Der echte «Wolf of Wall Street»

16. Januar 2014 16:38; Akt: 16.01.2014 22:19 Print

Geld, Gier, Drogen und innere Leere

Heute läuft Martin Scorseses Werk mit Leonardo DiCaprio in den Schweizer Kinos an. Ohne Jordan Belfort wäre es nie zu diesem Film gekommen: Im richtigen Leben ist er der zwielichtige Banker.

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Jordan Belfort (51) ist in den 80er- und 90er-Jahren eine Legende in der US-Finanzwelt: Als windiger Finanzjongleur stellt er junge Broker an, lässt sie auf die Wall Street los und zieht Tausenden ein Vermögen aus der Tasche. Um insgesamt über 200 Millionen Dollar bringt er seine Anleger – sie warten bis heute auf ihr Geld.

Belforts grosses Vorbild damals, so verrät er dem «New York Magazine», ist eine Filmfigur: Gordon Gecko, der rücksichtslose Börsenmakler aus Oliver Stones «Wall Street». Auch Belfort treibt die Gier nach Geld um. Zweimal täglich versammelt er seine Mitarbeiter in den Büros bei Long Island und peitscht sie zu immer noch riskanteren Aktiendeals an. Das Motto: Buy or die, kauf oder stirb.

Seine Firma nennt er Stratton Oakmont – weil es so schön britisch klingt und demzufolge seriös wirke. Hier fährt er jeweils in seinem weissen Ferrari Testarossa vor, einer wie ihn Don Johnson in der Serie «Miami Vice» hatte.

Multimillionär mit 26 Jahren

Als 16-Jähriger verkaufte Belfort noch Eis und Bagels, als 26-Jähriger hat ihn der dubiose Aktienhandel zum Multimillionär gemacht. Ein Hansdampf in allen Gassen – im höchsten Grad drogenabhängig: «Ich nahm an einem Tag genug Drogen, um ganz Guatemala ruhigzustellen.» Für eine kurze Geschäftsreise in die Tschechoslowakei packt er eine braune Louis-Vuitton-Reisetasche voll mit «Gras, 60 Methaqualon-Pillen, Aufputsch- und Beruhigungstabletten, einen Plastiksack voller Kokain, ein Dutzend Ecstasy-Pillen und dann das legale Zeug wie Morphium, Valium, Vikodin.»

Entsprechend wild sind seine Eskapaden: Er kauft sich Luxusautos, nur um sie, vollgepumpt mit Drogen, zu Schrott zu fahren. Auch einen Helikopter tut er sich zu. Diesen soll er keine 24 Stunden später in seinem Garten zum Abstürzen gebracht haben. Gier, Geld, Drogen und eine grosse innere Leere. «Ich dachte immer, dass ich mich besser fühle, wenn ich von allem mehr habe.»

Auch Anerkennung braucht er viel. Als er und ein Freund schwimmen gehen und dieser fast ertrinkt, beatmet ihn Belfort Mund-zu-Mund. «Schliesslich regte er sich – indem er mir seinen vorher gegessenen Hamburger in den Mund erbrach.» Als Notarzt und Polizei kommen und Belfort einen Helden nennen, tut er so, als ob er sie nicht verstanden habe. «Ich wollte, dass sie es wiederholen.»

Prostituierte im Keller, Zwerge am Freitag

In den Stratton-Oakmont-Büros werden Vermögen gescheffelt und wilde Partys gefeiert. «Nicht jede Firma kann von sich sagen, dass sie Nutten im Keller, Drogendealer auf dem Parkplatz und exotische Tiere in den Gängen hatte. Dazu gab es an den Freitagen jeweils die Zwerge-Werfen-Wettbewerbe», so Belfort. Martin Scorsese hat all dies in seinen Film aufgenommen.

Wer denkt, das sei überspitzt, irrt. «Ich kann nur sagen, dass der Film nicht übertreibt, das meiste trug sich so zu», sagt FBI-Agent Greg Coleman. Er ist es, der Belfort zu Fall bringt. Wegen mehrfachen Betrugs und Geldwäscherei.

Geldwäscherei in der Schweiz

Der FBI-Mann braucht sechs Jahre, um Belfort festzunageln. «Der Wendepunkt kam», so Coleman, «als Belfort so viel Geld hatte, dass er es ausser Landes schaffen musste.» Doch Coleman und sein Partner sind Spezialisten für Geldwäscherei, kennen jeden Trick und Kniff auf dem Gebiet.

Während Belfort sein Geld auf Schweizer Bankkonten deponiert, setzen sich die Agenten mit den Schweizer Behörden in Verbindung. «Wir konnten Belfort und seine Geschäftspartner an der Steuerhinterziehung aufhängen. Dazu trieben wir Zeugen auf, die ihnen geholfen hatten, das Geld aus den USA zu schmuggeln. Damit gingen wir zu den Schweizer Behörden. Sie sollten uns Informationen über die Banker geben, die mit Belfort in Genf zusammenarbeiteten. Das alles brauchte seine Zeit, denn damals war das Schweizer Bankgeheimnis noch intakt und wir mussten die Behörden davon überzeugen, dass sie uns mit den nötigen Informationen versorgten. Schliesslich aber mussten Belforts Banken mit uns zusammenarbeiten.»

Belfort wird 1998 verhaftet und 2004 zu vier Jahren Haft verurteilt. «Bei der Urteilsverkündung weinte er wie ein Baby», so FBI-Mann Coleman. Die Strafe kann er auf 22 Monate herunterhandeln, weil er seine Kollegen bei der Staatsanwaltschaft verpfeift. Seine Zelle teilt er mit dem wegen Drogenverkaufs inhaftierten Komiker Tommy Chong, bekannt aus den Kifferfilmen «Cheech and Chong».

«Verbrechen zahlt sich aus»

Belfort muss seinen 1500 Anlage-Opfern eine Wiedergutmachungssumme von 110,4 Millionen Dollar leisten. Bis jetzt hat er davon 11,6 Millionen abbezahlt – die Hälfte seines Einkommens, das er mittlerweile durch Bücher, Immobilienverkäufe und Filmrechte erzielt («The Wolf of Wall Street» allein bringt ihm zwei Millionen Dollar ein).

Das meiste Geld fliegt ihm aber durch seine Auftritte als Motivationsredner zu. Bis zu 30'000 Dollar soll der Charismatiker jeweils einsacken. «Er manipuliert die Menschen wie kaum ein anderer», so FBI-Agent Coleman.

Belfort selbst ist nur bedingt einsichtig: «Ich möchte nicht so rüberkommen, als ob das, was ich getan habe, richtig war», sagt er, «aber mit armen Leuten hatte ich es damals nicht zu tun.»

«Ich traf in meiner Karriere auf zwei Verbrechertypen», sagt FBI-Mann Coleman. «Die Schlechten, die Schlechtes taten, und die grundsätzlich Guten, die einen Fehler machten, diesen bereuten und nicht wiederholten. Belfort gehörte zu den wirklich Schlechten.» Der Polizist sagt resigniert: «Verbrechen zahlen sich aus.»


Doku: Jordan Belfort über Jordan Belfort

(Quelle: Youtube/Theroomlive.com)

Trailer von «Wolf of Wall Street»

(Quelle: Youtube/Paramount Pictures )

(gux)