine Art Casino-Kreditkarte auf ihren Namen, in dem Hotel benutzt hatte. Nachdem die Frau, die derzeit auf den Philippinen in den Ferien ist, gefunden und befragt worden war, erklärte die Polizei, sie habe mit der Tat wahrscheinlich nichts zu tun.

Wer war er?
Beim Täter soll es sich um Stephen Paddock (64) aus Mesquite, Nevada, handeln. Er war ein pensionierter Buchhalter ohne Vorstrafen. Er besass einen Pilotenschein und auch eine Jagdlizenz für den Bundesstaat Alaska. Er sei ein Multimillionär gewesen, der viel Geld in Casinos ausgab und häufig gratis Übernachtungen in den Hotels bekam. Der Schütze hinterlässt zwei Privathäuser im Bundesstaat Nevada, die mindestens 700'000 Dollar Wert haben. Der familiäre Hintergrund des Täters ist schillernd: Sein Vater war ein Bankräuber und wurde zeitweise von der Bundespolizei FBI auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher geführt.

Was war sein Motiv?
Das ist die grosse, ungeklärte Frage. Er könne derzeit nicht in den «Kopf eines Psychopathen» sehen, sagte Sheriff Joseph Lombardo. Und Paddocks Bruder Eric sagte: «Er muss durchgedreht sein.» Er gab an, dass sein Bruder kein Fanatiker gewesen sei, weder politisch noch religiös. Auch einen militärischen Hintergrund oder eine ausgeprägte Passion für Waffen habe der Heckenschütze von Las Vegas nicht gehabt. «Wo zum Teufel hatte er die automatischen Waffen her?», fragte sich Eric Paddock.

Woher hatte er seine Waffen?
Bei Durchsuchungen fanden die Ermittler 23 Waffen, die Paddock in zehn Koffern in seine Hotelsuite gebracht hatte. In seinem Haus in Mesquite fanden sie mindestens 19 weitere Feuerwaffen, Tausende Schuss Munition – aber auch Sprengsätze. In einem seiner beiden Wagen fand die Polizei zudem Ammoniumnitrat, das zur Herstellung von Sprengsätzen verwendet werden kann. Durchsucht wurde auch Paddocks Haus in Reno. Angaben zu möglichen Funden dort machten die Ermittler zunächst keine. Mehrere Waffenhändler aus dem Bundesstaat Nevada bestätigten, dass Paddock Kunde bei ihnen war. Es seien alle notwendigen Überprüfungen durchgeführt worden. Nevada hat eines der lockersten Waffengesetze im Land.

Waffengesetze – was ändert sich?
Wohl nichts. Trotz des folgenreichsten Angriffes mit Waffen in der US-Geschichte gilt es als unwahrscheinlich, dass der Kongress die Gesetze verschärft. Eine Mehrheit der Amerikaner will zwar schärfere Gesetze, gleichzeitig beharrt sie aber auch auf dem Recht eines jeden, eine Waffe besitzen zu dürfen. Zwar häufen sich derzeit die Forderungen nach schärferen Waffengesetzen in den USA, das Weisse Haus aber hält eine Debatte über das Waffenrecht gemäss seiner Sprecherin für «verfrüht». Sie warnte zudem vor Versuchen, «Gesetze zu schaffen», die solche Tragödien «nicht verhindern» könnten. Viele Prominente, Talkmaster, Sportler und Schauspieler bezeichnen die Waffenlobby NRA mittlerweile als «Terrororganisation». Die NRA tut, was sie sie auch nach Massakern wie etwa in Orlando, Florida (49 Tote), San Bernardino, Kalifornien (14 Tote), Sandy Hook, Connecticut (26 Tote), schon tat: Sie schweigt.

Wieso steigen jetzt die Aktien der Waffenhersteller?
Die Papiere von Sturm, Ruger & Co und American Outdoor Brands – dem Mutterkonzern von Smith & Wesson – legten zwischenzeitlich um fast 4 Prozent zu. Dass Waffenaktien mit Kursgewinnen auf Amokläufe und Attentate reagieren, ist nicht ungewöhnlich. Da auf solche blutigen Ereignisse verschärfte Waffengesetze als Konsequenz befürchtet werden, decken sich viele Amerikaner spontan mit Pistolen und Gewehren ein.

War das ein Amoklauf oder ein Terroranschlag?
Ein Terrorakt ist politisch und/oder religiös motiviert, ein Amoklauf hat einen psychologischen Hintergrund. Da über das Motiv des Täters nichts bekannt ist, kann man diese Frage noch nicht beantworten.

Wieso reklamiert der IS die Tat für sich?
Einige Stunden nach dem Massaker von Las Vegas gab der IS über sein Sprachrohr Amaq mit, der Schütze sei vor mehreren Monaten zum Islam übergetreten, der Anschlag ginge also auf Rechnung der Terrormiliz. Das ist eher unwahrscheinlich. In letzter Zeit reklamieren die Terroristen immer wieder Gewalttaten für sich, auch wenn keine Verbindung zur Terrormiliz hergestellt werden kann. So etwa, als im Juni ein Mann in einem Hotel in Manila Dutzende Menschen erschoss, die Polizei aber kein islamistisches Motiv festlegen konnten. Selbst der Mord an einem Jugendlichen in Hamburg beanspruchte der IS letzten Herbst für sich – einen Beleg dafür gibt es aber bis heute nicht. Der IS, in seinem Kerngebiet im Irak und Syrien enorm unter Druck, scheint verzweifelt auf jeden Gewaltszug aufzuspringen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Angst zu verbreiten.

(gux/sda/ap/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniele am 03.10.2017 12:13 Report Diesen Beitrag melden

    Amerikaner

    Obwohl es sehr tragisch ist, was da passierte, bin ich froh das es ein "weisser Amerikaner" war, und kein Latino oder Dunkelhäutiger. Nicht auszudenken wie die Regierung in einem solchen Fall reagiert hätte!

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  • MD1905 am 03.10.2017 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie geht das?

    was ich mich frage wie bringt man 23 Maschinengewehre in das Hotelzimmer????? Wären es 9mm ok die sind klein aber Maschinengewehre und das 23 stk?!?

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  • carmen diaz am 03.10.2017 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    woher wollen wir wissen...

    ...was wir noch nicht wissen, wenn wir das noch nicht wissen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Zürcher am 05.10.2017 07:53 Report Diesen Beitrag melden

    Halb so schlimm

    Ist doch alles halb so schlimm Die Waffenverkäufe steigen, Profit wird generiert, Wirtschaft läuft, Waffenindustrie boomt. Was will man mehr? Haben wir immer noch nicht verstanden, dass Geld wichtiger ist als Menschenleben? Egal ob der Täter weiss ist, schwarz oder caramel, egal ob hier, USA oder Irak, es profitieren immer die Selben davon. Ein hoch auf die freie Welt und den dreckigsten Wirtschaftszweig den es gibt!

  • Robot am 04.10.2017 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht haben sie den falschen

    In 12 Minuten mehrere Tausend Schuss geschossen (nach ein paar Hundert spürst du die Schulter nicht mehr), div. Magazinwechsel, das raucht brutal im Zimmer und die Dinger werden glühend heiss. Dazu noch 2 Positionswechsel in der Zeit. Der ist ein 64 Jähriger Pensionär...ich glaub nicht mehr alles was hier geschrien wird.

    • Prof. Dr. Abdul Nachtigaller am 05.10.2017 08:14 Report Diesen Beitrag melden

      @Robot

      Stative, Bump Stock und 23 Gewehre, lautet die Antwort. PS Mehr als tausend sind nicht mehrere tausend.

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  • G. Nauer am 04.10.2017 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Fall könnte exemplarisch

    für das Aquirieren von lebensmüden Tätern durch den IS sein. Aber nur, wenn die US-Behörden clever sind und nicht zu früh abschliessen. Bei der Prävention haben sie ja schon mal geschlafen: Die Gefahr durch die örtliche Situation haben sie übersehen.

  • walter45 am 04.10.2017 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    Sirklich schlimm was

    da geschehen ist. Ich versuche mich aber zu erinnern, ob bei den Überfallen der Amis in Afghanistan, Irak etc. auch so intensiv berichtet wurde. Mit all den Fragen und Kommentaren nach dem warum und wie konnte das nur geschehen.

    • Wirklich (sic) am 04.10.2017 19:18 Report Diesen Beitrag melden

      Putins Gemetzel in seinen Kriegen ...

      .... ist bei dem ein oder anderen wohl keine Erinnerung wert.

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  • Markus im AG am 04.10.2017 17:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einer der Titel - Auto entwendet

    zum Helfen ; im Text mehrfach zum Spital gefahren. Wie wäre das in der Schweiz, wird das entwenden zum helfen tatsächlich bestraft? Gehe mal davon aus entsprechende Fahrerkategorie ist vorhanden. Welcher Jurist weis bescheid?

    • Juss am 04.10.2017 19:19 Report Diesen Beitrag melden

      LEXWiKi gibt die Antwort:

      Es gibt Situationen, bei denen Personen gezwungen sind, strafbare Handlungen zu vollzuziehen um sich oder andere Personen vor Dritten oder Gefahren zu schützen. In diesen Fällen wird von Notwehr und Notstand gesprochen. Liegt ein Fall von Notwehr oder Notstand vor, so bleibt die Tat entschuldbar und damit straffrei. Wird bei der Notwehr die Verhältnismässigkeit jedoch nicht mehr gewahrt, so spricht man von Notwehrexzess. Beim Notstand wird zudem zwischen rechtfertigendem Notstand und entschuldbarem Notstand unterschieden.

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