Porno-Tycoon Thylmann

20. September 2012 13:27; Akt: 04.02.2013 11:11 Print

Fürst der Fummler

von P. Dahm - Das Internet hat die Pornoindustrie auf den Kopf gestellt. Marktgiganten verschwanden, neue tauchten auf. Zum Beispiel Fabian Thylmann. Der IT-Spezialist aus Aachen gilt als neuer König des Gewerbes.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Manwin-Holding, deren Geschäftsführer und einziger Teilhaber Fabian Thylmann ist, ist spätestens seit März 2010 der grösste Porno-Anbieter der Welt. Damals übernahm das «Dienstleistungsunternehmen» das Geschäft von «Mansef» und «Interhub» aus Montreal. Thylmann war ab 2007 selbst in die Branche eingestiegen, nachdem er zuvor ein Programm betreut hat, mit dem Porno-Seiten messen können, woher ihr Verkehr kommt. Im Sinne von Traffic, meinen wir. Thylmann kaufte die Websites «My Dirty Hobby» und «Privat Amateure» und steigerte ihren Umsatz innert Monaten. «Mansef» und «Interhub» starteten 2003 in Kanada. Fünf Studenten um einen Mann namens Ouissam Youssef starteten Websites wie «Jugg World», «Ass Listing» und «X Rated Chicks». Das Geschäft lohnte sich derart, ... ... dass mit «Jugg Cash» eine Vermarktungsfirma gegründet und mit «Brazzers» eine eigene Bezahl-Fummel-Seite aufgebaut werden konnte. Die Kanadier schlugen ein, weil sie Nischen besetzten. «Doktorspiele» sind dabei noch harmlos. Den grossen Reibach machten die Männer beispielsweise mit grossbusigen Frauen, deren Bilder billig zu haben waren. In Montreal wurden weitere «Special-Interest-Websites» und die Bezahlseite «Mofos» ins Leben gerufen. Eine weitere Nische, die die Gruppe gross machte, sind die ältere Frauen, genannt MILFs. Mit «Digital Playground» gehörte bald auch ein Produzent von Pornofilmen zum Portfolio. Das Problem für Youssef und seine vier Teilhaber waren die verleugneten Beteiligungen an den «YouTube»-Klonen. Weil die gratis geile Clips zeigen, sind sie in der Branche verrufen. Das Doppel-Geschäft flog auf und bis März 2010 werden die Anteile an Thylmann veräussert. Neben Gratis- und Bezahlpornoseiten macht etwa «Webcams.com» gutes Geld. Der Live-Strip mit «persönlichem» Kundenkontakt via Tastatur, Telefon und Webcam kann nicht einfach kopiert und gratis online gestellt werden. Einen Hauch von Seriösität sollen Thylmann und seiner Manwin-Holding Seiten wie Videobash, Celebs oder das Vermarktungsportal Eurorevenue verleihen.

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Für das «New York Magazine» ist er der «Streber-König des Schmutzes», der US-Sender CNBC titelt: «Treffen Sie den König der Pornographie». Der «Focus» rief einen neuen «Herrscher im Reich der Lust» aus und die «Welt» weiss: «Ein Deutscher erregt die Welt». Fabian Thylmann, geboren 1978 in Aachen, ist der Fürst der Fummler. Täglich rufen 60 Millionen Menschen 1,3 Milliarden explizite Seiten auf, die zu seinem Imperium gehören.

Thylmann stieg innert kürzester Zeit zum Sonnenkönig der Sexbranche auf. Noch während er die Internationale Deutsche Schule in Brüssel besucht, begann er als 17-Jähriger mit dem Programmieren. Mit 18 gründet er eine erste Firma, geht pleite, steht wieder auf. «Ich war ein Streber», gesteht er im «New York Magazine». Er entwickelt eine Software, die misst, woher der Verkehr einer Website kommt.

Weil der Datenverkehr auf Seiten mit Geschlechtsverkehr besonders hoch ist, landet seine Arbeit bald bei einschlägigen Anbietern. Das Programm NATS, das er in den 90ern mit zwei Partnern schreibt, wird auf Pornoseiten zum Standard. Der Deutsche lernt dabei das Geschäft von der Pieke auf kennen, denn er installiert seine Software nicht nur, er wartet sie auch. «Er wurde zum ultimative Insider», urteilt ein Produzent im Gespräch mit der «Welt».

Suchmaschinen-Optimierung und Traffic-Analysen

Ende 2006 lässt sich Thylmann von seinen Partnern auszahlen und sucht sich angeblich mit einem einstelligen Millionenbetrag ein neues Betätigungsfeld. Der IT-Spezialist sieht, dass sich die Branche mit dem Aufkommen von YouTube anno 2005 und dessen nachfolgenden Porno-Klonen verändert. «Ich begriff damals, dass es eine verdammt gute Sache wäre, eine Erwachsenen-Website zu kaufen, weil man sie günstig bekam und es offensichtlich Wege gibt, sie zu verbessern.»

Sein erster Kauf ist die Seite «My Dirty Hobby», 2008 folgt «PrivatAmateure». Thylmann ist keiner, der am Set von Porno-Produktionen rumhängt. Im Gegenteil: Der Mann ist verheiratet und wird in jenem Jahr Vater einer Tochter. Seine Einkäufe bringt er mit dem auf Leistung, was er gelernt hat. Er streut Links und Gratis-Bildchen als Appetithappen, betreibt Suchmaschinen-Optimierung und Traffic-Analysen.

Kauf erster Amateur-Seiten

«Unsere Investitionen sind mit sehr spitzem Bleistift durchgerechnet», sagt er einem Branchenblatt anno 2009, doch zu jenem Zeitpunkt läuft es für seine «Virage Media Limited» eigentlich schon wie geschmiert. Der Umsatz seiner beiden Fummel-Angebote steigt innert Monaten um 50 Prozent. 2009 hat er die Schulden abbezahlt, die durch den Kauf entstanden waren. Im Dezember 2010 kann er auf 40 Prozent Umsatzsteigerung zurückblicken. Die Hälfte der Steigerung haben Tube-Seiten wie «xTube» erwirtschaftet.

Heute haben sich auf ihnen 265 000 Filme von 14 000 Darstellern und drei Millionen frivole Fotos angesammelt. Täglich kommen 200 bis 300 Werke dazu, für die 6000 aktive Porno-Darsteller verantwortlich sind. Im Monat kommen die beiden Websites auf 2 bis 3,5 Milliarden Klicks. Das Gros machen die Web-Auftritte mit der «.com»-Endung aus: Während MyDirtyHobby.de von nur 43 000 User pro Monat besucht wird, sind es bei dem .com-Pendant eine Million, weil dort keine strengen Altersfragen gestellt werden.

Thylman investiert weiter in die Sex-Branche. «Ich wüsste nicht, warum wir ein so umsatzstarkes System sterben lassen sollten.» Neben dem Schmuddelgeschäft wolle er sich «auf die qualitativ wirklich hochwertigen Seiten spezialisieren». Der Eigenanspruch wächst: «Wir sind keine kleine Firma mit nur einem Büro.»

Porno-Pioniere aus Montreal machen Thylmann gross

Der 34-Jährige, der auch an einer Disco in Köln beteiligt ist, macht den nächsten Schritt, kauft Webcams.com. Die Live-Strips haben einen Riesen-Vorteil: Die Mädchen kommunizieren mit ihren Kunden im Chat – und das kann man nicht einfach so kopieren. Reich werden die Frauen dabei nicht: Von einem Euro erhalten sie 25 Cent, abzüglich Mehrwertsteuer, wie die «Welt» herausgefunden hat.

Seinen grössten Coup landet der Deutsche jedoch in Amerika, wo ein Porno-Konsortium einen Käufer sucht. Bis März 2010 übernimmt Thylman die Anteile der Mansef- und der Interhub-Holding aus Montreal. Auf einen Schlag kommen die Bezahlseiten Brazzers und Mofo sowie vier Sex-Tubes und mehrere Gratis-Seiten zum Imperium hinzu. Den kolportierten Kaufpreis von 140 Millionen Dollar nennt Thylmann «nah dran».

Mit Videobash, Celebs und «Playboy» seriös werden

Über Wicked Pictures und den Kauf von Digital Playground 2011 wird Thylman laut CNBC sogar Produzent, was der der deutsche und seine Manwin Holding GmbH jedoch bestreiten. Er dreht 120 Filme im Jahr. Gleichzeitig versucht er wie angekündigt, seriöser zu werden. Er sponsert die Kondom-Aktion «Get Rubber» und ruft branchenfremde Web-Auftritte wie die Spass-Seite Videobash oder die Promi-Seite Celebs ins Leben. Dann nimmt er Verhandlungen mit dem sonoren «Playboy» auf: Heute vermarktet er alle Internet- und TV-Aktivitäten des Ur-Sexheftes ausserhalb der USA.

Die Akquise rundet das Portfolio von Thylmans Firma «Manwin» perfekt ab. «Als wir mit Brazzers an die Türen klopften, haben sie uns gebeten, zu gehen, weil sie Angst vor unserem Content hatten. Aber sie haben keine Angst vor «Playboy». Mit Playboy TV haben wir einen Weg gefunden, einen Fuss in die Tür von Google, Samsungs TV-Gruppe und Netflix zu stellen», sagte der Sex-Senkrechtstarter im Januar 2012 bei der «Adult Internet Expo».

Der Deutsche las der Porno-Branche die Leviten: «Ich weiss, dass viele Unternehmen heute mehr verdienen als die Grossen in den Jahren 1998, 1999 und 2000», sagte er. Das Internet machts möglich: «Wenn wir eine Produktion starten, denken wir erst an Online. Wir können später immer noch umschneiden und eine DVD- oder TV-Version machen, aber zuerst wird Online gemacht. Dort muss Geld verdient werden. Alles danach ist ein Zubrot.»

Millionenumsätze, kein Gewinn

Gegen Piraterie sei kein Kraut gewachsen, fügte er an, obwohl auf den Tube-Seiten regelmässig gestohlener Content landet. «Wir müssen einen Weg finden, um es für die Leute interessant genug zu machen, damit sie zahlen.» Thylmann kann das alles mit breiter Brust sagen: Im April 2011 bekommt er eine Finanzspritze von 362 Millionen Dollar, die nach seinen Angaben von zwei Wall-Street-Hedgefonds stammen.

Als die «Welt» beim Firmensitz in Luxemburg nachfragen will, finden die Reporter nur auf leere Büros. Auf Zypern, wo der Gerichtsstand der Firma ist, sollen acht Tochterfirmen zu finden sein, doch in dem Büro gibt es nur fünf. Als die Zeitung einen Finanzexperten zu Rate zieht, meint der, «Manwin» sei ein Fall für die Steuerfahndung.

Dass das den heute im belgischen Raeren lebenden Thylmann schlaflose Nächte bereitet, darf jedoch bezweifelt werden. Das Geschäftsmodell hat ja fast schon Tradition: Dass sich Unternehmen ihre grossen Gewinne kleinrechnen, ist beileibe keine Spezialität des horizontalen Gewerbes.


Er sitzt im Kapuzenpullover auf dem Tisch, während er sein Business erklärt: Fabian Thylmann bei einem seiner raren öffentlichen Auftritte an der «Adult Internet Expo» im Januar 2012 in Las Vegas. Quelle: YouTube/destinationpointru

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die neusten Leser-Kommentare

  • fever am 20.09.2012 18:10 Report Diesen Beitrag melden

    klasse!

    danke für den bericht!