Madagaskar

08. April 2017 10:30; Akt: 08.04.2017 10:30 Print

Die Suche nach Saphiren zerstört die Natur

von Nina Gödeker, AP - Ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet wurden auf Madagaskar riesige Edelsteinvorkommen entdeckt. Nun strömen Zehntausende Menschen in die Region.

Im Süden Madagaskars graben Einheimische seit langem nach Saphiren. (Video: AFP)
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Im Regenwald im Osten des afrikanischen Inselstaats Madagaskar suchen Zehntausende Menschen das grosse Glück. Saphire liegen hier oft nur wenige Meter unter der Erdoberfläche.

Die Aussicht auf ein bisschen Wohlstand lockt Minenarbeiter und Edelsteinhändler ins Gebiet. Aber die Saphirsucher richten im Nationalpark Ankeniheny-Zahamena grosse Schäden an. Naturschützer fordern eine Militärintervention, um Pflanzen und Tiere zu schützen.

Tausende Hektar Wald abgeholzt

Im Gebiet wurden in den vergangenen sechs Monaten mehr Saphire von Spitzenqualität gefunden als in den letzten zwanzig Jahren, wie der Gemmologe Vincent Pardieu erklärt. Er kennt die Minen dort seit mehr als einem Jahrzehnt und war im März zuletzt vor Ort. «Das ist eine grosse Sache», sagt Pardieu.

Edelsteinhändler in der ganzen Welt könnten derzeit grosse und äusserst klare Saphire aus der Region anbieten. «Das ist die wichtigste Entdeckung in Madagaskar in den vergangenen zwanzig oder dreissig Jahren.»

Die Saphirsucher strömen in den Regenwald um das Dorf Bemainty, erzählen Mitarbeiter der örtlichen Behörden. Sie haben bereits Tausende Hektar Wald im Schutzgebiet abgeholzt.

«Es gibt zu viele einflussreiche Leute»

Die gesamte Insel vor der Ostküste von Mosambik verfügt über eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt und die geschützten Wälder im Osten sind «einige der wertvollsten Ressourcen Madagaskars», wie die Weltbank erklärt. In diesem Korridor kommen dem Umweltministerium zufolge mehr als 2000 Pflanzenarten vor, die sonst nirgendwo auf der Welt zu finden sind, sowie 14 gefährdete Lemuren-Arten.

Mit dem Saphirrausch sind die örtlichen Behörden überfordert, daher verlangt Conservation International ein Eingreifen des Militärs. «Wir haben die Regierung mehrfach gebeten, das Heer einzuschalten», sagt Bruno Rajaspera, Projektdirektor der Umweltschutzorganisation, die an der Verwaltung des Nationalparks beteiligt ist.

«Aber es gibt zu viele einflussreiche Leute, die am Handel mit den Steinen verdienen. Die Regierung traut sich nicht, konkrete Massnahmen zu ergreifen.» Das Büro des Ministerpräsidenten wollte sich nicht zu den Anschuldigungen äussern.

«So ziemlich alles ist illegal»

Etwa die Hälfte der qualitativ hochwertigen Saphire weltweit stammen aus Madagaskar, wie Michael Arnstein erläutert, Präsident des Schmuckunternehmens The Natural Sapphire Company, der seit rund zwanzig Jahren auf Madagaskar beruflich zu tun hat.

Ungefähr 70 Prozent des Saphir-Marktes werde von Sri Lankern kontrolliert, die die Steine in ihre Heimat schmuggelten und dort für den Export schleifen liessen, sagt er. Saphire im Wert von rund 150 Millionen Franken würden vielleicht jedes Jahr aus Madagaskar hinausgebracht. Genaue Zahlen seien nicht zu bekommen, da der Markt kaum reguliert sei.

«Es gibt all diese kleinen Wildwest-Operationen», erklärt Arnstein. «So ziemlich alles ist illegal. Es gibt keine Kontrollen, keine Steuern. Es herrscht Chaos.»

Stunden durch den Regenwald

Der jüngste Saphir-Rausch begann vor sechs Monaten. Die Regierung von Madagaskar kam im November zu einer Sondersitzung zusammen und erklärte danach, der Schutz des Nationalparks habe Priorität. Umweltschützer hofften, dass nun auch Soldaten eingesetzt würden, wie schon einmal nach der ersten Entdeckung der Edelsteine 2012. Damals liess die Regierung mehrere sri-lankische Händler festnehmen und abschieben.

Die Händler brächten Arbeiter aus anderen Teilen der Insel ins Schutzgebiet, erzählt Rajaspera. Die Männer nähmen Essen und Ausrüstung mit und wanderten mindestens fünf Stunden durch den Regenwald, um das Abbaugebiet zu erreichen. Mit dem Auto oder dem Motorrad gibt es kein Durchkommen.

Lehrer gehen lieber graben als zu unterrichten

Durch die Neuankömmlinge geriet die Situation ausser Kontrolle. Bis Oktober trafen an der wichtigsten Grabungsstelle täglich 1500 bis 2000 Menschen ein, wie die britische Gemmologin Rosey Perkins erzählt, die damals vor Ort war. Die Arbeiter hätten Reis, Hühner und sogar Ziegen mitgebracht. Es sei ziemlich wild zugegangen.

Die Bewohner der Region Didy, zu der Bemainty und andere Dörfer in der Umgebung gehören, fordern die Regierung zum Handeln auf. Das sagt der Bürgermeister von Didy, Davidson Radoka. Nur wenige von ihnen profitierten von den gefundenen Edelsteinen.

Acht Menschen ermordet

Manche Schulen hätten nicht mehr genügend Lehrer für alle Klassen, weil diese lieber nach Saphiren graben gingen. Mit den vielen neuen Nachbarn sei auch die Nachfrage nach Lebensmitteln gestiegen und die Preise entsprechend in die Höhe geschossen.

Auch die Sicherheit sei nicht mehr gewährleistet, weil kriminelle Banden nachts unterwegs seien, sagt Radoka. Acht Menschen seien seit Ende Dezember in der Region Didy ermordet worden. Hinzu kommen die schlechten sanitären Verhältnisse, die zur Brutstätte von Krankheiten werden können. Erst kürzlich brach Typhus aus.

Menschen kämen in ernste Schwierigkeiten

Die Glückssucher schreckt das nicht ab. Viele sind arbeitslos, andere sind Bauern, die nach zwei Jahren Dürre neue Einkommensquellen suchen. Die Minen scheinen ein lohnendes Ziel, sind die Saphire doch teilweise schon zwei Meter unter der Erdoberfläche zu finden.

«Viele Menschen wären ohne die Edelsteine in ernsten Schwierigkeiten», sagt Pardieu. «Darum tun die Behörden auch nichts. Sie lassen die Leute graben. Sie wollen nicht, dass 20'000 Menschen in der Stadt verhungern.»

«Da liegt eine Lagerstätte neben der anderen»

Die Gemeindevertreter glauben, dass die Zahl der Suchenden noch höher ist und sogar schon 200'000 erreicht hat. Und sie befürchten eine weitere Ausbreitung der Grabungen, sodass noch mehr Wald im Schutzgebiet den Arbeiten zum Opfer fallen könnte.

Davon geht auch Pardieu aus. Er glaubt, dass in den kommenden zehn Jahren noch mehr Saphire und Rubine gefunden werden. «Da liegt eine Lagerstätte neben der anderen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Saphire am 08.04.2017 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Saphire gehören zur Natur

    wenn sie in einem Naturschutzgebiet vorkommen, soll man sie dort in Ruhe lassen. Aber der Mensch ist halt gierig.

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  • Alexis am 08.04.2017 11:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein Pardon

    Das Militär muss durchgreiffen, bevor die Natur noch mehr Einbussen von diesen rücksichtslosen Sammlern erhält! Die Natur mit ihren Tieren wird dadurch unwiederbringlich zerstört!

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  • boka am 08.04.2017 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Trügerischer Reichtum

    Bodenschätze zerstören den Charakter, machen gierig, egoistisch und zuletzt träge. Es ist ein Glück, man hat keine, so, muss man alles selbst erarbeiten, kann seine Potenziale entwickeln und liegt nicht auf einem immer kleineren Ruhekissen, bis nichts mehr da ist. Siehe Russland, Saudis, viele Afrikanische Staaten. Nur Norwegen machte es cleverer und bildete einen Fonds.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • sellao am 09.04.2017 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Naturschutz ohne Schutz

    Wo ist der Staat? Wieso darf jeder in den Naturschutz Gebiet einfach gehen und dort graben??????

  • lhx am 09.04.2017 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung

    Die Leute dort müssten/würden sowas nicht tun wenn 'wir' in den Industrieländern nicht das Bedürfnis hätten solche Edelsteine als Kette um den Hals zu tragen.

  • Henry am 09.04.2017 09:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Raubbau

    Der Mensch geht seit jeher gerne über Leichen, wenns ums materielle "Wohl" geht. Und wenn am Ende eine Leiche Natur heisst. Willkommen ihr Edlen Steine!

  • werner am 09.04.2017 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Sorry

    Und wer rennt den den Steinen nach?-die meisten Afrikaner können sich diese Kleinode gar nicht leisten-dafür füllen sie die Safes und Auslagen der Juweliere rund um den Erdball-besonders die in der Schweiz(Zürich und Genf)-immer schön den Ball flach halten.-ja wenn man nichts hat dann ist der dünneste Strohhalm gut genug.

  • Zeitzeuge am 08.04.2017 23:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Deepwater Horizon

    Madagaskar und Saphire sind doch nur ein Sinnbild für unseren gesamten Raubbau an der Natur. In Brasilien und woanders auch geht es genauso zu. Von der grösste Ölpest redet keiner mehr, Hauptsache billiges Öl