Tabubruch

03. August 2014 10:30; Akt: 04.08.2014 07:17 Print

Pendler sollen miteinander reden

von B.McKernan, AP - Städter neigen zu Einsamkeit. Dagegen treten jetzt selbst ernannte Kämpfer an: Sie wollen Londoner Pendler in Plaudertaschen verwandeln.

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Tausende sitzen mit Kopfhörern in der U-Bahn, die Augen starr aufs Smartphone gerichtet, um Kontakt mit anderen Fahrgästen zu vermeiden – in Grossstädten ein alltäglicher Anblick. In London will eine Kampagne nun das Schweigen durchbrechen und das Image der Stadt als einsamster Ort Grossbritanniens verändern.

Umfrage
Sollen Schweizer Pendler auch mehr miteinander reden?
44 %
50 %
6 %
Insgesamt 11834 Teilnehmer

«Können Sie sich vorstellen, wie anders eine Stadt aussähe, wenn man sich anderen Menschen einfach öffnen könnte, ohne die Befürchtung, dass ein Fremder etwas von einem wollen muss?», sagt Projektkoordinator David Blackwell. Aber: «Mit Fremden zu reden ist ein soziales Tabu. Das ist etwas, vor dem wir übermässig Angst haben», so Blackwell weiter.

Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen verteilt der Kämpfer gegen die Einsamkeit in Grossstädten deshalb Buttons mit der Botschaft «Sprich mit mir, und ich werde mit dir sprechen». Es ist eine Einladung, mit seinem Umfeld ins Gespräch zu kommen, ob in der Bahn, auf dem Weg zur Arbeit oder in der Warteschlange beim Einkaufen.

Studie als Motivation

Motivation für das Projekt war unter anderem eine Studie der Universität Sheffield: Demnach fühlen sich 30 Prozent der Londoner isoliert und nicht als Teil einer Gemeinschaft, was auch Auswirkungen auf ihre emotionale und körperliche Gesundheit hat. Finanziert wird die Initiative über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter: Bisher hat sie umgerechnet über 12'000 Franken eingesammelt.

«Im Prinzip gefällt es mir», sagt Susie Feltz vor einem Imbiss am Camden Market. «Aber ich hätte kein gutes Gefühl, wenn meine 20-jährige Tochter mit einem Button rumläuft, der Widerlingen einen Vorwand gibt, mit ihr zu reden. Junge Frauen bekommen schon genug unerbetene Aufmerksamkeit.»

Laut «Talk to me»-Gründungsmitglied Polly Akhurst sind den Buttons Ratschläge beigefügt, wie unangenehme Gespräche beendet werden können. Rund 3500 Anstecker hat die Gruppe bisher verteilt – ein bescheidener Anfang in einer Stadt mit über acht Millionen Einwohnern. Ausserdem wurden wöchentliche «Talk to me»-Treffen abgehalten.

Interesse aus dem Ausland

Will Laffan nahm vor drei Monaten an einem solchen Event teil. Er hatte die Uni abgeschlossen und war von Irland allein nach London gezogen. Er ist von der Idee überzeugt: «Die Atmosphäre ist einfach komplett anders, wenn du dich dort unterhältst», sagt er. «Die Gespräche haben meinen Horizont erweitert. Ich hatte vorher Schwierigkeiten mit Kommunikation ganz allgemein, aber jetzt ist es viel einfacher für mich.» Schüchterne Kontaktwillige können Karteikarten mit Eisbrecherfragen nutzen; mögliche Gesprächsthemen: «Was macht deiner Meinung nach einen Londoner aus?» oder «Solltest du ein schlechtes Gewissen haben, wenn du eine Menge Geld für dich selbst ausgibst?»

Im August will die Projektgruppe den ersten offiziellen «Talk to Me»-Tag organisieren – mit Flashmobs, Events und einem Picknick wollen sie die Londoner zum Plaudern bringen.

«Talk to me» könnte Schule machen: Die Organisatoren wurden nach eigener Darstellung bereits von Interessenten aus Paris, Berlin, Seoul und einigen Städten in den USA kontaktiert, die ähnliche Projekte starten wollen. In London sei das Feedback insgesamt überwältigend positiv, so Akhurst: «Das einzige Problem, das wir bisher hatten, ist, dass die Leute nicht mehr aufhören zu reden, wenn sie einmal angefangen haben.»

Worüber könnten Fremde miteinander sprechen? Haben Sie Ideen, wie man elegant ein Gespräch beginnt? Teilen Sie sie uns im Kommentarfeld mit.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kain E. Ahnung am 03.08.2014 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    "Ist da noch frei?"

    Heute wird man in Pendlerzügen schon als komischer Vogel angesehen, wenn man sich vor dem Absitzen erkundigt, ob der Platz zu haben sei. Jemanden während der Fahrt ansprechen geht gar nicht, aber lauthals am Handy über die intimsten Dinge telefonieren ist in Ordnung. Komisches Volk diese Pendler...

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  • M.Rissi am 03.08.2014 11:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig aber Wahrheit

    Ist in Zürich genauso keiner intressiert sich für den andern da kann jemand Wochenlang Tot in der Wohnung liegen keiner merkts bis stinkt. Ist kürzlich in Seebach in einem Mehrfamilienhaus passiert

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  • Susanne M. am 03.08.2014 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    Dafür muss man nicht nach London

    das sieht man auch in Schweizer Zügen. Grundsätzlich eine schöne Idee, aber vermutlich schwierig umzusetzen, da man die Mentalität der Menschen nicht so einfach ändern kann. Wir wurden ja nicht von heute auf morgen so, sondern über Jahre hinweg haben wir uns so entwicklet, dies begann schon vor den Smartphones, würde ich mal behaupten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • böööör am 05.08.2014 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    wieso eingebildet?

    Ich persönlich finde es schlimm das man gleich als arrogant und eingebildet gilt, nur weil es Leute gibt die nach der Arbeit ihre Ruhe haben möchten. Das sind dann meisten genau die, welche sonst sehr kommunikativ und überhaupt nicht arrogant sind.

  • Markus W. am 05.08.2014 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    andere Länder - andere Sitten

    Ich habe mich schon sooo oft mit "fremden" Menschen unterhalten, sei es auf der Fähre von New Jersey nach Manhatten rüber, in der U-Bahn, beim Anstehen und und und... und natürlich auch in Zügen.... es gibt doch nix schöneres als diese "tote" Zeit mit etwas Unterhaltung zu versüssen, so lernt man (vor allem im Ausland) Menschen kennen die einem vielleicht den einen oder anderen Tipp geben können. Auch hier in Zügen (als ich noch ÖV fahren musste) habe ich mich gerne unterhalten, die Zeit geht einfach schneller vorbei... manche schauen halt gerne in ein Handy, ich rede gerne mit realen Menschen

  • mann am 05.08.2014 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    singlebörsen und co

    also, wenn man die kommentaren liest, man denkt dass leute Ansprechen stört, aber es ist ok dass 1) halbes Land auf singlebörsen angemeldet ist 2) leute sich betrinken müssen, um etwas offener zu werden 3) die gesellschaft kalt und egozentrisch ist und dass viele menschen wegen einsamkeit sich umbringen ("selberschuld wenn er/sie nicht viele freunde hat, nicht mein problem"). lächeln, leute, das Leben ist schon! und ihr werdet ein Tag auch einsam euch fuhlen, dann werdet ihr bereuen, jemanden im Zug ignoriert zu haben

  • suzanna am 05.08.2014 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Hugo und die Anmache

    lieber Leser Hugo: wenn eine Frau es als Anmache auffasst, wenn du ihr ein Kompliment machst, musst du nicht überrascht sein - denn genau das ist es, sonst hättest du mit ihr übers Wetter geredet, aber nicht über ihr Aussehen. Wenn sich ein Mann mit mir unterhält, kommt früher oder später die Frage nach der Telefonnummer oder ob wir einen Kafi trinken, trotz Ring am Finger, und deshalb lass ich es lieber ganz sein.

  • ausläder am 05.08.2014 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    total pro

    ich nehme seit 2 jahren immer den gleichen Zug, und sehe jeden Tag die gleiche Leute. alle ruhig, mit Augen auf Handy oder schauen sie draussen, leider fahren wir fast nur in Tunnels. dunkelheit ist so schon! niemand redet, ansprechen ist Tabu. ich lache manchmal laut wenn Beule lese :D und NIEMAND fragt mir zu schauen oder zu zeigen oder kommentiert. ich erwarte nicht mit alle in gespräch zu kommen, einige brauchen Ruhe und ist ok, aber so ist es auch deprimierend, besser mit einem Mensch reden als IMMER in whatsapp schreiben oder? als Ansteckpin in Zuri, bald bitte!!!!